Niemand wollte helfen

K.o.-Tropfen? Frauen irren hilflos umher

Murnau - Völlig zerschunden war ihre Tochter vom Fasching heimgekommen - und konnte sich an absolut nichts erinnern. Die Mutter ist sicher, dass K.o.-Tropfen im Spiel waren. Etwas anderes schockt sie aber noch viel mehr.

Ihr Gesicht war zerschlagen, sie hatte Prellungen, eine dicke Lippe, Schürfwunden - und viel schlimmer noch, einen kompletten Filmriss. Als Alexandra X. (Name von der Redaktion geändert) ihre Tochter am Dienstagmorgen gesehen hatte, traute sie ihren Augen nicht. „Ich dachte im ersten Moment, sie ist zusammengeschlagen worden. Außerdem war sie in einem völlig weggetretenen Zustand und am schlimmsten, sie konnte sich an gar nichts mehr erinnern.“ erzählt die Mutter. „Nicht daran, warum in der Küche morgens ein heilloses Chaos herrschte, wie sie überhaupt heimgekommen war und was passiert war.“

Das war nicht nur zu viel Alkohol, ist sich Alexandra X. sicher, da waren irgendwelche Partydrogen oder K.o.-Tropfen im Spiel. Ihre volljährige Tochter, die zusammen mit einer Freundin Rosenmontagnacht eine Faschingstour durch Murnau machte und zwei bekannte große Bälle besucht hatte, hatte zwar bis zum besagten Total-Filmriss schon etwas Alkohol getrunken, daran konnte sich das Mädchen irgendwie erinnern, aber nicht in solchen Mengen, dass dadurch solche Folgen entstanden wären.

Und die Folgen waren verheerend. Das Mädchen musste laut Mutter wohl auf einer Treppe vor hunderten von anderen Besuchern so sehr gestürzt sein, dass sie sich das Gesicht aufschlug, und danach durch Murnau geirrt sein, ohne zu wissen, wohin oder mit wem. „Wie ein Baum muss sie umgefallen sein, sonst hätte sie ja auch noch Verletzungen an Knien und Händen gehabt.“ Die Mädchen hätten sich an nichts mehr erinnern können, auch nicht, was danach geschehen war und nicht daran, ob sie irgendwie belästigt wurden, ob ihnen etwas genommen wurde. Die Polizei wurde mittlerweile eingeschaltet.

Diese K.o.-Tropfen oder auch Liquid-Ecstasy genannten Partydrogen Bei höherer Dosierung können sie zu Schläfrigkeit, Verwirrtheit, Gedächtnisstörungen und motorischen Beeinträchtigungen führen, erklärt Klaus Neuner von der Murnauer Polizei. Bei zu hoher Dosierung können sie gar tödlich wirken. „Es gibt Fälle in Murnau, wo der Einsatz von K.o-Tropfen vermutet wird“, erklärt Neuner, der im Bereich Rauschgift mitarbeitet. „Das Problem ist, dass es nur schwer und nur innerhalb einer kurzen Zeit nachweisbar ist.“

Außerdem wüssten die vermeintlichen Opfer meist überhaupt nichts mehr und so seien die Täter schwer ermittelbar. Neuner warnt davor, Getränke unbeaufsichtigt stehen zu lassen. Die Tropfen, die selbst hergestellt werden könnten, würden in die Getränke von Mädchen oder Frauen gemischt und die Wirkung entsprechend ausgenutzt. „Das kann passieren, um Spaß daran zu haben, wie diese torkeln und umfallen, das kann aber auch bis hin zu Raub und Vergewaltigung führen.“

Absolut keinen Spaß kann in dieser Hinsicht Alexandra X. verstehen. Und noch viel weniger, dass niemand geholfen hat. „Da waren zwei junge Frauen in diesem Zustand mehrere Stunden inmitten von hunderten von Menschen unterwegs und sind wohl sogar noch mit dem Taxi gefahren, wie sich rekonstruieren ließ, und niemand hat eingegriffen. Irgendjemand muss sogar auf einem der Bälle noch mitbekommen haben, so wurde dem Mädchen später zumindest berichtet, wie sie stockvoll mit dem Gesicht auf die Treppe stürzte.“ Wo bleibt da das Hinschauen, das Helfen, das Rückgrat haben, fragt sie sich. „Ich finde, so etwas grenzt schon an unterlassene Hilfeleistung.“

Laut Stefan Sonntag, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd, sei der Missbrauch von K.o.-Tropfen im Landkreis kein Thema. „Es gibt 2012 keinen einzigen nachgewiesenen Fall.“ Außerdem würde das vermeintliche Verabreichen von K.o.-Tropfen in den allermeisten Fällen als Schutzbehauptung verwendet werden, erklärt Sonntag weiterhin.

Fakt ist, dass diese K.o.-Tropfen unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, dass eine Verabreichung strafbar ist und für sich genommen bereits den Tatbestand einer gefährlichen Körperverletzung begründet (Quelle: Wikipedia).

sp

Rubriklistenbild: © dpa

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