Mehr Allergiker auf dem Land

„Kinder- und Jugendreport 2018“: So krank sind Bayerns Kinder

+
Kinder- und Jugendreport Bayern der DAK vorgestellt

Der „Kinder- und Jugendreport 2018“ der DAK zeigt den Gesundheitszustand von Bayerns Kindern. Während Landkinder häufiger an Allergien leiden, sind Stadtkinder öfter von Adipositas betroffen.

München – Hat es Hänschen im Rücken, leidet später auch Hans oft an Kreuzschmerzen. Denn viele Erkrankungen haben ihren Ursprung in jungen Jahren. Die aktuellen Zahlen aus dem ersten „Kinder- und Jugendreport 2018“ der DAK verheißen hier nichts Gutes: Fast jedes sechste Kind im Freistaat muss mit Muskel-Skelett-Beschwerden zum Arzt – die meisten wegen Rückenschmerzen.

Jedes vierte Kind in Bayern leidet an einer körperlichen, potenziell chronischen Erkrankung

Das ist nicht das einzige, beunruhigende Ergebnis aus dem ersten Kinder- und Jugendreport der Krankenkasse DAK, der gestern in München vorgestellt wurde. Die Analyse beruht auf Abrechnungsdaten von mehr als 83.000 Kindern und Jugendlichen aus dem Jahr 2016. Sie soll klären, wie es um die Gesundheit von Bayerns Nachwuchs steht – das Ergebnis könnte besser sein.

Denn: Jedes vierte Kind in Bayern leidet an einer körperlichen, potenziell chronischen Erkrankung. Besonders häufig sind hier Neurodermitis, Heuschnupfen und Asthma. Weitere neun Prozent haben psychische Erkrankungen.

Lesen Sie auch: Aus diesem Grund sollten Sie sich dringend impfen lassen

Infekte nehmen dramatisch zu

Ganz oben auf der Liste der häufigsten Erkrankungen stehen allerdings Atemwegserkrankungen, gefolgt von anderen Infektionen und Augenerkrankungen. Mehr als die Hälfte (54 Prozent) der Kinder ist laut Report mindestens einmal im Jahr wegen eines grippalen Infekts oder einer akuten Bronchitis beim Arzt, darunter sehr viele Kleinkinder. Das beobachtet auch Dr. Brigitte Dietz, seit 26 Jahren Kinderärztin in einer Praxis in Taufkirchen (Kreis München) und 2. Vorsitzende des Landesverbandes Bayern des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. Acht bis zehn Infekte pro Saison – bei Kleinkindern nicht ungewöhnlich, sagt sie: „Das nimmt dramatisch zu.“ Dietz führt das unter anderem darauf zurück, dass viele Mütter heute früher wieder arbeiten gehen. Damit sind schon viel jüngere Kinder in der Kita, wo sich Viren besonders schnell verbreiten. Das Immunsystem der Kleinsten ist aber noch untrainiert.

Die vielen Infekte könnten auch dazu führen, dass mehr Antibiotika verordnet werden: 28 Prozent der Kinder haben 2016 wenigstens einmal solche Mittel bekommen. Bei den 1- bis 4-Jährigen lag der Anteil sogar bei 38,4 Prozent. Das ist auch bundesweit ein Problem.

Mehr als die Hälfte der Kinder in Bayern waren 2016 mindestens einmal wegen einer Atemwegserkrankung beim Arzt.

Stadtkinder haben öfter Adipositas als Landkinder

Insgesamt sind aber viele Erkrankungen in Bayern seltener als im Bundesschnitt. So wird die Diagnose Adipositas, krankhafte Fettleibigkeit, bei 17 Prozent weniger Kindern im Freistaat gestellt. Dennoch ist ihr Anteil auch hier hoch: 2,7 Prozent sind laut Report in allen Altersgruppen betroffen. Bei den 10- bis 14-Jährigen sind es sogar 3,8 Prozent. Das „Zappelphilippsyndrom“ ADHS wird indes bei 18 Prozent mehr Kindern im Freistaat festgestellt als im Bundesschnitt. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass die Kinder hier hibbeliger sind als anderswo. Womöglich gehen Eltern bei solchen Problemen eher zum Arzt. Auch regionale Unterschiede des Versorgungsangebots könnten eine Rolle spielen, sagt Julian Witte, Co-Autor des Reports. Also: Wo mehr Ärzte sind, gehen auch mehr Leute hin.

Das könnte sich auch im Vergleich von Stadt und Land auswirken. Dennoch zeigt der Report auch hier eine klare Tendenz: Stadtkinder haben öfter Viruserkrankungen, Zahnkaries – und Adipositas: So ist der Anteil fettleibiger Kinder in der Stadt um 25 Prozent höher. Auch Verhaltens- und Entwicklungsstörungen sowie Depressionen sind dort häufiger.

Landkinder sind häufiger Allergiker

Erklärungen für diese Unterschiede liefert der Report zwar nicht. Witte vermutet aber bestimmte Ursachen, etwa für die genannten Viruserkrankungen: Erreger verbreiten sich im Gedränge der Stadt schlichtweg schneller. Karies und Adipositas wiederum sind eng mit dem sozialen Status verknüpft – sie sind häufiger bei Kindern, deren Eltern keinen Schulabschluss haben. Womöglich leben in der Stadt mehr sozial schwächere Familien.

Allerdings ist das Landleben nicht per se gesünder: Insgesamt leiden 13 Prozent mehr Landkinder an Allergien. Widerspricht das nicht Studien, wonach Kinder vom Bauernhof seltener betroffen sind? Das Landleben habe sich verändert, sagt Witte. Auch dort achten Eltern heute stärker auf Hygiene, und weniger Landkinder wachsen noch auf einem Bauernhof auf. Dabei wären genau das Gründe, die vor Allergien schützen können. 

Auch interessant: Übergewicht bei Kindern immer noch stark verbreitet

A. Eppner

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Zweiter Prozess gegen Joachim Wolbergs - Mitarbeiter unterstützen Aussage des suspendierten OBs
Zweiter Prozess gegen Joachim Wolbergs - Mitarbeiter unterstützen Aussage des suspendierten OBs
Nach Schock-Fund in Regensburg: Fall nimmt spektakuläre Entwicklung 
Nach Schock-Fund in Regensburg: Fall nimmt spektakuläre Entwicklung 
Mann muss Rollator die Treppe herunterschleppen - kaputter Aufzug noch monatelang außer Betrieb?
Mann muss Rollator die Treppe herunterschleppen - kaputter Aufzug noch monatelang außer Betrieb?
Mitten in der Nacht: Erdbeben in Tirol - Erschütterungen im Umkreis von zehn Kilometern
Mitten in der Nacht: Erdbeben in Tirol - Erschütterungen im Umkreis von zehn Kilometern

Kommentare