Beide Unterschenkel amputiert

James tot, Derek im Koma: Hilfsaktion nach Bergdrama

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Aufnahme einer zunächst unbeschwerten Bergtour: James und Derek (mit Bart) im Biwak.

Garmisch-Partenkirchen - Bei einem schweren Bergdrama nahe Garmisch-Partenkirchen ist James Howell (33) ums Leben gekommen, Derek Kiehn (28) kämpft in der Unfallklinik Murnau um sein Leben.

Sie hatten den Spaß ihres Lebens. Das belegen die Fotos von der Nacht am Stuibensee, dem Sonnenaufgang am Hohen Gaif und der Tour weiter zum Blassengrat. Die Bilder zeigen auch die hervorragende Ausrüstung der beiden Männer. Derek Kiehn und James Howell, beide passionierte und erfahrene Bergsteiger, waren sehr gut vorbereitet auf ihr Abenteuer zum Abschluss des Jahres 2015.

Die Freunde hatten das vorhergesagte Schlechtwetter-Fenster auf dem Schirm, nicht aber, dass es zehn Stunden früher als angekündigt das Wettersteinmassiv erreicht. Genau das passierte. Was den Amerikaner (28) und den Engländer (33) zwang, ihre Pläne zu ändern. „Derek hat mir das noch per SMS geschrieben“, sagt seine Lebensgefährtin Fabienne Woiton zum Garmisch-Partenkirchner Tagblatt. „Sie wollten den Notausstieg am Blassengrat nehmen.“ Es nahm ein fatales Ende.

Nun liegt Derek Kiehn mit lebensbedrohlichen Verletzungen in der Unfallklinik Murnau. Seine beiden Unterschenkel mussten bereits amputiert werden. Die Ärzte versuchen, Operationen an den Fingern und Händen, die ebenfalls starke Erfrierungen aufweisen, so weit wie möglich rauszuschieben. „Er ist jeden Tag drei Stunden in der Druckkammer, das fördert die Durchblutung“, sagt Fabienne Woiton.

Noch liegt ihr Freund im künstlichen Koma. Noch weiß niemand, ob seine inneren Organe Schaden genommen haben. Und noch hat er selbst keine Ahnung von seinem Zustand und davon, dass sein guter Freund, den er und Woiton vom gemeinsamen Studium an der Universität von Edinburgh kennen, tot ist. „Die Ärzte sagen, es sei ein Wunder, dass Derek lebt. Er kämpft wie ein Bär.“

Die 31-jährige Potsdamerin, die mit Kiehn vor vier Jahren nach Garmisch-Partenkirchen gezogen ist, besucht ihn möglichst jeden Tag im Krankenhaus. Das soll Derek Kraft geben. Wie auch seine Eltern, die mittlerweile aus Spokane im US-Staat Washington hergezogen sind. „Sie bleiben acht, neun Monate“, sagt Woiton. Hohe Kosten kommen auf sie und den 28-Jährigen, der als Skilehrer und Outdoorguide selbstständig ist, zu. Um diese zu schultern, haben Kiehns Schwester Lindsey und eine Freundin seiner Mutter ein Internet-Spendenkonto eröffnet (siehe rechts). Innerhalb der vergangenen zwei Wochen sind 23 742 US-Dollar (knapp 22 000 Euro) eingegangen. „Dereks Familie ist in ihrer Kirchengemeinde sehr aktiv, der Zusammenhalt ist da extrem groß.“

James und Derek (mit Bart) auf dem Weg zum Stuibensee.

Wie sehr sieund der Amerikaner aber auch in ihrer Werdenfelser Wahlheimat angekommen sind, das beeindruckt Woiton jeden Tag aufs Neue. „Wenn so etwas Schlimmes passiert, lernt man den tiefsten Abgrund des Lebens kennen, erlebt aber auch eine unglaubliche Unterstützung. Es ist wirklich großartig, wie uns geholfen wird.“ Für diesen Rückhalt ist sie unsagbar dankbar. Auch für die Hilfe von Polizei, Bergwacht, Ärzten und Pflegepersonal in der Klinik. All das trägt dazu bei, dass die junge Frau ihren Lebensmut nicht verliert. Und die Hoffnung, dass sie und Derek Kiehn ihre Träume doch noch verwirklichen können: Den Pacific Crest Trail, der von der mexikanischen Grenze die Westküste Amerikas entlang bis nach Kanada führt, zu meistern, ist einer davon. „Eigentlich wollten wir das nächstes Jahr machen, jetzt wird’s eben verschoben.“

Tanja Brinkmann

Chronologie des Bergdramas

30. Dezember: Derek am Hohen Gaif (Foto)
31. Dezember: Wetterbedingt müssen die beiden ein Biwak am Grat einrichten.
1. Januar: Sie wollen den Notabstieg ins Grieskar nutzen. Im unteren Drittel stürzen sie ab.
2. Januar: Suchmannschaften finden die beiden im Bereich Grieskar; James ist tot, Derek schwerst verletzt.

So können Sie Derek Kiehn helfen

Für Derek wurde ein Spendenkonto eingerichtet: IBAN DE51 1007 7777 0173 3856 00, BIC NORSDE51XXX.

Im Internet kann unter www.gofundme.com/derekkiehn gespendet werden.

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