Johann Westhauser

Höhlenforscher: Bewegende Worte am Krankenbett

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Johann Westhauser in seinem Krankenbett.

Murnau - Johann Westhauser liegt in seinem Krankenbett in der Unfallklinik von Murnau. Vorsichtig lächelt er in die Kamera. Man merkt, dass ihm die Freudenbekundung wehtut. Dann folgen bewegende Worte:

„Ich möchte mich herzlich bei allen Helfern bedanken“ , sagt der 52-Jährige mit leiser Stimme. Er ist schwer zu verstehen, da unter anderem die linke Augenhöhle zertrümmert ist und der Kiefer schmerzt. Und dennoch funkeln seine Augen – vor Glück.

Direkt aus dem Krankenhaus schickte der gerettete Höhlenforscher gestern einen Gruß an alle, die ihm geholfen haben, die ihm die Daumen drückten. Eine große Geste – wenn man bedenkt, wie schwer der Forscher bei dem Unglück verletzt wurde. „Nach unseren ersten Diagnosen hat er ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitten“, erklärt Professor Volker Bühren, Direktor der Klinik. Unter anderem wurde eine Kernspint-Untersuchung durchgeführt. „Dazu hat er eine Einblutung, einen leichten Schädelbruch und einen Bruch der Augenhöhle.“ Aber: Alles deute darauf hin, dass der Patient in einigen Monaten wieder völlig genesen sei. „Wir haben keinen Grund zu glauben, dass er bleibende Schäden haben wird.“ Nun werde er rund zwei Wochen in Murnau intensiv betreut, dann könne eine Reha mit einer Dauer von rund zwei Monaten beginnen.

Nach der Rettung am Donnerstag wird nun auch klar, was vor zwei Wochen in den Tiefen des Untersberg genau geschah: Johann Westhauser war gerade in einem größeren Höhlenraum unterwegs, als sich plötzlich aus einer Höhe von 15 (!) Metern ein Felsbrocken löst. Dieser knallt dem Forscher direkt auf den Kopf. Trotz seines Helms wird der Forscher schwer verletzt, bricht bewusstlos zusammen. Seine beiden Freunde bergen ihn, betten ihn trocken und warm – soweit das bei kühlen vier Grad über Null geht.

Dann beginnt das Martyrium. Erst einmal verschlechtert sich sein Zustand. Er sei zeitweise so tief bewusstlos gewesen, dass er „nicht erweckbar“ war, berichtet der Murnauer Arzt Matthias Vogel, der zum Einsatzteam gehörte. „Diese Phase des Nicht-Ansprechbar-Seins hat für 36 Stunden angehalten.“ Während die internationale Rettungsaktion auf Hochtouren lief, waren die Ärzte nicht sicher über den Ausgang. Dann sei Westhauser aufgewacht. „Das hat uns gezeigt, dass der Weg in die richtige Richtung führt“, erklärt Vogel.

Zuerst kommuniziert Westhauser nur über Zeichen, Händedruck, später über aufgeschriebene Nachrichten. Das Sprachzentrum ist den Ärzten zufolge nicht geschädigt, aber der für die Motorik zuständige Bereich des Gehirns. Damit sei auch die Sprache betroffen. „Und dann begann eine der spektakulärsten Rettungsaktionen der Berg-Geschichte“, fassen es die Mediziner zusammen.

Westhausers erster Satz nach der Rettung war übrigens die Frage: „Wie geht es meiner Familie?“ Seine Ehefrau und sein Sohn besuchten ihn am Freitag in der Klinik. In seinem Zimmer hat er einen herrlichen Blick auf Wald und blauen Himmel. Keine Dunkelheit mehr.

Westhauers Dank im Wortlaut

„Guten Morgen, ich möchte mich bei allen bedanken, die mir hier sehr intensiv geholfen haben. Mir wurde wunderbar gut geholfen. Ich möchte mich ganz herzlich bei allen Kameraden bedanken, die bei der Höhlenrettung beteiligt waren. Es war doch eine sehr große Aktion. Ich werde recht gut behandelt. Zufrieden. Mit der Sprache noch ein bissle Probleme, aber das wird sich im Laufe der Zeit auch wieder regeln. Ich brauche Zeit, damit man sich erholen kann von der ganzen Aktion.“ 

Klinikdirektor: Es bestand Lebensgefahr

Er ist der Mann, der sich nun ganz genau um die Genesung von Johann Westhauser kümmert: Der Murnauer Professor und Klinikdirektor Volker Bühren (61). Die tz sprach mit dem Mediziner über seinen berühmten Patienten:

Herr Professor, wussten Sie schon vor zwei Wochen, dass der Höhlenforscher Ihr Patient sein wird?

