So ernst ist die Lage in München & Bayern

Jeder 4. Rentner ist arm: Die Schock-Zahlen

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Der Renten-Atlas: Verzeichnet sind die Gesamtbeträge inklusive Witwenrenten – München liegt vorn, das Land schneidet schlechter ab. Die ganze Grafik sehen Sie mit Klick auf das "Vergrößern"-Symbol oben.

München - Sozialverbände schlagen Alarm: Jeder vierte Rentner ist arm. Die tz erklärt, wie ernst die Lage in München und Bayern ist.

Mütterrente, Rente mit 63, Renten im Sinkflug? Während im Bundestag die Experten über das Reform-Paket der Bundesregierung beraten, schlagen Sozialverbände Alarm! Caritas-Präsident Peter Neher fordert, dass der Anstieg der Altersarmut bekämpft wird. VdK-Präsidentin Ulrike Mascher warnt: „Jeder vierte Rentner in Bayern ist armutsgefährdet. Das ist ein trauriger Rekord.“ In München bekommen die Senioren zwar im Schnitt die höchsten Renten (siehe Grafik), aber dafür sind in der teuren Stadt immer mehr auf Stütze angewiesen!

Der VdK verweist auf den neuesten Sozialbericht der Staatsregierung: 25 Prozent der über 65-Jährigen mit Rente als Haupteinkommen sind von Armut bedroht, also jeder vierte Rentner im Freistaat – das sind eine halbe Million Menschen! 2009 betraf das erst jeden fünften Bayern über 65. In Oberbayern steigt die Quote schon auf fast 27 Prozent, unter Mi-granten auf 37 Prozent. Und: „Altersarmut ist auch in Bayern weiblich“, sagt VdK-Chefin Mascher.

Damit gehören die Senioren zu den ärmsten Gruppen der Bevölkerung: Im Schnitt beträgt die Armutsgefährdungsquote bayernweit 14,3 Prozent. Rund 1,7 Millionen Menschen leben demnach unter der Wohlstandsgrenze. Tendenz steigend! Allerdings fallen laut Sozialbericht die Vermögen vergleichsweise hoch aus: „Das bedeutet für viele Menschen eine überdurchschnittliche Alterssicherung.“

Als arm gilt, wer weniger als 60 Prozent vom mittleren Nettoeinkommen hat: Bei Singles sind das zum Beispiel weniger als 942 Euro und bei einer Familie mit zwei kleinen Kindern 1978 Euro.

Da kommen die meisten Renten in Bayern nicht heran: Die Höhe liegt im Schnitt bei 842 Euro – wenn man berücksichtigt, dass jeder dritte Senior auch eine Witwenrente bekommt. Das ist deutlich weniger als der bundesweite Schnitt von 895 Euro. In Wahrheit sinken die Renten: Zwar seien im ganzen Freistaat die Auszahlungen gestiegen, stellt der Sozialbericht fest, aber geringer als die Preissteigerung. Die gute Nachricht: Die Senioren in München und dem gesamten Umland gehören zur Spitzengruppe der Besserverrenteten, die im Schnitt bis zu 970 Euro im Monat bekommen.

Die schlechte Nachricht: In der teuren Stadt ist ein Teil der Senioren vom Wohlstand abgehängt. Zwar bekommen verglichen mit anderen Städten wenige Menschen Sozialleistungen. „Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Armut auch in München ein immer größeres Problem darstellt“, erklärte Sozialreferentin Brigitte Meier (SPD) jüngst. So stieg die Zahl der Senioren mit Stütze auf 13 000 (s. Tabelle). Und: Die Stadt befürchtet eine riesige Dunkelziffer und erwartet fast eine Verdoppelung!

David Costanzo

Münchner Rentner mit Stütze

Die Zahlen steigen auch in München drastisch: Verzeichnet sind die über 65-jährigen Empfänger von verschiedenen Sozialleistungen, die meisten bekommen Grundsicherung im Alter.

Jahr Empfänger von Sozialhilfe – darunter mit Grundsicherung
2010 12 053 11 235
2011 12 293 11 747
2012 13 051 12 467
Prognose
2014 14 500
2016 16 800
2018 19 800
2020 23 000
Quelle: Statistisches Amt, Armutsbericht der Stadt

Nebenjob als Putzfrau

Die Miete für meine Wohnung wurde letztens erhöht und beträgt jetzt 600 Euro. Meine gesetzliche Rente beträgt aber nur 756 Euro, hinzu kommen noch 451 Euro aus der Zusatzrente. Um mir ab und zu etwas leisten zu können, gehe ich seit 18 Jahren jeden Tag putzen. Dadurch kann ich mir meine tägliche Tasse Kaffe in der Innenstadt gönnen. Das ist für mich ein Stück Lebensqualität.

Siglinde Flattenhutter (72), ehemalige Bankangestellte, München

Zum Glück vorgesorgt

Meine Rente reicht eigentlich nicht aus, um in München zu leben. Allerdings habe ich schon früh erkannt, dass ich für meine Zukunft vorsorgen muss, und wie meine Frau eine Lebensversicherung abgeschlossen. Ohne das zusätzliche Geld könnten wir uns unsere Wohnung in Giesing-Harlaching nicht leisten. Wahrscheinlich wären wir sogar Sozialhilfeempfänger, hätten wir nicht vorgesorgt.

