Johann Westhauser ist gerettet!

Höhlen-Drama: tz-Protokoll der letzten 24 Stunden

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Ein Helikopter steht bereit, um den Verletzten sofort in die Murnauer Unfallklinik zu fliegen. Dutzende Helfer packen an und heben den 52-Jährigen in die Maschine.

Berchtesgaden - Nach 274 Stunden hat Höhlenforscher Johann Westhauser wieder das Tageslicht erblickt. Die tz hat die Rettung am Höhleneingang verfolgt und zeichnet die letzten 24 Stunden in einem Zeitprotokoll nach.

Er ist raus aus seinem Felsverlies! Die Teufelskerle vom Riesending bei Berchtesgaden haben es tatsächlich geschafft: Johann Westhauser, der schwer verletzte Höhlenforscher, ist gerettet, liegt jetzt in der Unfallklinik Murnau. Das glückliche Ende eines gut 274 Stunden andauernden, nervenaufreibenden Dramas — nachdem der 52-Jährige am Pfingstsonntag in 1000 Metern Tiefe von einem Felsbrocken am Kopf getroffen worden war. „Ihr habt Übermenschliches geleistet“, lobte Ministerpräsident Horst Seehofer die mehreren hundert Helfer aus Bayern, Italien, der Schweiz, Österreich und Kroatien. Die tz hat die Rettung am Höhleneingang verfolgt und zeichnet die letzten 24 Stunden in einem Zeitprotokoll nach.

Andreas Beez

Mittwoch, 11.42 Uhr

Der Zauber des knapp 2000 Meter hohen Untersbergs fesselt seine Besucher. Vorm Stöhrhaus, einer Alpenvereinshütte am Rande des 70 Quadratkilometer weiten Karstplateaus, lassen Wanderer die Seele baumeln. Viele wissen gar nicht, dass sich praktisch unter ihren Füßen der wohl größte Einsatz in der Bergwacht-Geschichte abspielt. In der größten der rund 400 Höhlen des Massivs kämpfen noch immer Dutzende Spezialisten um Johann Westhausers Leben. Sie sind auf der Zielgeraden – aber die ist leider senkrecht: Es gilt nun, den 180 Meter hohen Ausstiegsschacht zu überwinden. Mit Muskelkraft, ohne Rastmöglichkeit.

Mittwoch, 18.05 Uhr

Ein paar Zaungäste haben sich zum Einsatzort inmitten von Latschen, Löchern und Felsen durchgeschlagen. „Ich kenne mich hier aus, bin Bischofswiesener“, erklärt der Kraxler mit Krempenhut dem Polizeibergführer – und zwar in allmächtig fränkischem Dialekt. „Man hört’s“, kontert der hörbar oberbayerische Beamte trocken. „Aber auch als Einheimischer sollten S’ lieber hinter der Absperrung bleiben.“ Ums gesamte Basislager haben die Polizisten ein rotweißes Grenzbandl gezogen. Und damit auch von oben keine ungebetenen Gäste kommen, gilt über dem Untersberg sogar ein Flugverbot. Nichts soll die Retter und die Rettung behindern.

Mittwoch, 23.00 Uhr

Das Camp, das niemals schläft: Lichter wuseln wie Glühwürmchen durch das Basislager – die Stirnlampen vieler Helfer, die auch nachts hochkonzentriert weiterarbeiten. Sie halten im Funkcontainer die Stellung, verstauen gebrauchtes Material in Kisten, holen neue Ausrüstung aus den Zelten. Der unwirtliche Platz ist perfekt organisiert – er schaut aufgeräumter aus als manches Wohnzimmer. Irgendwo im Nichts der Nacht rattert das Stromaggregat.

Mittwoch, 23.30 Uhr

Einige Retter mummeln sich in ihre Schlafsäcke, um ein bisschen Schlaf zu tanken. Aber gemütlich geht anders: Kalter Wind kriecht unter die Isomatten, das Thermometer zeigt 6,7 Grad. Keiner jammert – denn jeder weiß: Gegenüber den ein, zwei Grad in der nassen, schlammigen Höhle sind solche Temperaturen fast schon mollig warm.

