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Lehrern fehlt oft die nötige Zeit: „Bayern ist kein Märchenland der Bildung“

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Von: Tobias Gmach

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So schön und bunt wie Politiker den Schulalltag verkaufen, ist er in Wirklichkeit nicht. So sehen es Vertreter des Bayerischen Lehrerverbands. © dpa/Hendrik Schmidt

Anspruch und Wirklichkeit klaffen an Bayerns Schulen auseinander: Deshalb lud der Lehrerverband nun zum „Realitätscheck“. Die zwei Hauptbotschaften: Lehrern fehlt die Zeit für nachhaltigen Unterricht, Studierenden die Praxis.

München – Carina Schmidt ist 22 Jahre alt. Von den Lehrkräften, zwischen denen sie steht, haben einige über 25 Jahre Berufserfahrung. Und trotzdem ist es die Grundschullehramt-Studentin, die am besten auf den Punkt bringt, wie sehr die Theorie im bayerischen Bildungssystem die Praxis überschatten kann: „Ich weiß, dass Säuglinge nach etwa zwei Monaten das soziale Lächeln entwickeln – aber nicht, wie man eine Unterrichtsstunde aufbaut“, sagt Schmidt.

Die junge Frau wurde vom Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) eingeladen – neben 14 anderen Menschen, die täglich den Schulalltag erleben. Sie sollen den „Realitätscheck“ liefern – plakative Beispiele statt abstrakte Zahlen, sagt BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann. Die Diskrepanz zwischen Wahlkampfreden und Wirklichkeit soll deutlich werden. Denn für Fleischmann ist klar: „Wir sind kein Märchenland der Bildung, obwohl wir es uns leisten könnten.“

Rektor: „In diesem Schuljahr 20 Schüler mehr, aber drei Lehrer weniger“

Reihum bittet die Präsidentin Schulleiter, Lehramtsanwärter, Verwaltungsangestellte, Gymnasial-, Mittelschul- oder Förderlehrer, zu erzählen, wie es tatsächlich an Bayerns Schulen läuft. Peter Wummel fängt an. Er ist Rektor an der Eduard-Spranger-Mittelschule im Münchner Stadtteil Hasenbergl: „In diesem Schuljahr habe ich 20 Schüler mehr, aber drei Lehrer weniger.“ 75 Prozent der Kinder hätten einen Migrationshintergrund, viele großen Förderbedarf. „Manche brauchen unheimlich viel Zuneigung, damit man sie überhaupt erreicht“, sagt Wummel. „Aber wir können die Förderung oft nicht leisten, das tut mir im Herzen weh.“

Sein Kollege Helmut Schmid, Schulleiter der Grundschule Gerolzhofen (Kreis Schweinfurt) hat andere Probleme: 14 seiner 28 Stunden soll er neben dem Unterrichten für sein Rektor-amt aufwenden. Wie das funktionieren soll, wenn gleichzeitig am Schulhaus gebaut, die Turnhalle saniert und der Haushalt für 2019 aufgestellt werden muss, ist ihm schleierhaft.

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Andrea Weinzierl, Gymnasiallehrerin aus Murnau (Kreis Garmisch-Partenkirchen), ist nur nicht überlastet, weil sie auf eine Dreiviertelstelle reduziert habe. „Das machen viele Kollegen – nur so können sie ihren Job noch gut machen“, sagt sie. Für ihr „Kerngeschäft“, Deutsch und Geschichte zu unterrichten, bliebe immer weniger Zeit: „Zurzeit löse ich nur noch pädagogische Probleme, beantworte Mails und führe Elterngespräche.“ Die 51-Jährige plädiert für mehr Freiheiten und nachhaltigeres Lernen. „Teilweise geht es nur noch darum, Wissen zu prüfen.“ Hierfür stehe das verkürzte und von vielen Klausuren geprägte letzte Halbjahr vor dem Abitur exemplarisch.

Lehramtsstudentin Carina Schmidt wünscht sich sogar zusätzliche Prüfungen – im Bereich Didaktik an der Uni. Sie studiert in Passau im sechsten Semester. Gut vorbereitet aufs Unterrichten fühlt sie sich nicht. Ihre Praktika in Grundschulen hätten den Namen nicht verdient: „Ich bin meistens nur hinten drin gesessen und habe zugeschaut.“

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Zu Wort kommen an diesem Vormittag auch noch ein Islamlehrer, der beklagt, dass sein Unterricht immer nachmittags stattfindet, eine Sekretärin, der der Austausch mit Kollegen fehlt und die Münchner Erzieherin Johanna Jarosch-Schwandner. Ihre Arbeitsrealität habe sich in den letzten Jahren drastisch verändert: „Selbst wir in der Kinderkrippe haben mittlerweile einen Stundenplan.“ Die Ergotherapien, Musikstunden und Schulvorkurse aller Kinder einzuhalten, sei nicht immer leicht. „Man muss aufpassen, dass Kinder noch zum Spielen kommen.“

Wie in der Schule gibt es die Hausaufgaben zum Schluss – in diesem Fall für die Bildungspolitiker. BLLV-Präsidentin Fleischmann bündelt die Praxiseinblicke in Forderungen: „Wir brauchen keinen Aktionismus und keine blanke Unterrichtsversorgung, sondern eine langfristige Personalplanung. Die Besten müssen in die Bildung.“

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