tz-Wochenendthema: Made in Germany

Augsburgerin schafft Jobs für Außenseiter

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Hilina aus Äthiopien, Gino und Werner (v. li.) fanden gar keine oder nur miese Job – bis Manomama kam

Augsburg - Das tz-Wochenendthema steht diesmal unter dem Motto "Made in Germany". Dabei kommt der Vorsitzende des DGB Bayern zu Wort - und eine Augsburger Unternehmerin, die Jobs für Außenseiter schafft.

Der Standpunkt von Matthias Jena: Gute Löhne machen wettbewerbsfähig!

Matthias Jena

Erinnern Sie sich noch an Nokia in Bochum oder AEG in Nürnberg? Beide waren erfolgreiche Unternehmen, beide wurden verlagert. AEG 2005 nach Polen, Nokia 2008 nach Rumänien. Grund waren in beiden Fällen die niedrigeren Lohnkosten. Die Drohung mit Standortverlagerung gehört zu den Totschlag­argumenten gegen Ansprüche der Beschäftigten.

Das Beispiel Nokia zeigt, wie perfide diese Verlagerungs­strategien für die Arbeitnehmer sind. Trotz öffentlicher Förderung in Millionenhöhe zog Nokia erst von Deutschland nach Rumänien, kassierte auch dort Subventionen und verschwand nach drei Jahren wieder, um in Asien noch billiger zu produzieren. Bei diesem Wettlauf um günstige Produktionskosten blieben alle Arbeitnehmer auf der Strecke, zuerst die deutschen, dann die rumänischen. Allerdings hat Nokia versäumt, auf Innovationen und Qualität zu setzen.

Die Entwicklung zu Smartphones ging an den Finnen vorüber. Nokia spielt heute keine Rolle mehr. Trotz – nein, sogar wegen ihrer Billiglohnstrategie. Das ist die Erfahrung vieler Verlagerungen, der Preis kann auf Dauer keine Qualität ersetzen. Viele Betriebe kamen aus dem angeblich billigen Ausland zurück, weil die für „Made in Germany“ notwendige Qualität und Produktivität nicht stimmten.

Arbeitnehmer in Europa dürfen sich nicht gegeneinander ausspielen lassen, sonst verlieren am Ende alle. Auch in anderen Ländern brauchen die Menschen qualifizierte und sichere Arbeit.

Nicht jeder Arbeitsplatz kann in Deutschland sein. Gerade in der gegenwärtigen europäischen Krise wäre eine Wirtschaftspolitik nötig, die in Griechenland qualifizierte Arbeitsplätze schafft, statt auf rigide Sparpolitik zu setzen, die den Menschen keine Luft zum Atmen lässt.

Qualität oder billig ist auch hierzulande die Frage. Beides zusammen geht nicht.

Statt eines ruinösen Wettkampfes um immer niedrigere Löhne brauchen wir faire Wettbewerbsbedingungen. Wo es für alle gültige Tarifverträge gibt, müssen Betriebe über Qualität miteinander konkurrieren. Das fördert Innovationen, Produktivität und die Wettbewerbs­fähigkeit der Unternehmen. Aber immer mehr steigen aus Tarifverträgen aus, drücken die Löhne, um sich so kurzfristige Vorteile zu verschaffen. Diesem Unterbietungswettbewerb kann man nur mit einem gesetzlichen Mindestlohn begegnen. Auch viele Unternehmer sehen das so.

Selbst wenn sich Gewerkschaften und Arbeitgeber darauf einigen, Tarifverträge als allgemeinverbindlich und damit als Lohn­untergrenze anzuerkennen, scheitern sie bisweilen. Die bayerischen Omnibusunternehmer wollen den Tarifvertrag als Untergrenze für alle in ihrer Branche. Doch die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft blockiert hartnäckig weitere Allgemeinverbindlichkeitserklärungen.

Schlechte und unsichere Arbeit hat ihren Preis. Hochproduktive Betriebe gibt es nicht mit billigen, stets austauschbaren Arbeitskräften. Gute Arbeit ist die Zukunft: sichere und qualifizierte Arbeitsplätze, Mitbestimmung und Beteiligung, faire Löhne! Davon profitieren alle – Beschäftigte und Betriebe.

