"Dadurch wird niemand dümmer"

Helfen statt Hörsaal: Dozent schickt Studenten zu Flüchtlingen

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Würzburg - Dieses Projekt ist etwas Besonderes: Die Pädagogik-Studenten der Würzburger Julius-Maximilians-Universität tauschen im Dezember für drei Wochen die Lehre im Hörsaal gegen praktische Arbeit als Helfer in Flüchtlingsprojekten.

„Das Studium leidet nicht“, sagt Prof. Dr. Heinz Reinders (43), der das Projekt initiiert hat. Im Gegenteil: „Dadurch wird niemand dümmer.“ Die Erfahrungen würden den Studenten für ihren späteren Beruf enorm helfen.

Je nach Bedarf sollen die Studenten in Würzburg bei der Betreuung von Asylbewerbern mithelfen – von der Essensausgabe über die Gestaltung von Freizeit- und Sportangeboten bis hin zu Sprachunterricht für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Der Zeitaufwand liegt für jeden Studenten bei etwa zehn bis 15 Stunden pro Woche. Dafür finden keine Vorlesungen statt, erklärt Reinders. Stattdessen gibt es begleitende Seminare, in der die tägliche Arbeit besprochen und reflektiert wird. Wichtig sei beispielsweise, die Einzelschicksale nicht zu nahe an sich heranzulassen. „Sonst kommt es zur Überidentifikation. Das darf den Studenten in ihrem Beruf später auch nicht passieren.“ In Theorie-Einheiten erarbeiten die Projektteilnehmer zudem wissenschaftliche Erkenntnisse zum Thema Flucht und Migration.

„Die Reaktion auf unseren Vorschlag war durchweg positiv, es gab einhellige Zustimmung“, sagt Reinders. „Gleichzeitig wollten die Studenten aber gerne wissen, was auf sie zukommt.“ Deswegen werden im Vorfeld des Projekts Referenten von ihrer täglichen Arbeit mit Flüchtlingen erzählen.

Die Idee zum Projekt kam dem Lehrstuhlinhaber für Empirische Bildungsforschung an der Uni Würzburg in seiner Freizeit. Genauer: beim Fußballspielen beim SC Heuchelhof. Zweimal wöchentlich kicken dort Flüchtlinge mit den Vereinsmannschaften, um sich so „gegenseitig als Freunde willkommen zu heißen“, heißt es auf der Internetseite. Reinders griff den Gedanken auf.

Erstens sei es aus gesellschaftlicher Sicht ein gutes Zeichen, wenn sich „die privilegierte Schicht der Studenten“ als Helfer engagiere. Und zweitens würden viele Pädagogikstudenten in ihrem späteren Beruf sowieso mit der Integration von Flüchtlingen zu tun haben. „Somit schlagen wir eine Brücke.“ Während seines eigenen Studiums der Erziehungswissenschaft, Psychologie und Soziologie an der Freien Universität Berlin habe es noch keine solchen Angebote gegeben, sagt Reinders. „Das war schade.“

Das Würzburger Projekt richtet sich primär an rund 170 Studenten aus dem ersten Semester. „Natürlich können auch höhere Semester mitmachen. Aber bei den Erstsemestern haben wir den Vorteil, dass sie noch drei Jahre hier sind.“ Die Kooperation zwischen Universität und Stadt, der Regierung von Unterfranken sowie mehreren Hilfsorganisationen soll nämlich nicht nach drei Wochen auslaufen. Reinders: „Wir wollen das dauerhaft in den Lehrplan integrieren.“

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