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Patienten sind verzweifelt

Lieferengpässe bei Bayerns Apotheken: „Es steht spitz auf Knopf“ - 260 Arzneimittel betroffen

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Gähnende Leere: So sieht es derzeit in den Vorratsschränken der Apotheken aus.

Die Apotheken in Bayern stehen vor einem großen Problem. Wegen Lieferengpässen sind Hunderte Medikamente nicht ausreichend oder gar nicht vorhanden. Die Lage spitzt sich zu.

  • Lieferengpässe sorgen für Arzneimittelknappheit in den bayerischen Apotheken.
  • Besonders betroffen sind derzeit Psychopharmaka und ein Anti-Depressivum.
  • Die LMU-Chefapothekerin nennt Alternativlösungen.

München - Ibuprofen, Schilddrüsenmedikamente oder Blutdrucksenker: In Apotheken bleiben wegen Lieferengpässen immer öfter Regale leer. Christian Metz (50), Besitzer der Engadin-Apotheke in Fürstenried, warnt: „Die Lage spitzt sich immer mehr zu!“

Aktuell listet das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte mehr als 260 Arzneimittel mit Lieferschwierigkeiten auf, Impfstoffe sind hier noch nicht berücksichtigt. Laut dem Deutschen Arzneiprüfungsinstitut (DAPI) waren allein im ersten Halbjahr 2019 7,2 Millionen Medikamente nicht verfügbar. 2018 waren es insgesamt 9,3 Millionen; im Jahr 2017 nur 4,7 - ein riesiger Anstieg! Die Zahlen lassen vermuten, dass sich die Situation weiter verschlimmert.

Lieferengpässe bei Apotheken: Viele Produkte werden in Fernost hergestellt

Christian Metz, 50, Besitzer der Münchner „Engadin-Apotheke“, hamstert. Das sagt er auch ganz offen. Denn: Bestimmte Medikamente auf Lager zu haben, ist für ihn und seine Kollegen der einzige Weg, die Kunden zufriedenzustellen. „Wir nehmen alles, was wir kriegen“, erklärt er und öffnet dann eine Schublade. Hier lagert das Antidepressivum „Venlafaxin“. Im Moment ist diese Schublade randvoll – doch das ist die Ausnahme. „Wir haben seit Monaten eine massive Lücke in der Versorgung.“ Und: „Es spitzt sich immer mehr zu!“

Vor rund einem Jahr beschlossen er und Michael Franke, 54, die Apotheke zu kaufen. Davor arbeiteten beide in der Pharmaindustrie; Metz ist Apotheker, Franke Kaufmann. Nun stehen sie also auf der anderen Seite. Von der Versorgungsknappheit wussten sie – doch mit diesem Ausmaß haben beide nicht gerechnet.

Aktuell stark betroffen sind Psychopharmaka mit dem Arzneistoff „Venlafaxin“, der Menschen mit Depressionen verschrieben wird. „Ich habe gestern mit einer verzweifelten Patientin telefoniert“, erzählt Franke. Die Frau nimmt ihr Medikament seit Jahren, verträgt es gut. Doch wegen der Lieferengpässe muss sie nach Absprache mit dem Arzt auf ein anderes Mittel umsteigen. „Wir haben keine andere Wahl mehr“, sagt Franke.

Schon seit Monaten macht dieser Engpass die Mitarbeiter in der „Engadin-Apotheke“ ratlos. Während sie anfangs auf „Nachahmerpräparate“ ausweichen konnten, gehen auch diese zur Neige. „Das ist haarsträubend. Betroffene brauchen ein Medikament, um gut leben zu können!“, erklärt Metz.

Warnen vor den Folgen der Lieferengpässe: Der Münchner Apotheker Christian Metz (Mitte) mit seinen Kollegen Otto Peters (li.) und Michael Franke.

Apotheken: Auch „Nachahmepräparate“ gehen zur Neige

Doch es geht nicht nur um Psychopharmaka. Auch diverse Bluthochdruckmittel stehen nicht immer zur Verfügung. „Einige Kunden nehmen seit Jahren das gleiche.  Bei einem neuen Hersteller sehen Tablette und Packung anders aus. Da kommen viele ältere Patienten durcheinander“, sagt Metz. Besonders schwer sei es für Kunden, die mehrere Tabletten am Tag brauchen. „Da müssen wir aufpassen, dass keine Wechselwirkungen auftreten. Außerdem können wir nicht einfach die Dosierung oder den Wirkstoff umstellen, wenn was nicht lieferbar ist“, erklärt Otto Peters, Mitarbeiter der Engadin-Apotheke: „Jedes Mal müssen wir Rücksprache mit dem Arzt halten, was die Versorgung der Menschen hinauszögert.“ 