Donnerstag, 2.30 Uhr

Solidarität mit den Helfern: Die fränkischen Höhlen-Fans Ulrich (l.) und Stefan (re.) brachten sechs Kilo Würste zur Riesending-Schachthöhle.

Ulrich (38) und Stefan (40) kommen mitten in der Nacht auf dem Untersberg an. Im Gepäck: sechs Kilogramm Hausmacher Stadtwurst. Die geräucherten Schmankerl haben sie extra aus Franken hergebracht – zur Stärkung für die Retter. Im normalen Leben repariert Helmut Autos, und Stefan arbeitet in der Industrie. Hier aber sind sie – mit Helm und Stirnlampe ausgestattet – als Vertreter des 100 Mitglieder starken Höhlen-Fanclubs Cave Seekers in Aktion. „Um unsere Solidarität mit den Helfern zum Ausdruck zu bringen. Sie machen das großartig.“

Donnerstag, 9.15 Uhr

Der erste Höhlenretter klettert aus dem Ausstiegsschacht. Kameraden klopfen ihm auf die Schulter.

Donnerstag, 10.00 Uhr

Jetzt versammeln sich alle Retter um den Höhleneingang. Sie stehen oder sitzen in den Felsen und warten auf Johann Westhausers Ankunft im Licht – alles wie in einer Art natürlichem Amphitheater.

Donnerstag, 10.08 Uhr

Ein Helfer inspiziert noch einmal den steinigen Pfad zwischen dem Höhleneingang und dem kleinen, kreisrunden Helikopterlandeplatz, den die Einsatzkräfte in mühsamer Handarbeit der felsigen Umgebung abgetrotzt haben. Weitere Kollegen folgen ihm: Auf den letzten 50, 60 Metern soll – ja darf – nichts mehr schiefgehen.

Donnerstag, 10.50 Uhr

Vier Bergwachtler gehen an der mechanischen Seilwinde überm Höhleneingang in Position. Ein Dreifuß mit einer Umlenkrolle, der Westhauser auf der letzten Seillänge von etwa 50 Metern in die Höhe hieven soll – wie ein Kran zum Kurbeln.

Donnerstag, 11.13 Uhr

Die Bergwachtler beginnen vorsichtig zu kurbeln. Das Geräusch erinnert an eine Fahrradkette im Leerlauf. Zentimeter für Zentimeter wird Johann Westhauser in Richtung Tageslicht gezogen.

Donnerstag, 11.42 Uhr

Westhauser erreicht nach fast zwei Wochen wieder den Ausgang von Deutschlands größter Höhle. Mit einem Arm hält er sich am Seil fest, versucht bis zuletzt bei seiner Bergung selbst mitzuhelfen.

Donnerstag, 11.44 Uhr

Zehn bis zwölf Helfer geleiten die Trage vorsichtig zu einem Zelt. Hier wird der Patient kurz untersucht.

Donnerstag, 11.58 Uhr

Ein Hubschrauber der Bundespolizei setzt auf dem provisorischen Landeplatz auf.

Donnerstag, 12.02 Uhr

Ein Moment, der auch tz-Reporter Andreas Beez bewegte.

Bewegende Szene: Wie ein Bienenschwarm tummeln sich alle Helfer – noch immer mehrere Dutzend – um die Trage mit Westhauser, bringen ihren Patienten alle gemeinsam zum Helikopter. Jeder packt mit an, jeder kümmert sich. Dabei wirken sie noch immer konzentriert wie in der ersten Minute des Einsatzes.

Donnerstag, 12.06 Uhr

Die Retter von Johann Westhauser jubeln, umarmen sich.

Als der Heli abhebt, fällt den Rettern die ganze Anspannung von ihren geschundenen Schultern. Sie klatschen Beifall, jubeln, fallen sich in die Arme.

