Ein Blitzeinfall auf der Pirsch

Ludwig Thomas "Heilige Nacht" feiert 100. Geburtstag

Ludwig Thoma (1867-1921).

München - Lesen Sie hier die Geschichte von Ludwig Thomas Meister-Dichtung, die ein eigentümliches Bairisch und eine Portion Sozialkritik prägt.

Die „Heilige Nacht“ von Ludwig Thoma ist eine Geschichte für sich. Sie ist schon oft interpretiert worden – von Fritz Straßner, Gustl Bayrhammer, Willy Rösner und Elisa Aubinger – und wird neuerdings immer mehr wiederentdeckt, auch durch Peter Gauweiler, Enrico de Paruta und den Münchner Dialekt-Förderer Gerhard Holz.

Die Weihnachtsgeschichte Thomas, in der er auf ganz eigene Weise Jesu Geburt nach dem Lukas-Evangelium nacherzählt, ist nicht pure Folklore, sondern eine ergreifende Dichtung und ein echtes Stück Zeitgeschichte.

Ludwig Thoma schrieb die Weihnachtsgeschichte mitten im Ersten Weltkrieg. Thoma war 1915 Sanitäter an der Ostfront (Galizien, Russland) gewesen, dann aber an Ruhr erkrankt. Daheim in seinem Haus am Tuften in Tegernsee erholte er sich.

Über die Entstehung der „Heiligen Nacht“ im Dezember 1915 berichtet der Volksschauspieler Bertl Schultes: „Es war Advent. Thoma war mit seinem Jäger in seinen Tegernseer Bergen. Eisig kalt war es und ein scharfer Wind schnitt einem schier das Gesicht entzwei (...) Mit einemmal wurde es windstill, die Kälte ließ nach, nur große Schneeflocken legten sich lautlos auf die Erde. Langsam, Schritt für Schritt, ging es bergab. Auf einmal hörte der Jäger, wie Thoma vor sich hinsagte: Im Wald is so staad, alle Weg san vawaht (...).“ Das war die Geburtsstunde der „Heiligen Nacht“, schreibt Thomas Biograph Richard Lemp.

Ein Blitzeinfall auf der Pirsch also. Dennoch dauerte es bis März 1916, ehe Thoma seine „Heilige Nacht“ fertig hatte. Erschienen ist sie sogar noch später – 1917. Da war Thoma, verbittert durch die drohende Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg, schon drauf und dran, ein Nationalist zu werden. Er schloss sich der „Deutschen Vaterlandspartei“ an. Später, ab 1920 bis kurz vor seinem Tod durch Magenkrebs am 26. August 1921, kamen bitterböse antisemitische Artikel dazu.

In der „Heiligen Nacht“ ist von dieser späten Wandlung des ursprünglichen linksliberalen Monarchiekritikers noch nichts zu erahnen. Es ist eine wunderbare lyrische Weihnachtsgeschichte, an der zweierlei auffällt: ein ganz eigener bairischer Dialekt und ein gesittet Maß an Sozialkritik.

In einem tief verschneiten Wald und auf einer Jagd hatte Ludwig Thoma die Idee zu seiner Weihnachtsgeschichte.

Eigentümlich ist Thomas Bairisch. Er selbst hat das wohl als Lenggrieser Dialekt bezeichnet – das ist seltsam, weil Thoma mit Lenggries nichts verbindet und er ja seit 1908 am Tegernsee heimisch war. Auch Gerhard Holz, der die „Heilige Nacht“ oft vorgetragen hat, ist der Lenggrieser Dialekt nicht als eigener Sprachtypus bekannt. Was aber auffällt, sind Tiroler Einflüsse. Thoma schreibt „Enk“ und meint „Euch“ (statt dem üblichem bairischen eich). Er schreibt „Klumsn“ und meint damit den Spalt zwischen zwei Holzbrettern – und selbst Gerhard Holz bekennt: „Ich habe das Wort vorher nicht gekannt“. „Ins“ für „unsere“ (Sache) ist ein weiterer Ausdruck Thomas. „Angscht“ für Angst klingt fast schon Schwäbisch. „Und zahnt recht“ für dableckn ist einfach köstlich. Der Text der „Heiligen Nacht“ ist auch für Kenner anspruchsvoll – „das muss man üben“, sagt Holz.

Bemerkenswert auch: Biblische Szenen sind in einen bäuerlich-dörflichen Alltag übertragen. „Stark tritt die Armut des biblischen Paares Josef und Maria hervor“, schreibt die Autorin Gertrud Maria Rösch. Die Betonung der Armut wie der Nächstenliebe war schon vorher Thema seiner jährlichen Weihnachtsgedichte gewesen, die Thoma für den „Simplicissimus“ schrieb. „’S werd gwen sei, wia’s heunt aa no ist“, fügt Thoma lakonisch an – und überträgt damit den Gegensatz arm-reich in die Gegenwart. Als sich die Geburt Jesu durch den Stern ankündigt, bleiben die Reichen in Bethlehem ohne Regung in den Betten liegen. Zum Schluss schreibt der Autor: „Und fragt’s enk, ob dös nix bedeut’, / Dass’s Christkind bloß Arme g’sehg’n hamm.“

Schon 1906 im Stadelheimer Gefängnis hatte Thoma geschrieben, wie er seinen Jesus interpretiert – als jemanden, der „sich entschlossen auf die Seite der Armen schlägt und den Reichtum ausnahmslos verdammt“. Und das ist wohl auch heute aktuell und nachdenkenswert. 

