Tiere brauchen Ruhe um zu überleben

Jäger appellieren an Ausflügler: Störung kann lebensgefährlich für Wildtiere sein

Ein Reh steht am Waldrand im Schnee.
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Auf Sparflamme: Wildtiere brauchen im Winter Ruhe, um nicht an lebensnotwendige Reserven gehen zu müssen.

In den Wintermonaten brauchen Wildtiere Ruhe. Sie fahren den Stoffwechsel herunter und passen sich so an die kargen Bedingungen an. Der Mensch kann da ungewollt zum Ruhestörer werden. Vor allem, wenn es so viele wie nie in die Natur zieht.

München/Peiting – Der Schnaidberg bei Peiting lag viele Jahre im Dornröschenschlaf. Früher gab es an dem Hügel im Landkreis Weilheim-Schongau drei Skilifte, doch in den 1990er-Jahren machte Schneemangel dem Wintersportspaß ein Ende. Nun ist der Schnee zurück – und mit ihm zahlreiche Besucher. Seit Beginn der Pandemie haben die Peitinger den Schnaidberg wiederentdeckt, und auch bei Tagestouristen ist der kleine Berg als Schlittenhügel beliebt.

Das bleibt nicht ohne Folgen: „Für das Wild kann es sehr stressig werden, wenn zu viele Menschen unterwegs sind“, sagt Michael Schlögel. Der 57-jährige Landwirt ist Jagdaufseher und täglich in dem Gebiet südlich von Peiting unterwegs. „Die Leut’ sind daheim und müssen natürlich auch mal raus. Aber extrem ist es heuer schon.“ Die Leute bleiben auch nicht am Schlittenhügel. „Viele laufen kreuz und quer durch den Wald. Wahrscheinlich auch, um Abstand zu halten“, vermutet Schlögel. Dabei stören sie – oft unbewusst – Tiere, die sich tagsüber im Unterholz aufhalten.

Aufregung ist für Wild im Winter lebensgefährlich

Wildtiere fahren im Winter ihren Stoffwechsel so weit wie möglich herunter, senken die Körpertemperatur ab und leben auf Sparflamme. Jede Störung sorgt dafür, dass sie Energiereserven mobilisieren müssen. Das kann schwerwiegende Folgen für Gams, Hirsch oder Reh, aber auch für Auer- und Schneehuhn haben. „Die Tiere bauen unwahrscheinlich ab und werden geschwächt, wenn sie aufgeschreckt werden.“ Im schlimmsten Fall führen zu viele Fluchtreaktionen dazu, dass die Tiere den Winter nicht überleben.

Auch der Bayerische Jagdverband (BJV) beklagt, dass Erholungssuchende häufig Absperrungen und Hinweise auf Ruhezonen missachten. Die Folge: „Die Wildfütterungen werden nicht mehr angenommen, die Tiere können nicht mehr genug überlebensnotwendige Nahrung aufnehmen“, sagt Berufsjäger Christian Millauer aus Bayrischzell (Kreis Miesbach). Der Verband appelliert an Wintersportler und Spaziergänger, Rücksicht zu nehmen, Betretungsverbote zu respektieren und auf der Piste oder dem Weg zu bleiben.

Das fordert auch Bayerns Landwirtschaftsministerin. Für Michaela Kaniber (CSU) gehört Respekt vor den Tieren zu einem guten Umgang mit der Heimat. „Wildtiere sind Mitgeschöpfe, sie dürfen nicht auf der Strecke bleiben“, sagt Kaniber. „Ich habe Verständnis dafür, dass man auch mal an die Luft muss. Aber bitte mit der nötigen Umsicht, auch gegenüber den Tieren.“

Hunde sollten an der Leine geführt werden

Die ist auch von Hundebesitzern gefordert: Die Tiere sollten im Wald und am Waldrand an der Leine geführt werden. Erst vergangene Woche haben in Bad Heilbrunn (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) und Oberammergau (Kreis Garmisch-Partenkirchen) Hunde zwei sechs und neun Monate alte Rehkitze gejagt und totgebissen. In beiden Fällen sind die Jäger auf der Suche nach dem Hundehalter. „Wenn ein Reh im Tiefschnee einbricht, hat es keine Chance, vor allem gegen einen hochbeinigen Hund“, sagt Michael Schlögel. „Der Hund kann rennen, ein Reh muss hüpfen.“ Viele Hundehalter würden unterschätzen, wie schnell ihre Hunde werden können. „Und einige sagen: Meiner macht so was nicht.“

Michael Schlögel ermahnt die Leute nicht, wenn er am Schnaidberg unterwegs ist. „Es ist ja auch schön, dass Familien die alten Schlittenhügel wiederentdecken, auf denen lange niemand gefahren ist“, sagt er. „Und ich versteh, dass die Leute raus müssen.“ Etwas mehr Rücksicht auf die Tiere würde er sich allerdings schon wünschen, „zumindest in Waldnähe“.

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