Der Traum vom Gotteskrieger wurde zum Albtraum

Jetzt spricht ein Al-Qaida-Aussteiger im tz-Interview

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Ein Mann mit zwei Gesichtern: Irfan Peci wandelte sich vom Islamisten-Chef zum V-Mann, der helfen wollte, IS und Al-Qaida das Handwerk zu legen.

München - Eine behütete Kindheit, und trotzdem driftete Irfan Peci in den Islamismus ab. Im Interview erzählt er, wie er bei Al-Qaida aufsteigt - und später vom Verfassungsschutz umgedreht wird.

Sie sind in Serbien geboren, kamen als Zweijähriger als Kriegsflüchtling nach Bayern. Ihre Eltern waren nicht sehr religiös, schickten Sie sogar in Weiden in einen katholischen Kindergarten – wie kam es, dass Sie sich als Jugendlicher zu einen islamistischen Fanatiker wandelten?

Irfan Peci (26): Mit 14, 15 war ich auf Sinnsuche und begann dadurch, mich allgemein für Religion zu interessieren. Dann kam ich im Urlaub in Serbien mit bestimmten Leuten in Kontakt, bekam Propagandamaterial wie DVDs und CDs und wurde so immer extremer. Abenteuerlust spielt sicher auch eine Rolle beim Abgleiten in die Radikalisierung.

Wie wichtig ist das Internet?

Peci: Es spielt eine große Rolle. Bei mir in Weiden gab es ja keine salafistischen Gruppen, deshalb war die virtuelle Welt der Ort, wo man sich austauschte. Und wo man aufgehetzt wurde.

Sie haben Bekannte, die in den Heiligen Krieg gereist sind. Was ist aus denen geworden?

Peci: Ein Bekannter von mir, der Danny R., wurde im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet von pakistanischen Soldaten erschossen. Er war ein Deutsch-Niederländer, war erst vor ein paar Monaten zum Islam konvertiert, kannte die Religion kaum. Am meisten hat mich die Kälte der islamistischen Führer geschockt: Die hat Danny als Mensch überhaupt nicht interessiert, sie haben ihn nur als Kanonenfutter benutzt. Sie selber haben nicht gekämpft und naive junge Leute wie Danny missbraucht. Diese Heuchelei war einer der Punkte, wo ich gemerkt habe: Die naiven Jugendlichen werden nur benutzt!

Er wollte unbedingt in den Heiligen Krieg

Sie selber wollten am Anfang ja auch in den Heiligen Krieg ziehen. Warum?

Peci: In den Propaganda-Videos wird das so dargestellt, dass man als Befreier kommt, als Held, der für eine gute Sache kämpft. Eine Rolle spielt auch, dass in alten Schriften Syrien als der Ort geschildert wird, wo Armageddon, die letzte Schlacht vor dem Weltuntergang stattfinden soll. Die, die von dort zurückkehrten, haben mir aber die Augen geöffnet: Sie waren Kanonenfutter, bekamen keine ordentliche Ausrüstung, waren die meiste Zeit damit beschäftigt, sich zu verstecken oder vor Angriffen davonzulaufen. Sie mussten zusehen, wie die eigene Frau oder enge Verwandte sterben. Sicher fehlte ihnen auch der Komfort, den sie in Deutschland gewohnt waren. 

Warum sind Sie letztlich nicht mit Ihren Kumpels nach Afghanistan gereist?

Peci: Kurz vor meiner geplanten Ausreise wurde ich verhaftet, weil ich mit zwei Glaubensbrüdern nach einem Streit einen Handyladen in Weiden zertrümmert hatte. Ich kam in Haft – meine Kumpels reisten ohne mich ins Kriegsgebiet. Das ärgerte mich so, dass ich mich zu Beginn meiner Haft noch stärker radikalisierte. Dazu kamen die harten Bedingungen der Haft – zum Nachdenken kam ich erst, als ich in Isolationshaft kam, wo ich erstmals andere Bücher las, andere Einflüsse zuließ. In dieser Zeit kamen mir die ersten Zweifel – und als mein Anwalt vorschlug, dass ich wahrscheinlich früher rauskomme, wenn ich mit BKA und Verfassungsschutz kooperiere. Das führte letztlich dazu, dass ich vorzeitig, nach zehn Monaten, wieder freigelassen wurde.

Sie waren ja dann ein Verräter. Hatten Sie Angst, aufzufliegen?

Peci: Es ist schon schwierig, ich hatte ja nur noch die Freunde aus den Islamisten-Kreisen. Die einzigen, denen gegenüber ich mich öffnen konnte, waren mein Anwalt und meine Eltern, die froh waren, dass ich endlich zur Normalität zurückkommen wollte.

Der Verfassungsschutz bewahrte ihn vorm Gefängnis

Aber dann wurden Sie doch wieder gewalttätig…

Peci: Wir schlugen einen Mann in amerikanischer Uniform auf dem Bahnhof Friedrichstraße in Berlin zusammen. Da waren überall Kameras, es gab zahlreiche Augenzeugen. Wir konnten zwar davonlaufen, aber ich dachte: So eine offensichtliche Sache kann man nicht vertuschen, ich komme wieder in den Knast. Ich war ja auf Bewährung! Noch am selben Abend rief ich meinen Kontaktmann vom Verfassungsschutz an. Wir trafen uns am nächsten Tag. Da hatte er die Videoaufnahmen der Überwachungskameras wohl schon gesehen. Er war sauer auf mich, aber hat schließlich gesagt: Das ist alles geregelt, die Polizei wird nicht weiter ermitteln…

Haben Sie nur mitgeprügelt, um nicht aufzufliegen?

