Krebskranker Bub unterwegs in die USA

Kampf gegen Krebs: Ganz Bayern drückt Nici die Daumen

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Nicolas Kutter und seine Mama Solveig sind am Mittwochmorgen Richtung Seattle gestartet.

Schliersee - Der große Tag ist gekommen: Nicolas Kutter (15) aus Schliersee, der zum dritten Mal an Leukämie leidet, ist am Mittwochmorgen in die USA aufgebrochen. Sein Ziel: gesund werden.

Der Münchner Flughafen gilt als Bayerns Tor zur Welt. Für den 15-jährigen Nicolas Kutter hat der Airport im Erdinger Moos eine noch größere Bedeutung: Er ist sozusagen sein persönliches Cape Canaveral. Denn von hier aus startete der tapfere Bub aus Schliersee gestern zu seiner „Mars-Mission“. So nennt Nici die Behandlungsreise in die USA – seine letzte Hoffnung und zugleich große Chance im Kampf gegen den Blutkrebs. In einer Kinderklinik in Seattle darf er an einer neuen Therapie-Studie teilnehmen, die ihm das Leben retten soll. Im Gepäck hat Nici die Liebe seiner ­Familie – und die allerbesten Wünsche vieler tz-Leser, die er mit seinem Kampfgeist beeindruckt.

Nici: "Ich habe solche Angst (...). Immer diese Ungewissheit"

Familie Kutter (v.l.): Antonio, Papa Roberto, Leonardo, Emilio, Mama Solveig und Nici.

Das Geld für den sündteuren Klinikaufenthalt war längst zusammengekommen, das Ticket für den Lufthansa-Flug LH 490 via Frankfurt nach Seattle gebucht und der große Reisekoffer gepackt. Aber trotzdem konnte sich ­Nici nicht hunderprozentig sicher sein, ob er am Mittwochmorgen tatsächlich in der Maschine sitzen würde. „Meine Ärzte wollen noch mal schauen, ob ich auch wirklich für die Studie geeignet bin“, schrieb der 15-Jährige in seinem letzten Blog-Eintrag aus Deutschland, einer Art öffentliches Tagebuch auf der Internetseite help-nici.com. „Ich habe solche Angst, dass ich doch nicht passe. Immer diese Ungewissheit.“

Also musste sich Nici noch bis wenige Stunden vor seiner geplanten Abreise nach Amerika einmal mehr darauf besinnen, was er nun schon seit dreieinhalb Jahren unerschütterlich macht: kämpfen, an sich selbst und an seine Chance glauben.

"Die Ausgangslage für die neue Immuntherapie in den USA ist ideal"

Die gute Nachricht gleich vorweg: Er hat es wieder geschafft, die Münchner Ärzte gaben grünes Licht. „Die Ausgangslage für die neue Immuntherapie in den USA ist ideal. Es spricht nichts dagegen, dass es klappen könnte mit Nicis Heilung. Wir sind optimistisch und hoffnungsvoll“, sagt Dr. Michael Albert, Leu­kämie-Spezialist und Oberarzt in der Haunerschen Kinderklinik, nach der Auswertung der jüngsten Untersuchungsergebnisse der tz. Noch am Rosenmontag hatte er bei seinem jungen Patienten eine Knochenmarkspunktion vorgenommen. Dabei kristallisierten sich ermutigende Blutwerte heraus.

Seine Zuversicht stützt Dr. Albert auf die Behandlungserfolge der vergangenen Wochen. So hatte bei Nici eine neue Immuntherapie angeschlagen, konkret das Medikament Blinatumomab, das die Münchner Mediziner aus den USA besorgt hatten. Es gehört zur Gruppe der Antikörper und zielt darauf ab, die körpereigenen Abwehrkräfte zu stärken – genauer: die T-Zellen. Sie sollen als eine Art Killerkommando die Krebszellen im Blut aufspüren und vernichten. „Vereinfacht ausgedrückt funktioniert es so: Bestimmte Eiweiße führen die T-Zellen ganz nah an die Krebszellen heran und aktivieren sie dort wie Zielfahnder“, erklärt Dr. Albert.

Mutter Solveig: "Wir sind unendlich dankbar" für die Hilfe von so vielen Menschen

Nachdem das Mittel Blinatumomab bei Nici gewirkt hatte, ordneten die Mediziner vom Haunerschen einen zweiten Behandlungs-Zyklus an.

Erst am Montag war er abgeschlossen – und das Ergebis genauso erfreulich wie beim ersten Mal.

