Sexueller Missbrauch in 406 Fällen

Zeuge: "Jedes Wochenende Oralverkehr"

Tegernsee -  Der Prozess um Ulf G. geht in die nächste Runde: Ein weiterer Zeuge berichtete am Freitag von Übergriffen durch den Angeklagten - und ging dabei ins Detail.

Keine zehn Minuten brauchte Ulf G., um Richter Thomas Bott zur Weißglut zu bringen. „Ihnen brennt wohl der Hut“, donnerte der aufgesprungene Vorsitzende und ließ die Verhandlung unterbrechen. Der Grund: Zuvor hatte der Angeklagte, dem sexueller Missbrauch von Minderjährigen in 406 Fällen vorgeworfen wird, das Gericht mit kruden Vorwürfen über seine Gutachterin bombardiert. Er sprach von Fragen, die so auch in der NS-Zeit gestellt worden sein könnten und davon, dass er sich einer tätowierten Frau gegenüber nicht offenbaren könne. Mäßigende Einwände seiner Verteidigerin ignorierte er.

Bis Richter Bott dazwischen grätschte. Ihre unfertige Einschätzung gab die Gutachterin am vierten Verhandlungstag nach der Unterbrechung trotzdem zu Protokoll. Die Psychologin attestierte dem 53-jährigen Angeklagten paranoide, zwanghafte Züge und eine gewisse Grundaggressivität, aber keine schwere Persönlichkeitsstörung. Dem Mann wird vorgeworfen, zwischen 1998 und 2013 regelmäßig Kinder und Jugendliche in seine immer wieder wechselnden Wohnungen in und um Tegernsee eingeladen zu haben. Er lockte sie mit Videospielen, Bier, Zigaretten und Ü18-Filmen. Mehrere mutmaßliche Opfer haben bereits ausgesagt.

„Was in diesem Raum passiert, bleibt auch in diesem Raum“, habe Ulf G. seinen jungen Gästen immer eingebläut, berichtet ein Zeuge. Der heute 26-Jährige war gerade 14 Jahre alt, als er über Schulfreunde Ulf G. kennenlernte. Es hatte sich herumgesprochen, dass in dessen Wohnung andere Regeln gelten. „Ich wollte dazugehören, cool sein.“ Seinen Eltern erzählte er, dass er bei Freunden bleibe. In Wahrheit übernachtete er an den Wochenenden mit Freunden bei Ulf G.

Wer dazugehören wollte, musste zuallererst baden, unter der Aufsicht von Ulf G. „Wer auf meiner Couch sitzt, muss sauber sein“, habe der immer gesagt. In der Wohnung trugen die Buben meistens keine Kleidung. Es dauerte nicht lange, bis erste Annäherungsversuche folgten: Berührungen beim obligatorischen Bad, Griffe in den Schritt. „Am Anfang habe ich mich noch gewehrt“, erinnert sich der 26-Jährige. „Hast du den Ulf denn nicht lieb“, habe der Angeklagte dann immer gefragt. Irgendwann gab der Junge auf, mehr und mehr ließ er über sich ergehen.

Über Monate hinweg kam es zu Oralverkehr mit Ulf G. – „jedes Wochenende“. Warum er so lange mitmachte, kann er sich heute nicht erklären. „Er hat uns nie zu etwas gezwungen“, sagt der 26-Jährige. Er überlegt kurz. „Aber irgendwie doch.“ Psychospielchen seien das gewesen. Mit seinen Freunden sprach er nicht darüber. Er verdrängte die nächtlichen Vorfälle, wusste sie erst nicht einzuordnen. „Ich hatte davor keine sexuellen Erfahrungen“, sagt er.

Später fraß er Scham und Unsicherheit in sich hinein. „Ekelhaft“ fühle er sich heute, wenn er daran denke. Aufgearbeitet hat er das alles nie. Es fällt ihm sichtlich schwer, dem Richter von den Geschehnissen zu berichten. Immer wieder muss der Vorsitzende behutsam nachfragen. Als der Zeuge den Sitzungssaal endlich verlassen darf, atmet er tief durch.

Der Angeklagte hatte während der Aussage keine Miene verzogen. Er saß ruhig da, beobachtete, machte sich immer wieder Notizen. Die Vorwürfe bestreitet er nach wie vor. Das sei alles eine große Verschwörung, der ganze Haftbefehl eine Lüge. Noch mindestens zwei Verhandlungstage sind angesetzt, bevor ein Urteil gefällt werden kann. Die Staatsanwaltschaft kämpft für eine Haftstrafe von mehr als zehn Jahren. Einen möglichen Deal vor Prozessauftakt hatte sie abgelehnt.

Dominik Göttler

Rubriklistenbild: © Nina Gut

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