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Der Kampf dieser Zwillinge gegen den Brustkrebs

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Renate und Ingrid Müller aus Würzburg erkrankten beide an Brustkrebs: Über ein Jahr kämpften sie tapfer gegen die Krankheit – mit Erfolg

Würzburg - Renate und Ingrid Müller aus Würzburg sind Zwillinge. Mit 40 Jahren erkranken sie gleichzeitig an Brustkrebs. In der tz erzählen die zwei Frauen über die härteste Zeit ihres Lebens.

Renate und Ingrid Müller aus Würzburg sind Zwillinge. Mit 40 Jahren erkranken sie gleichzeitig an Brustkrebs. Ein Kampf beginnt – gegen das Sterben, für das Leben. Sie siegen. Nun haben sie ein Buch über ihren Weg durch die Hölle geschrieben: Zwillingskrebs. In der tz erzählen die zwei Frauen über die härteste Zeit ihres Lebens:

Der Mann war es. Dieser wunderbare Fremde aus der Münchner Kneipe. Dieser Schauspieler, dessen Anziehungskraft bis in sein Hotelbett reichte, hatte ihren Krebs entdeckt. „Was hast du da?“, hatte er Renate Müller gefragt und vorsichtig über ihre rechte Brust gestrichen, „das musst du anschauen lassen.“

Es ist August 2008, als er das sagt und als etwas einbricht in Renates Welt. Ein dunkler Punkt, von dem sie hofft, dass er „weggeht“. Drei Wochen lang. Dann geht sie zu einer Frauenärztin. Lässt einen Ultraschall machen, wird zur Mammografie geschickt, die Gynäkologin will eine Biopsie machen.

Renate erstarrt. In ihrem Leben ist kein Platz für Krankheiten. Sie arbeitet gern und viel, braucht Zeit für sich und ihre Freunde. „Renate macht Party, wo keine Party ist“, sagt ihre Schwester Ingrid.

Sie ist die Erste, mit der Renate über die Krankheit spricht. Die Frauen sind eineiige Zwillinge. Obwohl das Elternhaus in Würzburg groß ist, teilten sie sich dort ein 13 Quadratmeter kleines Zimmer. Sie gingen zur selben Schule, studierten beide Biologie, wohnten zusammen. Die Wege, die die beiden Frauen beschreiten, ähneln sich so sehr wie ihre Ohrringe und die Farben ihrer Lippenstifte. Renate ist heute Reporterin beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt, Ingrid Wissenschaftsredakteurin in München.

Sie steht auf einem Bahnhof, als ihr Handy klingelt. „Setz dich“, sagt Renate, „bei mir besteht Verdacht auf Brustkrebs“ Ingrid fühlt sich „aus dem Leben geschleudert“. Sie begleitet die Schwester zur Biopsie. Im Krankenhaus liegt ein Brustkrebsmagazin aus. Das Titelblatt zeigt eineiige Zwillinge, gleichzeitig erkrankt. „Da dachte ich, dass es mich auch treffen kann“, sagt Ingrid. Schnell legt sie das Heft weg.

Am 3. September 2008 ist klar, dass Renate Müller Brustkrebs hat. Eine seltene Art, die von den Drüsenlappen ausgeht und nicht genetisch bedingt ist. Renates Samtaugen schwimmen in Tränen, als sie das erzählt. „Wir waren aus dem Himmel gefallen“, flüstert sie. Am 17. September 2008 wird der 2,4 Zentimeter große Tumor aus Renate Müllers Brust entfernt. Der Krebs hat Metastasen gebildet, Lymphknoten in der Achselhöhle müssen weggeschnitten werden. Renate bekommt einen Port implantiert, durch ihn wird während der Chemotherapie der Medikamentencocktail in den Körper fließen.

Die Ärzte raten zu einer Hochdosis-Chemotherapie mit neun Zyklen alle zwei Wochen. Geballte Ladungen zelltötender Mittel, verabreicht in Abständen, die nicht jeder aushalten kann. Die Hölle. Renate wehrt sich. Sie, die das Mittelmaß stets verabscheute, möchte eine Standardtherapie mit sechs Zyklen alle drei Wochen. Ingrid glaubt ihre Schwester in Frankfurt nicht gut aufgehoben, will, dass sie sich schnell entscheidet, alles in sich hinein pumpen lässt, was den Krebs vernichtet.