Matthias Jena

Der 52-Jährige ist seit ist seit März 2010 Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Bayern.

 

Die Kraft der Schwachen

Sina Trinkwalder hat wenig Zeit. Die 35-jährige Chefin des Augsburger Textilunternehmens Manomama muss in zwei Stunden zum Münchner Flughafen, einen Termin in Berlin wahrnehmen. Gerade hat sie ihr Buch „Wunder muss man selber machen“ (Droemer Verlag) veröffentlicht, in dem sie beschreibt, wie sie ihr ungewöhnliches Vorhaben in die Tat umsetzte. Die tz hat sie besucht und wollte wissen, was wirklich hinter den edlen Motiven der Unternehmerin steckt.

Mit drei Mitarbeitern, einer unternehmerischen Vision, aber ungewisser Zukunft hat vor drei Jahren alles angefangen. „Als Unternehmer brauchst du nur die vier Grundrechenarten und Bauchgefühl“, erklärt Trinkwalder bei einer Menthol-Zigarette auf dem Firmen-Balkon.

Ihre Mission: Arbeit wieder Sinn verleihen und sich für Menschen am Rande der Gesellschaft einsetzen.

Die alleinerziehende Mutter Sabrina

Die „Streetworkerin der Wirtschaft“, wie sie sich selbst lachend nennt, hätte es auch leichter haben können. Zehn Jahre Berufserfahrung in der Werbebranche, gutes Gehalt, immer unterwegs: Eine steile Karriere lag bereits hinter ihr, und es hätte so weitergehen können. Der Wendepunkt kam mit der Geburt ihres Sohnes vor acht Jahren. Beim Gedanken an lebenslange Verantwortung und dem, was man seinem Kind eines Tages hinterlässt, reichten Trinkwalder plötzlich leere Phrasen nicht mehr aus. Sie wollte etwas schaffen, was man in der Hand halten kann: Textil. Ökologische Bekleidung, fair bezahlte Mitarbeiter, sicheres Arbeitsumfeld – Sina Trinkwalder beweist der Textilwirtschaft, dass es auch anders geht. Die erste Auffälligkeit bei Betreten der Manomama-Produktionshalle: Lächelnde Gesichter. Das Rattern von Industrienähmaschinen; Betriebsamkeit, aber keine Hektik.

Vorwiegend Frauen, bunt gemischten Alters und verschiedener Herkunft, sitzen an ihren Arbeitsplätzen und fertigen Taschen für den Drogeriemarkt dm. In den letzten anderthalb Jahren haben Trinkwalders Mitarbeiter acht Millionen dieser Tragetaschen für den Konzern hergestellt. Zwischen den Nähmaschinen viele Gänge mit ausreichend Platz zum Stoff transportieren oder sich mit den Kolleginnen absprechen.

Es wird gelacht, gescherzt, lebhaft diskutiert, herzlich und vor allem menschlich miteinander umgegangen: Kontrastprogramm zu Horror-Bildern aus Bangladesch, China, Pakistan, wo Näherinnen für 35 Euro im Monat sieben Tage die Woche schuften, im beißenden Gestank von Jeans-Bleichmitteln und dunklen Hallen ohne Lüftung. Trinkwalder ist 24 Stunden lang Ansprechpartner für ihre Mitarbeiter. Das geht nur mit der vollen Unterstützung ihrer Familie. Davon hätten einige von Trinkwalders Mitarbeiterinnen in der Vergangenheit nur träumen können: Sabrina, 22 Jahre, alleinerziehende Mutter, ausgebildete Polster- und Dekorationsnäherin zum Beispiel.

Die zierliche junge Frau, dunkelblond, hellgrüne Augen, hat vorher als Springerin bei einem Discounter gearbeitet, von 6 Uhr morgens bis 20:30 Uhr abends. Immer in Sorge, wie sie ihre Schicht organisiert, und dass die Oma auch alles hinbekommt, mit dem fünfjährigen Sohn zuhause. Bei Manomama kann die Näherin jetzt von 8 bis 15 Uhr arbeiten und holt dann ihren Sohn vom Kindergarten ab. Sabrina hat, wie alle Mitarbeiter des Unternehmens, einen unbefristeten Arbeitsvertrag, sowie einen Stundenlohn von zehn Euro.