Alfred Heinlein (69), früher tätig in der Filmbranche, München

Sparen und dazuverdienen

Nebenbei arbeite ich in der Kinderbetreuung. Einerseits macht mir dieser Job viel Spaß, anderseits kann ich aber das zusätzliche Geld auch gut gebrauchen. Zum Glück ist meine Genossenschaftswohnung relativ günstig. Außerdem spare ich bei Klamotten und Essen, soweit es geht, damit ich mir auch mal etwas leisten kann – etwa Stadtbesuche.

Anna Mühldorfer (69), frühere Angestellte der Stadt, München

Umfrage: Nico Horn (Text)

Versprochen - gebrochen: Die bekanntesten Wahllügen

Wahl
Vor der Bundestagswahl werben alle Parteien mit kaum bezahlbaren Versprechen. Nach der Wahl sind einige Vorhaben schnell wieder vergessen. Hier die bekanntesten Wahllügen: © dpa
Wahl, Wahllügen
Seit 1961 wird die FDP als „Umfallerpartei“ verspottet. Damals war sie mit dem Slogan in die Wahl gezogen: „Mit der CDU, aber ohne Adenauer!“ Die FDP kam auf 12,8 Prozent – und bildete eine Regierung mit Adenauer. Nach der Wahl 1969 schwenkte FDP-Chef Scheel überraschend auf eine Regierung mit der SPD um... © dpa
Genscher
... 13 Jahre später der nächste Paukenschlag: Die FDP-Minister Genscher und Lambsdorff bandelten mit der CDU an, um SPD-Kanzler Schmidt 1982 per Misstrauensvotum zu stürzen. Nach dem Koalitionswechsel regierte die FDP 16 Jahre an der Seite Kohls. © dpa
Wahl, Wahllügen
CDU-Sozialminister Blüm griff selbst zum Leimpinsel, um das Plakat auf eine Litfaßsäule am Bonner Marktplatz zu kleben: „Eins ist sicher: die Rente“, versprach die schwarz-gelbe Regierung 1988 – obwohl die Altersbezüge seit der Ära Adenauer bekanntlich an die Entwicklung der Gehälter gebunden sind... © dpa
Wahl, Wahllügen
... Kurz vor der Wahl 1957 hatte CDU-Kanzler Adenauer das umstrittene Umlageverfahren eingeführt. Mit der Reform stiegen die Renten schlagartig um 65 Prozent. Die Folge: Adenauers Union gewann zum einzigen Mal eine Wahl mit absoluter Mehrheit. © dpa
Wahl, Wahllügen
Im Jahr der Deutschen Einheit 1990 kündigte CDU-Kanzler Helmut Kohl an, die neuen Bundesländer „bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln“. Ebenso schloss er vor der Wahl 1990 Steuererhöhungen aus und versprach, die Kosten der Einheit „aus der Portokasse“ zu zahlen... © dpa
Wahl, Wahllügen
... Nach der Wiederwahl musste der Kanzler einräumen, die enormen Altlasten der DDR unterschätzt zu haben. 1996 lehnte Kohl sich erneut zu weit aus dem Fenster – mit der Aussage: „Der Solidaritätszuschlag ist bis Ende 1999 endgültig weg.“ Es gibt ihn heute noch. © dpa
Wahl, Wahllügen
„Merkelsteuer – das wird teuer“, dichtete die SPD im Bundestagswahlkampf 2005. SPD-Kanzler Gerhard Schröder schloss eine Erhöhung der Mehrwertsteuer kategorisch aus und attackierte die Ankündigung der Union, den Steuersatz um zwei Prozentpunkte zu erhöhen. © dpa
Wahl, Wahllügen
... Nach der Wahl verständigte sich die Große Koalition aus Union und SPD auf eine Erhöhung der Mehrwertsteuer um drei Punkte. Vizekanzler Franz Müntefering (SPD) nannte es „unfair“, dass die Regierung „an dem gemessen wird, was in Wahlkämpfen gesagt worden ist“. © dpa
Wahl, Wahllügen
Vor der Landtagswahl im Januar 2008 schloss die hessische SPD-Spitzenkandidatin Ypsilanti ein Bündnis mit der Linkspartei strikt aus: „Wir werden uns nicht einmal von ihr tolerieren lassen. Auch nach dem Wahlabend nicht, garantiert!“ ... © dpa
Wahl, Wahllügen
... Nachdem die SPD fast genau so viele Stimmen erzielt hatte wie die CDU, strebte Ypsilanti dennoch ein Bündnis mit der Linken an, um CDU-Ministerpräsident Koch aus dem Amt zu drängen. Als ihr Vorhaben scheiterte, eine rot-grüne Minderheitsregierung unter Tolerierung durch die Linke zu bilden, trat Ypsilanti zurück. © dpa

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