Hilfeschrei ans Gesundheitsministerium

Krankenschwester: "Wir können nicht mehr!"

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Das Klinikpersonal ist chronisch überlastet.

Kehlheim - Überstunden, Schicht-, Bereitschaftsdienste, körperliche Belastung, zu wenig Personal. Eine Krankenschwester aus Niederbayern schreibt einen Brandbrief ans Bundesgesundheitsministerium.

„Wir können nicht mehr. Wir arbeiten am Limit!“ Das ist die Hauptaussage eines Briefes, den Krankenschwester Anneliese Röhrl von der Kelheimer Goldberg-Klinik ans Bundesgesundheitsministerium schickte. Über die Krankenkassen müsse die Politik schnell mehr Geld in die Krankenhausfinanzierung steuern, so ein Bericht der Mittelbayerischen Zeitung. Sonst drohe der Pflegenotstand in den Kliniken.

Immerhin, sie fand Gehör, die streitbare niederbayerische Krankenschwester. Am Dienstag kam die Parlamentarische Staatssekretärin des Bundesministeriums, Ingrid Fischbach (CDU), nach Kelheim, um sich sein Bild zu machen. Deren Bilanz nach dem Gespräch: „Ich nehme mit, dass es brennt, auch wenn es noch keine große Flamme ist.“

Dem Besuch vorangegangen war ein Brief von Röhrl, der mit 300 Unterschriften gezeichnet war. Verfasst nach einem Tag, als das Personal auf der Station mal wieder bis an die Grenze gehen musste. Der Inhalt des Briefs ans Ministerium klingt wie ein Manifest: Es zeichne sich ein Mangel an Pflegekräften ab, Druck auf Mitarbeiter werde dadurch erhöht, der Beruf immer unattraktiver. Nachwuchskräfte seien angesichts der Bedingungen frus­triert. Dazu immer knappere Budgets für die Kliniken, mehr Bürokratie und Dokumentationsaufwand für Pflegekräfte. Und, und …

Schon jetzt, berichtet Pflegedirektor Günter Bartl von der Kelheimer Klinik, zeichne sich der Pflegekräftemangel im Krankenhausbereich ab. „Für die Ausbildungsplätze haben wir früher 200 Bewerbungen bekommen – heute können wir froh sein, wenn es zehn sind.“ Und denen, die arbeiten, so sagte er der MZ, denen werde die berufliche Seele geraubt: Krankenschwestern und -pfleger hätten hohe Ansprüche an sich und ihre Arbeit, denen sie unter den Bedingungen nicht mehr gerecht würden. „Das macht die Leute gereizt und frustriert. Junge Kräfte zerbrechen teils daran und gehen raus aus dem Beruf. Es ist gnadenlos! Ich als Vorgesetzter leide selbst sehr darunter.“ Die Klinikleitung kann kaum etwas machen. Entweder Druck aufs Pflegepersonal beibehalten – oder ein Defizit riskieren. Krankenschwester Röhrl fordert eine angemessene Finanzierung der Häuser – notfalls durch höhere Krankenversicherungsbeiträge. Die Politik müsse aktiv werden. Sie müsse „den Bürgern erklären, dass gute Pflege ihren Preis hat“.

Das sagt der Bundesverband

Für den Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) gibt es die Krankenschwester eigentlich gar nicht. „Pflegefachkraft im Krankenhaus“ heißt die korrekte Bezeichnung – aber auch mit diesem Titel ist sie verzweifelt gesucht. „Es nimmt alarmierende Ausmaße an“, sagt Johanna Knüppel von der Bundesgeschäftsstelle des DBfK im Gespräch mit der tz. Und es werde von Jahr zu Jahr schlimmer. „Wenn im Krankenhaus Geld gespart werden muss, wird als erstes auf das Pflegebudget zurückgegriffen.“

Bei Ärzten dagegen wurde aufgestockt. Deren Stellenzuwachs sei auf Kosten von Pflegestellen finanziert worden. „Manchmal sind jetzt mehr Ärzte auf einer Station als Krankenschwestern.“

Viele Pflegekräfte hätten wegen der ständig steigenden Belastung („die Patienten werden immer älter und dementer, der Arbeitsaufwand steigt“) ihre Arbeitszeiten reduziert, „der Teilzeitanteil liegt über 50 Prozent“. Schon während der Ausbildung würden viele abbrechen, „die werden verheizt“. Und von den ausgebildeten Kräften zieht es nicht wenige in die Schweiz oder nach Skandinavien. „Das ist eine Abstimmung mit den Füßen.“

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