Hilina, ursprünglich aus Äthiopien und Mutter zweier Kinder, hat lange Arbeit gesucht. Die Frau mit den feinen Gesichtszügen erzählt: „Ich wurde immer nur abgelehnt. Jetzt ist alles kein Problem. Das Nähen hier macht mir sehr Spaß. Alle halten zusammen, einer hilft dem anderen!“ Es muss etwas dran sein an Sina Trinkwalders Annahme, man müsse nur vermeintlich schwache Menschen zusammentun, um sie wieder stark zu machen.

Mittlerweile ist es kurz vor 11 Uhr. Trinkwalder richtet eine kleine Ansprache an ihre Mitarbeiter, um sich für die Woche zu verabschieden: Der Termin in Berlin ruft. Als sie ausgesprochen hat, brandet Applaus in der Produktionshalle auf. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass die Chefin ihre Mitarbeiter begeistert.

Bérangère Witt

 

Gegenmodell zum Prinzip Ausbeutung

Was ist das Besondere an den Produkten, die Ihre Firma herstellt?

Sina Trinkwalder: Mir ist es wichtig, dass ich die Menschen hier beschäftige. Es ist aber gar nicht mehr so einfach, in Deutschland ein T-Shirt in industrieller Qualität herzustellen. Deswegen ist es so wichtig, dass wir Handwerk wirklich weitertragen.Ab November liefert Manomama Jeans für 79 Euro an die Einzelhandelskette real. In jeder Jeans steckt ein sogenanntes transparentes Etikett, das den Verkaufspreis genau aufschlüsselt. Das war meine Bedingung für die Kooperation. Bei unserer Jeans kommen Garn, Stoff und Färbung aus Velen im Münsterland, die Knöpfe aus Wuppertal, der Reißverschluss aus Kaufbeuren, der Nähfaden aus Dietenheim: Es ist alles von hier. Das geht, wenn man will! Aber es geht halt nicht, wenn man so kalkuliert, wie die großen Textilfirmen kalkulieren: Für sechs Euro die Jeans einkaufen, für 180 Euro verkaufen. Das ist dann aber wiederum nicht das Problem des kleinen Mannes, der nur 8,99 Euro ausgeben kann für eine Hose, das ist das Problem der Lohnstruktur in Deutschland: Ich werde ausgebeutet, deswegen muss ich mir Dinge kaufen, wo man auch Leute ausbeutet – ein Strudel nach unten.

Was läuft schief bei Großkonzernen?

Trinkwalder: Es fehlt am Willen, am Biss! Und an der Gemeinschaft. Auch Verantwortung ist ein Thema: Wenn es dein eigenes Geld ist und du haftbar dafür gemacht wirst, gehst du sorgsamer damit um. Du verzockst ja nicht dein Leben. Heute sitzen Manager in Unternehmen, die nach drei Jahren wieder weg sind. Die werden an Zahlen gemessen und das war‘s. Das ist nicht meine Art der Wirtschaft. Wenn ich heute eine Fehlentscheidung mache, merken es meine Mitarbeiter und das Projekt langfristig. Also habe ich natürlich ein Interesse daran, wie das Unternehmen in zehn Jahren da steht!

Wer ist schuld an den schlechten Bedingungen für Textilarbeiter in Asien?

Trinkwalder: Man darf nicht den Konsumenten dafür verantwortlich machen, dass Firmen irgendwo in Asien nicht sicher sind. Das ist unternehmerische Pflicht. Wenn ich hier in eine Bruchbude einziehe, ist gleich das Gewerbeaufsichts­amt da und schließt den Laden!

Was muss sich an der Arbeitssituation bei uns in Deutschland ändern?

Trinkwalder: Heutzutage ist so viel im Berufsleben ein „Handicap“. Kind ist ein Handicap, Alter ist ein Handicap, Migrationshintergrund ist ein Handicap – wie soll das gehen? Die Arbeitnehmer sind flexibel! Die Arbeitgeber müssen es wieder werden. Auch das Argument „Fachkräftemangel“ ist ein Blödsinn. Wir wissen alles, aber wir können es nicht mehr machen. Dabei haben wir so viel brachliegendes Potential, wir müssen es nur nutzen.

Interview: B. Witt

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