Professor Volker Bühren.

Prof. Volker Bühren: Nein, da konnte man ja noch nicht absehen, wie diese Rettung ausgeht. So weit dachte ich da noch nicht. Erst vor rund drei Tagen war klar: Er kommt direkt zu uns, er hat eine gute Chance.

Also bestand Lebensgefahr?

Bühren: Unten in der Höhle zweifelsohne. Besonders, als er noch bewusstlos war. Keiner wusste ja, wie schwer die Einblutung ins Gehirn ist. Jetzt bin ich mir aber recht sicher: Er wird keine bleibenden Schäden davontragen.

Auch ein Verdienst der Retter …

Bühren: Ganz klar. Jemanden da unten rauszuholen, verdient höchsten Respekt. Hätte wohl keiner geglaubt, dass das klappt. Großartig.

Was war denn der erste Wunsch Ihres Patienten nach zwei Wochen in einer kalten Höhle?

Bühren: Er wollte unbedingt duschen. Das haben wir dann auch ermöglicht.

Kein Wunsch nach einem bestimmten Essen? 

Bühren: Nein, er kann ja auch derzeit nur Suppen und Brei zu sich nehmen. Aber Höhlenforscher scheinen eh sehr genügsame Menschen zu sein.

Wer zahlt den Riesen-Einsatz?

Wie teuer der Rettungseinsatz für Höhlenforscher Johann Westhauser war, ist noch unbekannt – die Bayerische Bergwacht nennt bislang keine Summe. Kommen staatliche Einrichtungen wie Polizei oder Feuerwehr zum Einsatz, wird ein Mensch normalerweise kostenlos gerettet. Gebührengesetze geben der Polizei oder Feuerwehr aber die Möglichkeit, Kosten für unnötige Einsätze zurückverlangen. Wer sich zum Beispiel als Bergwanderer verirrt hat, muss für die Kosten eines Einsatzes „ohne medizinischen Grund“ aufkommen. Im Fall Westhauser dürfte es sich aber um eine Rettung aus einer unverschuldeten Notlage handeln. Laut Spiegel Online übernimmt der Freistaat die Lohnfortzahlungen und die Erstattung von Verdienstausfällen ehrenamtlicher Helfer.

Ich hielt ihm tagelang die Hand

Sabine Zimmerebner war sechs Tage mit in der Höhle.

Sie war sechs Tage mit Johann Westhauser in der Höhle, hielt ihm die Hand: Sabine Zimmerebner, österreichische Bergretterin und im normalen Leben Kindergartenleiterin. „Als ich vom Unfall erfahren habe, war klar, dass ich alles stehen und liegen lasse“, sagte die 43-Jährige gegenüber der tz. Seit Jahren arbeitet die Mutter einer 15-jährigen Tochter als Forscherin am Berg. Die taffe Frau ist hart im Nehmen: „Ich kann sehr viele schwere Säcke tragen.“ Johann Westhauser und Sabine Zimmerebner kennen sich schon länger. „Ich hatte das Gefühl, er braucht unten in der Höhle eine Person, die er kennt.“ Deswegen sei sie lange bei ihm geblieben, habe ihm die Hand gehalten und positiv aufgebaut. Die 43-Jährige habe viel mit ihm geredet oder die Worte der internationalen Rettungskräfte übersetzt. „Hin und wieder gab’s auch mal einen Scherz“, lacht die 43-Jährige. Die Stimmung in der Höhle sei gut gewesen, das gemeinsame Ziel: Johann Westhauser zu retten. Am Donnerstag seien sich alle in die Arme gefallen und hätten geweint. „Der Stein, der uns vom Herzen fiel, konnte man hören.“

Fotos: Höhlenforscher gerettet

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Von Armin Geier

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