Vor 100 Jahren schrieb Ludwig Thoma seine Weihnachtsgeschichte

Die Heilige Nacht

„Es war selm in Nazareth hint / A Mo, der si Joseph hat gnennt / So brav, wia ma net oft oan findt / Und wia ma’s net glei a so kennt“ – so beginnt „Heilige Nacht“, die legendäre Weihnachtsgeschichte von Ludwig Thoma, geschrieben im eigentümlichen und wenig gebräuchlichen Lenggrieser Dialekt. Thoma hat die Geschichte von Jesu Geburt, so wie er sie sah, vor nunmehr 100 Jahren in seinem Haus am Tegernsee geschrieben. Wir bringen zum Jubiläum einen Auszug – die Ankunft des Heilands:

Und wia’s eahm net g’lingt, geht a raus.

Es treibt eahm vo selba a d’ Höh,

Da siecht er den Glanz vor sein Haus,

An Mond und de Stern überm Schnee.

Was is denn jetzt dös für a Ding,

Dös wo oan so b’sunderli macht?

Es werd oan so leicht und so g’ring

Und laßt oan koa Ruah bei da Nacht.

Vom Stall raus, da kimmt jetzt a Schei’,

So hell, als wann’s ei’wendi brennt.

Es werd do koa Feua net sei’!

Da Simmei is g’schwind ummi g’rennt.

Und hört scho a Stimm’, - de is hell,

Is fei’, wia ‘r a Glock’n vo Gold,

Da is eahm scho glei auf da Stell,

Als wann er si niedakniean sollt.

Und hot’s aa da Simmei net g’wißt,

Es is eahm so feierli wor’n.

Denn drin liegt da heilige Christ,

Denn drin is da Heiland gebor’n.

Und jetzt! Was dös am Himmi war!

Als wenn de Kirz’n am Altar

Da Mesna o’zünd’t - da - jetzt durt -

Oans nach dem andern brenna s’ furt -

So leucht’n d’ Stern auf - oiwei mehr.

Auf oamal braust’s von ob’n her,

Als wia vo hundert Orgeln klingt’s,

Als wia vo tausad Harfa singt’s,

Und Engelstimma wundafei’,

De klingan drei’.

Halleluja! Halleluja!

Und vo da Weit’n, vo da Näh

Und vo herunt bis z’höchst in d’ Höh,

Und tuat bald laut, und bald vaschwimmt’s

Ganz ob’n, und wieda runta kimmt’s.

Halleluja!

Und in den hellen Jubelg’sang,

Im Orgel- und im Harfaklang

Hat jetzt

A tiafe Stimm o’g’setzt,

Mit G’walt,

So wia ‘r a Glock’n hallt:

„Kommt alle z’samm!

Ihr braucht koa Furcht net hamm!

Die höchste Freud wird euch verkünd’t,

Im Stall dort liegt das Christuskind.

So hat die Nacht Den Heiland bracht

Zu dieser Stund.

Ehre sei Gott in der Höh’

Und Frieden den Menschen herunt!“

Da werd’s jetzt mit oan wieda staad,

Vorbei is mit Musi und G’sang.

A paarmal is grad, als vawaht

Da Wind no vo z’weitest an Klang.

Da Simmei knieat no dort im Schnee

Und lust, aba hört scho nix mehr.

Jetzt kemman vo drent über d’ Höh

De selbigen Hüata daher.

Sie war’n aa no ganz ausanand,

Bei eahr war dös nämli da Fall,

Da Simmei nimmt s’ staad bei da Hand

Und geht mit eahr eini in Stall.

Sie schleichen aufg’nagelte Schuah.

Da Simmei, der geht a weng für

Und mahnt no an jed’n zu da Ruah

Jetzt bleib’n s’ alle steh’ bei da Tür.

De selln, de wo weita hint war’n,

De hamm si auf d’ Zechaspitz g’stellt.

Vor eahna, da liegt drin im Barr’n

A Kindl, - da Heiland der Welt.

So nackt und so arm hamm s’ ‘n g’sehg’n.

Im Barr’n war an aufg’häufelts Stroh.

Und ‘s Kind is ganz ruhig drauf g’leg’n.

Es woant net und schaugt grad a so.

Es hot sie mit Stolz und mit Pracht

Und Herrlichkeit gewiß net vaführt

Und hot do a sellane Macht!

A jeda hot’s ei’wendi g’spürt.

Und wia s’ a si niedaknieat hamm, -

Vo de hot si koana vastellt,

Sie falt’n de Händ alle z’samm,

De war’n a weng starr vo’ da Kält.

Sie bringan als Erste eahm dar

De Wünsch für a Glück ohne End’,

Net groß, aba ehrli und wahr,

So wia’s halt an arma Mensch kennt.

Na gengan sie staad wieda naus

Und wischpern a weng mitanand.

Ziahgt jeda sein Geldbeutel raus

Und druckt was an Simmei in d’ Hand.

Sie geben’s fürs Kind so gern her,

Und bal dös erst größa wor’n is,

Na woaß’s scho, sie hamm halt net mehr,

s kennt de guat Meinung scho g’wiß.

Sie nehman Bfüad Good voranand

Und gengan na hoam durch de Nacht.

In Bethlehem hot ma nix g’spannt,

Vo dena is neamad aufg’wacht.

Und geht’s ös in d’ Mett’n, ös Leut,

Na roat’s enk de G’schicht a weng z’samm!

Und fragt’s enk, ob dös nix bedeut’,

Daß ‘s Christkind bloß Arme g’sehg’n hamm.

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