Bilder seiner Flucht

Ibrahim (17) aus Syrien: Zum Glück fehlt nicht mehr viel

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Schachmatt: Ibrahim gewinnt in wenigen Zügen gegen die tz-Reporterin

Straubing - Mit 13 Jahren beschloss Ibrahim, aus Syrien zu fliehen. Im Sommer war er einer von tausenden, die am Hauptbahnhof ankamen. Die tz traf den jungen Mann, der seine Zukunft in Deutschland sieht.

Die Wände sind nackt, Staubfänger sucht man hier vergeblich: Das Zimmer, das sich Ibrahim mit seinem Mitbewohner teilt, ist wenig wohnlich. „Wir haben Bilder aufgehängt, doch als ich wütend war, habe ich sie heruntergerissen“, sagt Ibrahim ruhig. Im hellen Flur der Wohngemeinschaft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bei der AWO in Straubing, wo die Sozialpädagogin Kaffee in bunten Tassen bringt und Ibrahim auf der braunen Ledercouch sitzt, scheint diese Wut weit weg.

Die tz hat Ibrahim am Münchner Hauptbahnhof kennengelernt, wo er nach drei Wochen Flucht am 1. September angekommen war. Seit Mitte September besucht der Syrer in Straubing eine Vorbereitungsklasse, um Deutsch zu lernen. Nach den Weihnachtsferien wird er in die 8. Klasse einer Mittelschule gehen. Sein Ziel: Abitur und Informatik studieren. „Ich wollte immer Arzt werden. Aber weil mein syrischer Abschluss hier nicht anerkannt wird, muss ich die Schule noch mal machen. Arzt zu werden, dauert zu lang“, sagt Ibrahim. Zumal er schon als kleiner Bub eine Kalkulationssoftware und ein Quiz selbst programmiert hat.

Mit 13 fasste Ibrahim den Plan, in die Türkei zu fliehen. Also besorgte er sich ein türkisches Wörterbuch und eines, das die Grammatik erklärt, und fing an zu büffeln. „Als ich die Grundlagen gelernt hatte, habe ich meine Kenntnisse mit türkischer Musik und Filmen verbessert.“ Für die tz-Reporterin singt er im Flur seiner WG ein türkisches Lied über ihre grünen Augen. „Ich habe auch ein Lied für Frauen mit blauen Augen. Ich habe für alles eine Lösung“, sagt Ibrahim und lächelt.

Ibrahim mit einem Freund kurz nach seiner Ankunft am Hauptbahnhof in Straubing

Nur ein Problem kann er nicht lösen: Ibrahims Eltern sind mit seinem acht Jahre alten Bruder noch in Syrien. 2500 Euro hat Ibrahims Flucht gekostet. Seine Eltern haben kein Geld mehr, um aus Syrien zu fliehen. Letzten Monat ist Ibrahims zwölf Jahre alter Cousin durch eine Bombe gestorben. Die Fotos auf seinem Handy zeigen einen kleinen Buben beim Beten. Auf dem nächsten Foto ist der kleine Bub tot und seine Familie betet für ihn. Auch Ibrahim betet jeden Tag für seine Familie. Manchmal erreicht er sie tagelang nicht auf dem Handy – und mit jedem Moment ohne ein Lebenszeichen wird er trauriger und wütender.

Die Jugendlichen leben in der Wohngruppe wie in einer WG: Es gibt Putz- und Kochpläne, Zweibettzimmer und Gemeinschaftsräume. In der Küche klebt auf dem Schrank ein kleiner Zettel „Schrank“ und auf der Tür klebt „Tür“. Ibrahim kann in der WG alles auf Deutsch benennen. Am Abend sagt er „Gute Nacht“ und liegt dann wach in seinem Bett. Manchmal bis zum Morgen. Er hört seinen Mitbewohnern zu, die auch unter Schlafstörungen leiden. Ibrahim denkt dann – wie so oft – an seine Familie: An seinen Bruder, der nie eine Schule besucht hat. An seine herzliche Mama. An seinen Vater, den Lehrer. An den Onkel, der Profi-Schachspieler war und dem kleinen Ibrahim das Spiel beigebracht hat. In Deutschland hat ihm seine Lehrerin ein Schachbrett geschenkt. Ibrahim hat hier in der Wohngruppe keine ernst zu nehmenden Gegner – unter den Flüchtlingen nicht und unter den Sozialpädagogen auch nicht. Er spielt trotzdem oft.

Ibrahim auf der Flucht.

Ibrahims Asylverfahren läuft noch. Vorher kann er keinen Familiennachzug beantragen. Wie lange sich das alles noch hinzieht? Niemand kann das sagen. Vor den Weihnachtsferien hat Ibrahim seine letzte Klausur in der Vorbereitungsklasse geschrieben: „Wann bist du glücklich?“, war eine der Fragen, die er auf Deutsch beantworten musste. „Ich bin glücklich, wenn ich mit meiner Familie spreche“, hat Ibrahim geschrieben.

Jasmin Menrad

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