Donnerstag, 14 Uhr

„Wir haben unser Ziel erreicht“, sagt Norbert Heiland von der Bergwacht auf einer Pressekonferenz. Niemand habe daran geglaubt, dass eine Rettung aus solch einer Tiefe überhaupt möglich sei. „Aber wir haben es hinbekommen!“

Der Verletzte: Johann Westhauser

Johann Westhauser wurde gerettet, er wird jetzt behandelt.

Johann Westhauser ist derzeit wegen seines Unfalls wohl der berühmteste Höhlenforscher Deutschlands. Der 52-Jährige arbeitet als Techniker am Institut für Angewandte Physik des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Und er kannte sich in der Höhle aus: Der Speläologe ist ein erfahrener Begeher der Riesending-Schachthöhle im Untersberg, die er bereits einige Dutzend Male erkundete. Seit 2002 erforscht er in einem Team der Arbeitsgemeinschaft für Höhlenforschung Bad Cannstatt die Höhle.

Er ist auch einer ihrer Erstbefahrer (Tour vom Juli 2002) und war gemeinsam mit Lars Bohg, Jürgen ­Kühlwein, Anja und Thomas Matthalm, Ulrich Meyer und Marcus Preißner einer der Hauptakteure dieser ersten Phase der Erforschung der riesigen Höhle. Auch an der weiteren Erschließung der Höhle war er beteiligt, zuletzt bis zum Juni 2014. Westhauser ist seit 1994 Mitglied der Höhlenrettung von Baden-Württemberg. Jetzt dürfte er sich erst einmal auf Zeit mit seiner Lebensgefährtin Angelika freuen.

Die Riesending Höhle am Untersberg

Bis zum Pfingstsonntag war der Eingang der Riesending-Schachthöhle am Untersberg geheim. Kaum einer kannte den Einstieg in die Tiefe. Nach der riesigen Rettungsaktion und dem Medienrummel ist dies Vergangenheit. Muss die Riesending-Höhle nun geschlossen werden? Geht es nach Innenminister Joachim Herrmann muss die Höhle verschlossen werden: „Technisch ist es einfach und rechtlich halte ich es angesichts der extremen Gefahren, die damit verbunden sind, für geboten.“ Er fürchte, dass mancher, nicht nur in Deutschland, sondern europaweit auf die Idee komme, einmal hinabzusteigen.

Auch Bergwacht, Bund Naturschutz sowie die Gemeinde Bischofswiesen und das Landratsamt überlegen derzeit, wie sie weiter mit der größten Höhle Deutschlands verfahren wollen. Thomas Weber, Bürgermeister von Bischofswiesen, sagte zu BGLand24.de: „Die Gefahr von Folgeeinsätzen in der Riesending-Schachthöhle ist zu groß.“ Demnächst solle das Thema im Gemeinderat besprochen werden.

Die Helden: Berg- und Höhlenkletterer aus Europa

Sie haben gekämpft, ihr Leben riskiert und unvorstellbare Kräfte eingesetzt, um einen ihrer Kameraden aus dem Berg zu holen: Die Helden!

Die Bergretter besprechen sich bei einer kurzen Pause.

Die besten Berg- und Höhlenkletterer aus Europa reisten an und bewiesen in einer beispielslosen Rettungsaktion, wie eng der Zusammenhalt ist. „In den vergangenen zwölf Tagen ist hier am Untersberg ein Kapitel alpiner Rettungsgeschichte geschrieben worden“, so der Vorsitzende der Bergwacht Bayern, Norbert Heiland.

Wahrlich! An den Erfolg der Mammut-Rettung hatte kaum einer geglaubt, zu groß und tief schien die Höhle. Doch es hat geklappt. Mehrfach waren die Teams in das Riesending hinabgestiegen, teilweise zum ersten Mal. Ohne Vorwarnung mussten sich die Retter auf die Höhle einlassen. „Das erfordert viel Kraft und mentale Stärke“, so ein Bergwacht-Sprecher.

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer dankte allen Rettern. Jetzt freuen sich die Helden auf zu Hause. Wohlverdient!

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