Die Zwillinge sprechen nicht mehr dieselbe Sprache. „Ich bin es, die nicht mehr mitmachen darf beim Leben“, schleudert Renate ihrer Schwester entgegen. Ingrid fürchtet, dass Renate nicht kämpft. „Ich hatte eine Scheißangst, sie zu verlieren.“ Bei ihren Streitgesprächen schenken sich die Zwillinge nichts. „Ich war früher oft diejenige, die für uns beide entschieden hat“, sagt Ingrid, „jetzt musste ich kapieren, dass Renate das Auto selbst steuern muss“. Sehr zögerlich rutscht sie auf den Beifahrersitz.

Sie fährt mit Renate zur ersten Chemotherapie. „Die ersten zwei Tage konnte ich mich ganz gut halten“, sagt Renate, „bis zum siebten Tag wurde es immer schlimmer.“ Dünn wie Papier sind dann ihre Nerven, in ihrem Kopf toben Gewitter, Arme und Beine liegen kraftlos neben ihr, das Immunsystem macht schlapp, weil die weißen Blutkörperchen vernichtet werden. Einmal bekommt sie Fieber, muss ins Krankenhaus. Renates Welt wird immer kleiner.

Ingrid fährt zurück nach München, macht dort einen Termin bei ihrem Gynäkologen. Die Ärzte finden ein eineinhalb Zentimeter großes Karzinom in ihrer rechten Brust. Zwei Monate nach Renates Diagnose steht Ingrid vor dem nächsten Abgrund. Ihre Angst wächst ins Unermessliche. „Ich habe dasselbe wie du“, sagt Ingrid am Telefon zu Renate. Die Schwestern sind wieder Zwillinge.

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Das Buch "Zwillingskrebs: Ein Schicksal, zwei Geschichten" ist als Taschenbuch im rororo-Verlag erschienen. Auf 288 Seiten schildern die Schwestern hier ihren Leidensweg. Das Buch kostet 11,99 Euro.

Renate hat gerade ihre zweite Chemotherapie hinter sich. „Immer, wenn man denkt, man hat das Schrecklichste schon erlebt, geht es weiter“, sagt sie. Das Leben ist ein Horrortrip geworden. Sie hat alle Haare verloren. Ingrid lässt sich von derselben Ärztin operieren wie Renate. Die Lymphknoten sind nicht betroffen. Trotzdem soll Ingrid eine Chemotherapie machen. Sie hat an Renate gesehen, wie das ist, will sich der Tortur nicht aussetzen. Freunde geben Ratschläge, mit denen sie nichts anfangen kann. „Da habe ich gemerkt, was ich mit Renate gemacht habe“, sagt Ingrid.

Als die USA ihren ersten schwarzen Präsidenten bekommen, beginnt Ingrids Chemotherapie. Sie ist weniger aggressiv als Renates. Ingrid arbeitet zwischen den Zyklen vom Bett aus. Am 11. Februar 2009 rinnt der letzte Chemiecocktail in Renates Körper. Ingrids Chemotherapie endet am 8. Mai. Als sie auch die Bestrahlungen hinter sich hat, sagt Renate laut: „Ich hatte Krebs.“ Ingrid verabschiedet den Dämon, der das Leben beherrschte, am 8. Juli.

Renate beginnt ihr neues Leben mit einer dreiwöchigen Rehabilitation, lernt Yoga. Ingrid fährt eine Woche in ein Wellnesshotel. Beide Frauen überprüfen ihr altes Leben. Renate reduziert ihre Arbeitszeit um die Hälfte. „Ich lerne gerade, dass man fünf auch mal gerade sein lassen kann“, sagt sie.

Die Angst, dass der Krebs wieder Anker in ihre Körper wirft, gehört zu dem neuen Leben der Zwillinge. „Man darf ihr keinen zu großen Raum geben“, sagt Renate, „wir haben verstanden, dass wir nur dieses eine Leben haben. Es kommt kein zweites, das besser ist.“

Gisela Schmidt

tz-Stichwort Brustkrebs

Brustkrebs (medizinisch: Mammakarzinom) ist der häufigste bösartige Tumor der Brustdrüse des Menschen. Jede achte bis zehnte Frau erkrankt im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs. Dies sind in Deutschland etwa 57 000 Neuerkrankungen pro Jahr. In der westlichen Welt ist Brustkrebs die häufigste Todesursache bei Frauen zwischen dem 30. und 60. Lebensjahr. Etwa 90 Prozent aller Geschwulste in der weiblichen Brust wurden bisher von den Frauen selbst zufällig entdeckt. Deshalb sollte jede Frau ab dem 30. Lebensjahr zur jährlichen Früherkennung durch Mammographie gehen.

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