Lieferengpässe bei Apotheken: Medikamente werden auf Vorrat bestellt

Ist ein Medikament nach Wochen wieder verfügbar, wird auf Vorrat bestellt – und gehamstert. Auf diese Idee kommen aber auch andere Apotheken. Das führt zu Zuständen, die Franke an einen Basar erinnern. Doch einen anderen Weg gibt es nicht. Peters sagt: „Wir gehen in Vorkasse und wissen nicht, ob der Arzt am Ende nicht was anderes verschreibt. Auch die Lagerkosten zahlt uns niemand.“ Ein finanzielles Risiko. Und: Kritisch werde es, wenn mehrere Kunden auf das gleiche Medikament warten – und nicht genug geliefert wird. „Wir müssen entscheiden, welcher Leidensdruck am höchsten ist. Das ist ein ethisches Dilemma.“

Die wenigsten Patienten sind über Rabattverträge oder Versorgungsknappheit aufgeklärt. Das stellt Metz und Peters täglich vor Probleme. „Wir müssen den Leuten alles erklären. Der Aufwand ist enorm“, sagt Metz. Und: Viele Patienten reagierten wütend, müssten beruhigt werden. „Wir sind oft die Prügelknaben.“ Aber: „Am Ende hat der Patient ein Problem, das niemand lösen kann.“

Natascha Berger

Lieferengpässe bei Apotheken: Interview mit LMU-Chefapothekerin

Hightechgeräte und moderne Therapien: Damit glänzt die Medizin in Deutschland. Doch hinter der Fassade kämpfen Kliniken mit einem massiven Problem: Lieferengpässe bei Arzneien zwingen sie immer öfter zum Improvisieren. Monika Andraschko, Chefapothekerin des Klinikums der LMU München, erlebt das fast täglich – und sieht „dringenden Verbesserungsbedarf“. Ein Gespräch über Mangel in einem reichen Land.

Wie häufig sind Lieferengpässe in Klinikapotheken?

Monika Andraschko: Sie sind in den vergangenen drei Jahren massiv gestiegen. Aktuell, Stand 2. Dezember, haben wir 245. Ein Lieferengpass bedeutet dabei nicht zwingend einen Versorgungsengpass – oft kämpfen wir mit der Bevorratung und Beschaffung. Das ist mittlerweile extrem aufwendig! Wir brauchen zusätzliches Personal.

Welche Arzneien sind besonders häufig betroffen?

Das gesamte Spektrum: Das reicht von einfachsten Infusions- und Kochsalz-Spüllösungen – für Patienten im OP hochwichtig – bis hin zu speziellen Arzneien. Der Schwerpunkt im Krankenhaus liegt auf Arzneien, die intravenös verabreicht werden. Es geht um Zytostatika für die Krebstherapie und Antibiotika. Aber wir sind auch, wie öffentliche Apotheken, von der extremen Knappheit des Schmerzmittels Ibuprofen betroffen. Zudem verzeichnen wir Engpässe bei Hormonpräparaten und Narkosemitteln wie „Propofol“. Der Hersteller ist gesetzlich verpflichtet, Lieferengpässe rechtzeitig an die Krankenhäuser zu melden. Oft erfahren wir aber erst bei der Bestellung, dass etwas nicht lieferbar ist.

Was machen Sie dann?

Wir schauen: Reichen unsere Vorräte? Können wir auf eine andere Packungsgröße oder Dosierung ausweichen? Gibt es einen anderen Lieferanten? Dabei müssen wir stets die Arzneimitteltherapie-Sicherheit im Blick behalten – und Ärzte und Personal intensiv über Umstellungen und Änderungen informieren. Wir planen mit Ärzten, was wir machen, wenn bestimmte Antibiotika nicht lieferbar sind, und geben Informationsblätter an die Anwender – wie beim großen Ausfall von „Piperacillin/Tazobactam“ im Jahr 2018 nach der Explosion in einer chinesischen Fabrik, die den Rohstoff produziert.

Lieferengpässe bei Apotheken: Besonders Krebs-Medikamente werden knapp

Wie sieht es bei Krebsmedikamenten aus?

Da gibt es eine besonders starke Verknappung! Generell gibt es immer weniger Hersteller für die Produktion einzelner Arzneimittel, gerade bei Chemotherapeutika. Der Grund: Die Gewinnmargen werden geringer, viele Hersteller ziehen sich zurück. Aktuell ist etwa „Oxaliplatin“ durch unseren Vertragslieferanten nicht lieferbar. Das Chemotherapeutikum ist sehr viel im Einsatz, etwa bei Darmkrebs. Immerhin gibt es hier mehrere Anbieter. Das ist nicht immer so.

