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Der Fall Heinz G. bewegt Bayern

Es sitzen noch mehr Unschuldige im Knast

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Heinz G. (62) saß sieben Jahre unschuldig in Haft.

München - Sieben Jahre hat Heinz G. wegen der angeblichen Vergewaltigung im Gefängnis absitzen müssen. Der Fall des unschuldig Verurteilten bewegt Bayern. Die tz sprach mit einem Strafrechtler.

Ein Mann sitzt sieben Jahre im Gefängnis. Ein Kinderschänder soll er sein. Als „Abschaum“ wird er beschimpft, im Knast misshandelt. Keiner will etwas mit ihm zu tun haben – auch nach seiner Haftentlassung nicht. Und dann stellt sich raus: Der Mann ist unschuldig …

Über den Fall Heinz G. diskutierte am Mittwoch ganz Bayern. Wie kann so etwas passieren? Seine eigene Tochter hatte den 62-jährigen Allgäuer hinter Gitter gebracht – mit Lügen über eine Vergewaltigung. Erst 18 Jahre nach der Verurteilung gab sie nun zu, dass alles erfunden war. Folge: Freispruch!

Am Mittwoch war der erste Tag, den Heinz G. als Mann mit reiner Weste in Freiheit verbrachte. „Ich will nun erst einmal meine Ruhe, alles verarbeiten“, ließ er mitteilen. Bis Dezember wolle er zu seinem Fall nichts sagen. Sein Telefon habe er ausgehängt, weil ständig Leute anriefen. Zum Gratulieren, um ihr Mitleid kundzutun.

Unschuldig sieben Jahre in Haft zu sitzen, es ist ein Albtraum für jeden. 25 Euro Entschädigung pro Tag bekommt Heinz G. nun für das Fehlurteil. Davon werden noch Kost und Logis abgezogen – bleiben rund 20 Euro. Macht 50 000 Euro insgesamt. Oder anders gerechnet: Gut 90 Cent pro Stunde Gefängnis bekommt er. Sogar Parken ist teurer.

Wie kann es sein, dass sich Richter so irren? Nach Schätzungen von Experten verbüßen derzeit mehrere hundert Menschen deutschlandweit lange Haftstrafen. Arbeitet unsere Justiz zu schlampig? Die tz sprach mit dem Juristen Thomas Pfister. Der Münchner war es, der unter anderem die Sexualvergehen im Ettaler Kloster aufgeklärt hatte.

Herr Pfister, was denken Sie über den Fall Heinz G.?

Thomas Pfister: Dass dies ein Wahnsinn ist. Mein Grundsatz ist: Lieber 99 Schuldige laufen lassen, als einen Unschuldigen hinter Gitter bringen. Hier lief einiges schief.

Haben die Richter damals versagt, als sie der Tochter glaubten?

Strafrechtler und Rechtsanwalt Thomas Pfister nennt den Fall „einen Wahnsinn“.

Pfister: Hier will ich vorsichtig sein: Es gibt Leute, die sehr gut lügen können. Man kann auch ein Gericht täuschen. Und besonders das Sexualstrafrecht ist problematisch. Weil es ja in der Regel keine Zeugen gibt. Wort steht gegen Wort. Und es liegt in der Natur des Menschen, dass man lieber den belastenden Aussagen glaubt. Daher muss man bei solchen Familienfällen immer ganz genau hinschauen.

Weil es eben eine Racheaktion sein könnte?

Pfister: Ja, genau. Auch wenn ich mir damit keine Freunde mache: Fakt ist – nicht jede Frauenträne vor Gericht ist in solchen Fällen echt. Da muss alles ganz genau untersucht werden. Im Fall Heinz G. wurde ja beispielsweise geschickt gefälscht – sogar Tagebucheinträge des Mädchens.

Haben die Richter nun eigentlich Konsequenzen für ihren Fehler zu erwarten?

Pfister: Nein – sie haben sich täuschen lassen. Sie haben nicht das Recht gebeugt. Es lag also keine Absicht vor.

Sechs weitere Justizskandale

Januar 2013: Justiz­opfer Harry Wörz saß viereinhalb Jahre unschuldig in Haft. Ihm war vorgeworfen worden, seine Frau fast erwürgt zu haben. 2009 sprach ihn das Landgericht Mannheim frei.

Sommer 2011: In einem Wiederaufnahmeverfahren spricht das Landgericht Kassel einen Lehrer frei. Wegen angeblicher Vergewaltigung einer Kollegin hatte er fünf Jahre im Knast gesessen.

September 2010: In Lüneburg werden zwei Männer freigesprochen, die wegen der angeblichen Vergewaltigung einer 15-Jährigen jahrelang im Gefängnis gesessen haben. Die psychisch Kranke hatte ihren Vater und einen Bekannten beschuldigt. Später kamen Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Opfers auf, das Verfahren wurde wieder aufgenommen.

Mai 2009: Nach zwei Jahren im Knast wird ein Mann (55) in Baden-Württemberg freigesprochen, der für den Missbrauch seiner Tochter verurteilt worden war. Die Frau hatte den Vorwurf zurückgezogen.

Oktober 2007: Donald S. saß fünf Jahre unschuldig im Knast. Ihm wurde ein Bankraub vorgeworfen, zum Verhängnis wurde ihm ein Überwachungsfoto, das einen ihm ähnlich sehenden Mann zeigte. Später gestand der wahre Täter.

Dezember 2003: Das Bayerische Oberste Landesgericht spricht einen 56-Jährigen von dem Vorwurf frei, er habe die Tochter (16) seiner Lebensgefährtin vergewaltigt. Er hatte 16 Monate unschuldig in U-Haft gesessen. Mit Hilfe eines Gutachtens konnte der Mann seine Unschuld beweisen.

Armin Geier

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