Diesen Behandlungsfortschritt kann man sich wie eine geglückte Generalprobe für die neue ­Immuntherapie in den USA vorstellen. Ihr großer Vorteil gegenüber Blinatumomab: Sie kann die Krebszellen dauerhaft in Schach halten und damit das Rückfallrisiko erheblich eindämmen (siehe Bericht unten).

„Bereits am Donnerstag haben wir den ersten Termin in der Kinderklinik in Seattle“, berichtet Solveig Kutter vorm Abflug im tz-Gespräch. Die vierfache Mama begleitet Nici nach Amerika.

Bayern-Fan Nici hat sich immer wieder zurück ins Leben gekämpft, u.a. hat er bereits zwei Stammzell-Transplantationen hinter sich.

Sie wird während der etwa zweieinhalb Monate langen Therapie bei ihm bleiben. „Ein Amerikaner, der in Deutschland lebt, hat mir eine Familie in Seattle vermittelt, bei der ich wohnen kann.“ Von der großen Hilfsbereitschaft ist Solveig begeistert: „Wir sind unendlich dankbar dafür, dass so viele Menschen mitgeholfen haben, Nici die Therapie zu ermöglichen.“ Wie berichtet, hatte die US-Klinik die Behandlungskosten in Vorkasse verlangt – Familie Kutter musste umgerechnet 185.000 Euro aufbringen, sonst wäre Nici für eine Teilnahme an der Behandlungsstudie gar nicht erst in Frage gekommen.

Ostern darf der Rest der Familie Nici in den USA besuchen

Trotz aller Zuversicht – am Münchner Flughafen flossen am Mittwoch auch ein paar Tränen. Vor allem deshalb, weil Papa Roberto Kutter, Nicis Brüder Leonardo, Antonio und Emilio zu Hause bleiben mussten. Sie fiebern nun den Osterferien entgegen. Dann fliegt die Familie nach Seattle, um Nici und die Mama zu besuchen.

„Ich freue mich schon riesig auf sie“, sagt Nici – und auch darauf, in ein paar Monaten seine Schulkameraden am Gymnasium Tegernsee wiederzusehen. Aus ihrer Freundschaft hat der 15-Jährige besonders viel Kraft geschöpft. „Was sie für mich gemacht haben, ist einfach toll!“ Sie drücken ihrem Nici die Daumen: Komm gesund wieder!

Diese Therapie soll Nici retten

In dieser US-Kinderklinik soll Nici mit einer neuen Immuntherapie behandelt werden

Zwar hat die Münchner Immuntherapie bei Nici gut angeschlagen, aber es gibt auch einen Haken: Das Medikament wirkt nur für eine bestimmte Zeit, auf Dauer kann der Patient einen Rückfall erleiden. Das wollen die Ärzte gerade bei Nici unbedingt vermeiden, zumal der Krebs seinem Körper bereits stark zugesetzt haben. Er ist zum dritten Mal an einer schweren Form der Leukämie erkrankt. Der Schlüssel zum Erfolg könnte nun eine neue Behandlungsmethode sein, die die Krebsspezialisten in Seattle im Rahmen einer klinischen Studie einsetzen.

Dr. Albert vom Haunerschen erklärt, was seine US-Kollegen mit Hilfe von innovativer Gentechnik vorhaben: „Den Patienten werden T-Zellen aus dem Blut entnommen, diese wiederum werden in einem Hightech-Labor umprogrammiert. Und zwar so, dass alle T-Zellen ein bestimmtes Eiweiß auf der Oberfläche der Tumorzelle erkennen können. Es heißt CD-19 und wird als Andockstation genutzt. Die T-Zellen entern die Leukämiezellen und zerstören sie.“

Diese Therapie soll nachhaltig wirken. „Das gelingt, weil sich jede umprogrammierte Zelle tausendfach teilt und die Eigenschaft, CD-19 zu erkennen, sozusagen vererbt wird“, erläutert Dr. Albert. Sobald die T-Zellen im Labor umprogrammiert worden sind, werden sie dem Patienten als Infusion ­wieder zurückgegeben.

Leukämie: Top-Ärzte tagen

Im Kampf gegen den Krebs macht die Medizin große Fortschritte – dies gilt insbesondere für die Behandlung von Leukämie-Patienten. Auf diesem Sektor gehört das Uniklinikum Großhadern zu den ersten Adressen in Deutschland. Darin beraten von Sonntag bis Mittwoch Top-Spezialisten aus aller Welt über die neuesten Fortschritte. „Zu unserem 25. Kongress mit dem Titel Acute Leukemias erwarten wir 700 Teilnehmer. Ein wichtiger Punkt werden die Entwicklungen bei Gentherapie sein“, berichtet Prof. Wolfgang Hiddemann vom Organisationsteam.

Von Andreas Beez

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