Es knallte – dann war Nebel im Zelt

+
Was passierte im Lager Pol-i-K­homri? Patrick S. widersprach am Donnerstag der Anklage, er habe mit der Waffe gespielt.

Gera - Vor dem thüringischen Landgericht Gera hat der Prozess um den Tod eines bayerischen Afghanistan-Soldaten begonnen. Was passierte im Lager Pol-i-K­homri?

Der 17. De­zember 2010 war ein nervenaufreibender Tag für die in der afghanischen Unruheprovinz stationierten Gebirgsjäger aus der Kaserne Strub: Der A-Zug mit den zwei befreundeten Soldaten Oliver O. (21) und Patrick S. (21) war schwer unter Mörserbeschuss geraten. Dabei war alles gut gegangen, doch am Abend hatte die Bundeswehr ihr 45. Todesopfer seit Be­ginn des Einsatzes zu beklagen: Der Waldhausener Oliver O. war von seinem eigenem Kameraden Patrick S. erschossen worden.

Seit am Mittwoch muss sich der aus der Armee entlassene Hauptgefreite vorm thüringischen Landgericht Gera wegen fahrlässiger Tötung und schweren Ungehorsams verantworten. Ihm gegenüber sitzt Olivers Mutter – sie will endlich wissen, was in den letzten Sekunden vor dem Tod ihres Sohnes im Lager Pol-i-Khomri wirklich geschah. Denn unmittelbar nach dem Vorfall, der den Weihnachtsbesuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel bei den Soldaten überschattete, hieß es noch, Oliver O. habe sich beim Waffenreinigen selbst erschossen.

Tatsächlich starb er offenbar unter ganz anderen Umständen. Die Anklage: Patrick S. soll im Zelt mit seiner Pistole P8 herumgespielt haben. Oliver O. war währenddessen vor dem Zelt und rauchte. Er kam nun wieder ins Zelt zurück. Patrick S. wollte zu diesem Zeitpunkt noch ins Internet-Café aufbrechen, wofür er seine Waffe mit eingeschobenem Magazin mitzuführen hatte. „Spielerisch“ sollen er und ein weiterer Kamerad nun die Waffen aufeinander gerichtet haben. Patrick S. soll auch auf den Kopf von Oliver O. gezielt und abgedrückt haben. Er sei davon ausge­gangen, dass keine Kugel im Lauf war. Ein schrecklicher Irrtum. Ein Zeuge (20) dazu am Mittwoch: „Es gab einen Knall, und dann war Nebel im Zelt.“

Oliver O. war am Kopf getroffen. Laut dem Zeugen war der Schütze danach mit bleichem Gesicht zu seinem Bett gegangen und hatte dort seine Waffe abgelegt. Ein anderer Soldat habe derweil laut geschrien.

Patrick S. schildert den Unfallhergang anders. Auslöser sei ein klemmendes Ma­gazin gewesen. Als er auf den Magazinboden schlug, habe sich eine Kugel gelöst und seinen Kameraden am Kopf getroffen. Doch die Ermittlungsergebnisse ergaben eine konträres Bild: S. habe die Waffe keineswegs wie beim La­den üblich zu Boden gerichtet. Die Schussabgabe erfolgte auf Kopfhöhe und nur anderthalb Meter von Oliver O. entfernt. Die Feldjäger rekonstruierten eine „ziemlich ge­rade Flugbahn des Projektils“.

Patrick S. entschuldigte sich am Mittwoch bei den Hinterbliebenen, Und er beschrieb, wie er das Drama erlebte: „Es war wie in Zeitlupe. Erst stand er noch da. Wir dachten, es wäre nichts passiert, bis er zu Boden gegangen ist.“

Das Urteil soll am 26. Oktober fallen.

jv.

Auch interessant

Meistgelesen

Corona: München hofft auf Wiesn-Ersatz - Rosenheim macht schon Nägel mit Köpfen
Corona: München hofft auf Wiesn-Ersatz - Rosenheim macht schon Nägel mit Köpfen
Neue Corona-Regeln in Bayern: Söder verspricht wegweisende Lockerung für Kulturveranstaltungen
Neue Corona-Regeln in Bayern: Söder verspricht wegweisende Lockerung für Kulturveranstaltungen
Porschefahrer übersieht Audi: heftiger Zusammenprall - Sportwagen stark beschädigt
Porschefahrer übersieht Audi: heftiger Zusammenprall - Sportwagen stark beschädigt
Wetter-Warnung für Bayern: Erst schwere Gewitter - dann wird‘s ungemütlich
Wetter-Warnung für Bayern: Erst schwere Gewitter - dann wird‘s ungemütlich

Kommentare