Waren Patienten durch Engpässe schon in Gefahr?

Nein. Wir haben es stets geschafft, unsere Patienten gut zu versorgen. Aber: Wir haben extrem zu kämpfen. Es wird immer schwieriger.

Wenn jetzt auch noch Narkosemittel knapp werden: Müssen OPs ausfallen?

Wir haben natürlich Vorräte – Krankenhäuser haben eine Bevorratungspflicht von 14 Tagen – und wir haben teils mehr da. Aber: Der aktuelle Engpass beim Narkosemittel „Propofol“ ist herausfordernd. Wir arbeiten intensiv mit den Anästhesisten zusammen, um den Engpass gut zu managen. Gerade wurden wir mit 70 Prozent unseres Bedarfs beliefert. Trotzdem steht es Spitz auf Knopf! Wir hoffen, dass wir nächste Woche wieder beliefert werden.

Hofft auf eine baldige Lieferung: Monika Andraschko ist Chefapothekerin des Klinikums der LMU.

Wer trägt die Verantwortung für diese Lage?

Eine Ursache ist sicher der Preisdruck durch die Kostenträger – etwa durch Rabattverträge und über die Fallpauschalen; da geht es um jeden Cent. Mitverantwortlich ist in meinen Augen auch die Pharmaindustrie, die teilweise im globalisierten Markt deutlich Schwierigkeiten mit ihren Prozessen hat.

Was müsste sich ändern?

Wir als Klinikapotheker fordern eine gesetzliche Pflicht der Hersteller, alle Lieferengpässe an das BfArM, das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, zu melden. Wir fordern zudem eine Bevorratungspflicht für die Industrie. Apotheken und Großhändler sind per Gesetz dazu verpflichtet, Vorräte im Lager zu haben. Für die Industrie gilt das derzeit nicht. Wir fordern zudem eine Lieferpflicht der Hersteller, nicht nur an pharmazeutische Großhändler, sondern auch an Krankenhäuser. Wir gehen immer wieder leer aus. Als große Uniklinik wird man manchmal bevorzugt.

Was ist mit den kleineren Kliniken?

Die haben es teilweise schwerer. Im vergangenen Jahr ging das so weit, dass Apotheker von kleineren Häusern in Bayern bei den Unikliniken Spüllösungen für ihre OPs organisieren mussten, weil sie nicht beliefert wurden. Das nimmt teils groteske Züge an. Es wird geflickt und improvisiert, eine geregelte Beschaffung kann man das jedenfalls nicht mehr nennen.

Deutschland war mal „die Apotheke der Welt“ ... 

Aber die Globalisierung betrifft auch die Produktion von Medikamenten. Arzneimittel sind Güter besonderer Art, die lebenswichtig sind. Man muss sicherstellen, dass wir damit ausreichend versorgt werden können. So sollte man bei Ausschreibungen die Lieferfähigkeit und die Liefersicherheit zum zentralen Punkt machen. Wir sehen dringenden Verbesserungsbedarf! Zudem müssen auch alle anderen Beteiligten im Gesundheitswesen mitwirken und ihre Beschaffungspraxis überdenken.

Interview: Andrea Eppner

Ein ganz anderes Problem beschäftigt einen Apotheker am Sendlinger Tor - dort werden die Kunden ausgesperrt. Einer Ärztin unterlief eine in der Vorweihnachtszeit nur zu menschliche Panne bei der Verschreibung eines Rezepts.

Bei der Nutzung von Ibprofen sollten Sie genau auf die Dosierung achten - sonst könnte sich Ihr Herzinfarkt-Risiko erhöhen. Gerade jetzt steigt die Gefahr von Erkältungen - wie nennen Ihnen sieben Hausmittel gegen diese Krankheit. Beim Test verschiedener Medikamente gegen Erkältungen stellt sich heraus: Nur eines hilft wirklich.

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Kommentare

PendelhodenAntwort
(0)(0)

Resultiert daraus der Engpass an den o.a. Medikamenten?

Ina Patzner
(0)(0)

Bald wird auch Deutschland zum 3. Weltland, wegen der Sparwut im Gesundheitswesen. Bei den Fallpauschalen verstehen Patienten frühzeitig, weil zu wenig Intensivstationen und Personal zur Verfügung stehen. Wie kann an der Gesundheit und Behandlung gespart werden? Das ist doch vollkommener Unsinn. Sollen wir wieder zurück ins Mittelalter?