„Unser Mädel könnte noch leben“

Natalie starb mit 7 - jetzt will ihr Mörder frei sein

Epfach - Der Mord an der siebenjährigen Natalie erschütterte vor fast 18 Jahren Epfach. Nun will der Täter seine Freiheit zurück haben. Für Natalies Angehörige ist das eine einzige Qual.

In Erika Kettners Küche lächelt Natalie noch immer – auf diesem Bild, das hinter der Eckbank steht. Ihre roten Lippen ziehen sich fast über das ganze Gesicht, die dunklen Augen sind voller Leben. Das Bild ist viele Jahre alt. „Sie wäre jetzt 24“, sagt Kettner, die Oma des Mädchens. „Er hat ihr so grausam das Leben genommen“, sagt sie dann. „Der gehört für immer weggesperrt.“

Dass ihre siebenjährige Enkelin vor knapp 18 Jahren ermordet wurde, daran leidet Erika Kettner (67) noch immer. Seit einiger Zeit klafft diese Wunde wieder ein bisschen mehr. Denn Natalies Mörder versucht, wieder freizukommen. Der heute 45-jährige Sexualstraftäter Armin S. hat bei der Strafvollstreckungskammer des Landgerichts Koblenz einen Antrag gestellt – mit dem Ziel, dass seine Reststrafe zur Bewährung ausgesetzt wird.

Auch die Menschen in Natalies Heimatort, dem kleinen Dorf Epfach, trifft das. Sie waren tief schockiert, als der Mord geschah – als bekannt wurde, dass die Siebenjährige erst missbraucht und dann von ihrem Peiniger brutal getötet wurde. Niemand konnte damals glauben, dass in einem beschaulichen Dorf wie Epfach ein solches Verbrechen geschehen konnte – noch dazu am helllichten Tag.

Natalie war auf dem Weg zur Schule: Zu Fuß brauchte sie normalerweise nur fünf Minuten. Doch an jenem 20. September 1996 kam sie nie in der Schule an.

Armin S. hatte das Mädchen von der Straße weg entführt: Er packte die Grundschülerin, zerrte sie in den Kofferraum seines Wagens, fuhr fort und missbrauchte sie. Dann schlug er sie mit aller Gewalt gegen einen Baum. Als die Siebenjährige bewusstlos war, fuhr er mit ihr zum Lech und warf sie ins Wasser. Das Mädchen ertrank.

Es ist diese Brutalität, die Natalies Oma bis heute nicht aus dem Kopf geht. Es ist das Wissen darum, dass ihre Enkelin so sehr leiden musste.

Natalie war nicht das erste Opfer von Armin S.: Er war vorbestraft, saß bereits wegen mehrerer sexueller Vergehen in Haft. Dann, so erzählt es Natalies Oma, sei er aber vorzeitig entlassen worden, nach nur drei Jahren. „Unser Mädel würde heute noch leben, wenn er damals seine volle Haftstrafe hinter Gittern verbüßt hätte“, sagt Kettner.

Für die 67-Jährige sind Sexualstraftäter tickende Zeitbomben – das habe jüngst auch der Mord an der zwölfjährigen Franziska in Neuburg (Kreis Neuburg-Schrobenhausen) gezeigt. Mit dem Verein „Natalie e.V.“, den sie selbst leitet, setzt sich Kettner seit vielen Jahren vehement dafür ein, dass vorbestrafte Täter nicht mehr so leicht aus der Haft entlassen werden können. Um wenigstens anderen Kindern das Schicksal zu ersparen, das ihrer Enkelin widerfahren ist.

Der Verein entstand aus einer Bürgerinitiative, die nach dem Mord an Natalie ins Leben gerufen wurde. Am 11. Dezember 1996 hatte die Initiative weit mehr als eine Million Unterschriften an die damalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth übergeben – mit dem Ziel, das Sexualstrafrecht zu verschärfen. Ein Teil der Forderungen wurde später gesetzlich verankert.

Die bloße Vorstellung, dass Armin S. womöglich aus der Haft entlassen werden könnte, sorgt bei den Menschen in Epfach für Entrüstung und Unverständnis. Die meisten halten es schlicht für verantwortungslos, wenn der Täter wieder auf die Öffentlichkeit losgelassen würde. So einer gehört weggesperrt – das ist die einhellige Meinung.

„Er ist schon einmal rückfällig geworden“, sagt Christine Schweiger, eine Schulkameradin von Natalie. Mit dieser Einstellung ist sie nicht alleine. Auch Viktoria Horber, Bürgermeisterin der Gemeinde Denklingen, zu der Natalies Heimatdorf Epfach gehört, ist skeptisch: „Man kann die Bedenken nie endgültig ausräumen, dass solche Täter nicht doch wieder rückfällig werden.“ Bei Armin S. sei schon einmal eine falsche Prognose gestellt worden – warum sollte die nächste richtig sein? „Und für die Eltern und Großeltern ist das Ganze einfach eine Seelenqual.“

Auch das Dorf Epfach quälte sich lange. Der Zweite Bürgermeister Meinrad Klein erinnert sich noch gut. „Die Tat war damals sehr erschreckend: In Epfach hat danach niemand mehr seine Kinder aus dem Haus gelassen.“ Gerade auf dem Schulweg wurden die Eltern vorsichtig. „Alle haben ihre Kinder nur noch mit dem Auto zur Schule gefahren oder sie zu Fuß dorthin begleitet.“

Am Tag, als Natalie verschwand, wurden sämtliche Epfacher zusammengetrommelt, um die Vermisste zu suchen. Der ganze Wald und der Lech wurden abgesucht – „das ganze Dorf hat sich daran beteiligt“, erzählt Adolf Steigenberger, der 1996 Zweiter Bürgermeister war. Doch wie sich herausstellte, war Natalie zu dem Zeitpunkt schon tot.

Natalies Mörder, der im Dezember 1997 mit Feststellung der besonderen Schwere der Schuld zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, sitzt in Rheinland-Pfalz ein. Um über den Antrag auf Haftentlassung zu entscheiden, hat die zuständige Kammer des Landgerichts Koblenz die Staatsanwaltschaft Augsburg um eine Stellungnahme zu dem Fall gebeten. Die sei damals mit dem Verfahren betraut gewesen und bekomme daher jetzt rechtliches Gehör, erklärte ein Sprecher. Wenn alle Unterlagen vorliegen, wird die Stellungnahme nach Koblenz weitergeleitet.

Dass Armin S. mit seinem Ansinnen durchkommt, möchte Erika Kettner mit allen Mitteln verhindern und setzt nun alle Hebel in Bewegung: Sie schreibt Briefe an die Justizministerien in Bayern und in Rheinland-Pfalz, ans Bundesjustizministerium und auch an Horst Seehofer persönlich. Auch eine Opferinitiative in Norddeutschland hat sich bereits eingeschaltet und unterstützt sie dabei.

„Die Gesetze müssen geändert werden, aber da traut sich niemand ran“, schimpft Erika Kettner und macht keinen Hehl daraus, dass sie diesbezüglich von der Politik sehr enttäuscht ist: Lebenslänglich, fordert sie, müsse auch ein Leben lang dauern. „Die sollen die Täter einsperren, damit wir unsere Kinder wieder frei laufen lassen können. Jetzt müssen wir stattdessen unsere Kinder einsperren, weil die Täter frei herum laufen dürfen.“

Manuela Schmid

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