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Messdiener wird missbraucht - als er um eine Entschuldigung bittet, zeigte ihn die Kirche an 

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Von: Johannes Welte

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Wilfried Fesselmann war Messdiener, als er als Kind von einem Geistlichen missbraucht wurde.  Der Fall des Priesters stürzt die katholische Kirche in eine tiefe Krise
Missbrauchsopfer Wilfried Fesselmann © privat

Wilfried Fesselmann war etwa elf Jahre alt, als er vom Priester Peter H. massiv sexuell missbraucht wurde. Dieser machte aber weiter Karriere, auch unter Mitwirkung des Ex-Papstes Benedikt VXI. Fesselmann wandte sich an die Erzdiözese München, diese reagierte mit einer Strafanzeige gegen ihn.

Wilfried Fesselmann ist das Opfer, das den Missbrauchsskandal rund um den heutigen Ex-Papst Benedikt XVI. ins Rollen brachte. Wie jetzt im Missbrauchsgutachten der Erzdiözese München-Freising nachzulesen ist: Als sich der heute 53-Jährige 2008 als Betroffener an das Erzbistum wandte, zeigte ihn dessen Kirchenrichter Lorenz Wolf wegen Erpressung an! Fesselmann war elf, als ihn Pfarrer Peter H. (74), damals noch Kaplan, nach einer Jugendfreizeit in seine Wohnung in Essen einlud, ihm Alkohol zu trinken gab und den damaligen Messdiener dazu zwang, ihn oral zu befriedigen.

Mindestens zwei weitere Buben wurden damals in Essen Opfer, bevor sich die Eltern an das dortige Bistum wandten. Was die Familie nicht wusste: Peter H. hatte zuvor schon in Bottrop Jugendliche missbraucht und wurde dann nach Essen versetzt. 1980 wurde er zur Therapie ins Erzbistum München und Freising geschickt,wo man ihn als Priester wieder einsetzte und es in Grafing und Garching/Alz zu weiteren Missbrauchsfällen kam–insgesamt gab es mindestens 30 Opfer. Josef Ratzinger war bei der Sitzung, wo die Übernahme des Priesters und über dessen Probleme gesprochen wurde, anwesend – was er zunächst bestritt und dann doch zugab.

Kirche zeigte Missbrauchsopfer wegen Erpressung an

Der ganze Skandal kam ab 2006 ans Licht, nachdem Fesselmann sich in Psychotherapie begeben hatte. „Ich hatte Panikattacken und Probleme, meinen Beruf weiter auszuüben, ich wurde arbeitslos.“ Er habe die ganzen Jahre das Erlebte verdrängt, „bis es auf einmal aufbrach“. Fesselmann fand Bilder im Internet, auf denen er sah, dass der Priester immer noch Kontakt mit Kindern hatte. Erschrieb Peter H. anonym eine E-Mail, in der er ihn fragte, ob er nicht ein schlechtes Gewissen habe. „Es kam keine Antwort.“

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Zwei Jahre später schrieb er wieder anonym. „Ich wollte eine Entschädigung haben, da ich arbeitslos geworden war und massiv unter den Spätfolgen litt.“ Wieso anonym? „Weil die Kirche meinen Fall ja kannte.“ Kurz darauf stand die Polizei vor der Tür des Missbrauchsopfers: „Gegen mich wurde wegen Erpressung ermittelt!“

Die Anzeige hatte der oberste Kirchenrichter des Erzbistums, Prälat Lorenz Wolf erstattet. Ihm werden bei zwölf Missbrauchsvorwürfen gegen Kleriker Fehler vorgeworfen. Wolf ist auch Leiter des Katholischen Büros, Domdekan und beim Bayerischen Rundfunk Vorsitzender des Rundfunkrats. Für Fesselmann war die Sache damals schnell erledigt. Fesselmann: „Die Ermittlungen gegen mich wurden eingestellt, nachdem die Polizei mich als das Opfer identifizierte.“ Dafür ermittelte die Polizei dann gegen den Priester, bis schließlich das ganze Ausmaß bekannt wurde–es brauchte zwölf Jahre, bis der Fall Peter H. durch das neue Missbrauchsgutachten im Januar die Kirche erschütterte.

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