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Bayerische Stadt fordert Hilfe im Kampf gegen Klimawandel und fühlt sich allein gelassen: „Fast schon lächerlich“

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Von: Katarina Amtmann

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Vertrocknete Rosen stehen auf einer Verkehrsinsel im Sonnenschein
Hitze ist ein tödliches Wetterphänomen - und verursacht in Bayern schon jetzt hohe Kosten. (Archivbild) © Karl-Josef Hildenbrand/dpa/dpa-Bildfunk

Hitzewellen in Deutschland fordern jährlich viele Tote. Eine Stadt in Bayern fordert Hilfe von Bund und Land - und fühlt sich im Stich gelassen.

Würzburg - Herausforderung Klimawandel! Hitzewellen fordern jedes Jahr viele Menschenleben in Deutschland, doch um die Städte an die Hitze anzupassen, fehlt oft das Geld.

In Würzburg war dieser Sommer regenreicher als die letzten. Trotzdem sind viele Bäume abgestorben. „In der Stadt direkt sind es ungefähr 1.500 Bäume, die wir in den letzten Jahren entnehmen mussten“, berichtet der zweite Bürgermeister, Martin Heilig, dem Bayerischen Rundfunk (BR). Dabei werden Bäume bei steigenden Temperaturen wichtiger denn je, denn sie mildern die Temperaturen ab. Große Bäume verdunsten beispielsweise bis zu 100.000 Liter kühlendes Wasser pro Jahr.

Klimawandel: Hitzewellen fordern Todesopfer - Trockenheit verursacht hohe Kosten für Städte

Doch Bäume müssen gepflegt und täglich gegossen werden. Auch Fällarbeiten sind nötig. Das ist teuer - besonders in Unterfranken, einer der heißesten Regionen in ganz Deutschland. Hitze und Trockenheit verursachen dort bereits jetzt hohe Kosten, für die die Stadt zum großen Teil alleine aufkommen muss. „Wir brauchen große Unterstützung vom Land und vom Bund und da sind alle Ankündigungen ganz ehrlich gesagt fast absurd gering und fast schon lächerlich“, kritisiert Heilig im BR.

Helmut Dedy, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetags, sagte dem Portal auf Anfrage, dass der urbane Raum sich auf die Klimaveränderungen vorbereiten müsse. „Starkregen* oder Dürreperioden werden uns in Zukunft häufiger treffen.“ Die Anpassung an den Klimawandel müsse bundesweit gesetzlich geregelt werden.

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Hitze ist in Deutschland tödlichstes Wetterphänomen

Hitze ist laut BR in der Bundesrepublik das tödlichste Wetterphänomen. Einer Studie zufolge, die im Fachmagazin Lancet veröffentlicht wurde, starben allein 2018 über 20.000 Menschen über 65 an Hitzefolgen. Damit liegt Deutschland weltweit auf Platz drei hinter China und Indien. Die Zahl basiere auf einer Schätzung, denn Hitze werde in Deutschland als Todesursache nicht offiziell erfasst. Als Vergleichswert: Pro Jahr gibt es hierzulande 3000 Verkehrstote.

Das Hitzerisiko ist in Städten höher als auf dem Land, denn Asphalt oder verglaste Fassaden strahlen besonders viel Wärme ab. Das gilt auch für Würzburg: „Im Mittel messen wir etwa drei Grad und an manchen Sommertagen sogar über acht Grad Temperaturdifferenz“, sagt Klimaforscher Heiko Paeth von der Universität Würzburg dem BR.

Video: Wetter in Deutschland – warum es immer wieder Extremwetter gibt

Hitzeperioden sorgen in Frankreich für Umdenken - Arbeitsgruppe legt auch in Deutschland Konzept vor

In manchen Ländern sorgten Hitzeperioden mit vielen Opfern bereits zum Umdenken. So gibt es in Frankreich einen Hitze-Maßnahmenplan, der alle politischen Akteure, beispielsweise das Gesundheitsministerium und den Stadtrat, einbindet. So etwas gibt es in Deutschland nicht. Dabei hatte eine Arbeitsgruppe von Bund und Ländern bereits 2017 ein Handlungskonzept zur Erstellung von Hitzeschutzplänen vorgelegt.

Wie der BR berichtet, war die zentrale Empfehlung die Einrichtung einer koordinierten Stelle in jedem Bundesland. In Bayern ist so etwas jedoch nicht geplant: „In Anbetracht tausender Kommunen wäre dies mit einem unverhältnismäßigen Verwaltungsaufwand verbunden“, so das Gesundheitsministerium auf Anfrage. Stattdessen verwies die Behörde auf Beratungsangebote für Kommunen und Forschungsförderung.

Holetschek warnt: „Dürfen die vielfältigen Folgen des Klimawandels für die Gesundheit nicht unterschätzen“

Gesundheitsminister Klaus Holetschek nennt die Klimaanpassung gegenüber dem Portal ein entscheidendes Zukunftsthema, denn: „Wir dürfen die vielfältigen Folgen des Klimawandels für die Gesundheit nicht unterschätzen.“ Holger Robrecht vom internationalen Städteverband ICLEI äußert deutliche Kritik: „Wir sind in einer Krisensituation. Einerseits gibt es einen deutlichen Wissens- und Erkenntnisfortschritt - und in den letzten Jahren leider zunehmende Erfahrungen - und gleichzeitig ein Umsetzungsdefizit.“

Viele Förderprogramme in der Bundesrepublik seien entweder auf innovative Lösungsansätze ausgerichtet oder bieten eine finanzielle Starthilfe. Als Beispiel führte Robrecht kommunale Klimamanager an. Es werde davon ausgegangen, dass die Kommune die Stelle im Anschluss weiterfinanziere.

Patrick Friedl, Sprecher für Klimaanpassung der Bayerischen Grünen, sagte dem BR, der Freistaat müsse die Kommunen besser unterstützen. Für seinen Wahlkreis Würzburg ist seine Einschätzung: „Das, was uns fehlt, sind die klaren, finanziellen Mittel, um die Umsetzung zu bewerkstelligen.“ Doch die Zeit drängt, wie sich am Beispiel der Bäume zeigt. Bis ein Baum seine volle Kühlleistung entfaltet, dauert es Jahrzehnte. (kam) *Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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