Peci: Nein, das wäre gelogen. Der Amerikaner hatte uns beleidigt, und ich hatte völlig die Kontrolle verloren. Ich kann auch nicht erklären, was da mit mir passiert ist. Aber was mir gezeigt hat, wie kalt auch die Verfassungsschützer sind, war die Tatsache, dass die mich nie gefragt haben: Warum hast du das gemacht? Da ging es nur um die technische Lösung eines Problems, wichtig war nur, dass die Zusammenarbeit nicht gefährdet werden sollte. Das Opfer, das mit schweren Verletzungen im Krankenhaus lag, war denen völlig egal.

Wie wirkte das auf Sie? War’s ein Freibrief, nach dem Motto: Als V-Mann kann ich machen, was ich will, die pauken mich schon raus?

Peci: Ja, so ähnlich war‘s. Die sagen ja nicht offen: Gesetze gelten für uns nicht. Aber dass das letztlich doch so ist, habe ich das erste Mal gemerkt, als es um Spendensammlung ging. Ich bekam vom Verfassungsschutz Extra-Geld für die Spenden an gewaltbereite Islamisten. Die geben mir Steuergelder, damit ich Terrorgruppen finanziell unterstütze! Dadurch werden die ja selbst wie Unterstützer! Aber das schweißte natürlich auch irgendwie zusammen. Was man aber auch nicht vergessen darf: Für meine Tarnung waren die Spenden wichtig, um das Vertrauen der islamistischen Szene zu haben.

Der V-Mann flog aus Versehen auf

Wann kam der Punkt, an dem Sie merkten: So will ich nicht mehr weiterleben, ich will ein Leben ohne Gewalt und Geheimagenten?

Peci: Mit dem Islamismus wollte ich ja schon nach meiner Haftentlassung brechen – auch wenn ich immer mal wieder in meine alte Denkweise zurück viel. Die Arbeit mit dem Verfassungsschutz hingegen war zum Teil gefährlich, dadurch aber auch spannend. Die Zusammenarbeit endete aus anderen Gründen und war nicht meine Entscheidung: In Prozessakten wurde offenbar aus Versehen mein Namen genannt, so dass ich als V-Mann enttarnt war. Deshalb wollte der Generalbundesanwalt meines Wissens meine Rolle öffentlich machen, um den Prozess zu retten.

Hatten Sie Angst, als Sie aufflogen?

Peci: Eigentlich hatte ich die ganze Zeit über Angst, als ich als V-Mann arbeitete. Aber irgendwann gewöhnt man sich an diese Angst. Natürlich hatte ich Sorgen – kann ich ein ganz normales Leben führen? Was wird aus meiner Familie? BKA und Verfassungsschutz drängten mich, eine komplett neue Identität anzunehmen. Aber dann hätte ich meine Familie höchstens noch einmal im Jahr heimlich sehen dürfen. Ich wollte lieber mit der Gefahr leben, aber dafür einigermaßen normal. Das BKA bot mir eine Art „Zeugenschutzprogramm light“ an: Ich wurde zunächst nach Aachen in eine Wohnung gebracht, die von einer Scheinfirma des BKA angemietet war. Ich bekam die Legende, dass ich ein Mitarbeiter dieser Firma war. Es gab aber immer Streit: Sie verboten mir, nach Weiden zu meinen Eltern zu fahren – aber ich bin trotzdem hingefahren. Nach einiger Zeit haben sie dann gesagt: Das funktioniert so nicht – und das Zeugenschutzprogramm wurde offiziell beendet.

Er wurde radikal, weil keiner sagte, wie unislamisch Gewalt ist

Was hätte Sie vor dem Abgleiten in den Extremismus abhalten können. Ein guter Lehrer?

Peci: Bei mir haben alle nur passiv zugeschaut. Es hätte bestimmt Einfluss auf mich gehabt, wenn ein gemäßigter Imam, der das entsprechende Wissen hat, auf mich eingewirkt hätte. Man wird ja nur so radikal und gewalttätig, weil keiner uns gesagt hat, dass diese Gewalt unislamisch ist. Generell glaube ich, dass Toleranz und Offenheit das beste Mittel gegen Extremismus ist.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie ein Mädchen in Ihrer Schulklasse angefeindet wurde, weil sie ein Kopftuch trug…

Peci: Ja, die Extremisten nutzen das aus. Sie sagen: Wenn du dich offen zum Islam bekennst, wirst du isoliert, dann wirst du sehen, welchen Hass die Menschen auf uns Moslems haben. In Weiden, wo die Leute sehr konservativ sind, da bestägte sich das, und ich erlebte Ablehnung und Rassismus. Als ich dann aber nach Berlin ging und mir dort ganz anders, nämlich tolerant, offen und freundlich begegnet wurde, kam mein Weltbild ins Wanken – wie soll ich jemanden hassen, der freundlich zu mir ist?

Wie sehen Sie die Diskussion um die Syrien-Rückkehrer: Sind die eine Gefahr?

Peci: Da gibt es zwei Seiten: Die, die eigens für Terroranschläge zurückgeschickt werden. Und die, die zurückkehren, weil sie die Schnauze voll haben – das sind die meisten. Eigentlich darf man vom Schlachtfeld nicht weg – das gilt als feige Fahnenflucht, als eine Todsünde. Natürlich sind die nach ihrer Rückkehr nicht völlig geläutert – aber ein Denkprozess hat angefangen, den unsere Behörden unterstützen sollten. Wenn die Gesellschaft sich nicht um die kümmert – die Dschihadisten werden das machen und sie wieder auf den alten, schlechten Weg bringen. Ein Freund von mir wollte eigentlich aus Syrien zurück, hatte aber Angst, dass ihm in Deutschland eine hohe Haftstrafe droht. Deshalb war er in einer Sackgasse – und blieb in Syrien, wo er ums Leben kam.

Interview: Klaus Rimpel

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