Gymnasium: Fahrplan steht

"Mittelstufe plus": Schule ohne Nachmittags-Unterricht

München - Die „Mittelstufe plus“ am Gymnasium nimmt Fahrt auf. Im Februar sollen Eltern an Testschulen wählen, ob sie das Zusatzjahr für ihr Kind wünschen. Im Detail könnte das sehr attraktiv sein – denn die Mittelstufe kommt wohl ohne Nachmittagsunterricht aus.

Der Beschluss kam etwas zur Unzeit. Eine Woche vor der Jahresversammlung des Bayerischen Philologenverbands liefert Ludwig Spaenle den wegen der Gymnasialreform ohnehin aufgebrachten Pädagogen neue Nahrung. Am Dienstag, kurz vor Abflug des Ministerpräsidenten nach China, fällte der Ministerrat einen Beschluss zur Einführung der „Mittelstufe plus“ an den Gymnasien. Die Sache ist umstritten. Einerseits sind die Philologen froh, dass sich überhaupt etwas rührt; andererseits haben sie ihr eigenes G9-Konzept. „Wir geben unser Modell nicht auf“, betont Verbandschef Max Schmidt.

Mittelstufe plus heißt: Ein Schüler kann die Klassen 8 bis 10 in vier Jahren durchlaufen, sofern der „pädagogische Bedarf“ besteht. Den Weg hatte das Kultusministerium entwickelt – um so die andauernde G9-Debatte zu beenden. Ursprünglich wollte man, dass nur schwächere Schüler die neue Mittelstufe nutzen. Dann aber hätten sie ein Verliererimage – eine „Sitzenbleiberklasse“, höhnten am Mittwoch die Grünen. Jetzt heißt es, dass auch begabte Schüler das Zusatzjahr wählen dürfen – zum Beispiel auch für einen Auslandsaufenthalt oder Schwerpunktsetzungen. Klar ist: Wählen sehr viele Schüler das Zusatzjahr, dann würde am Gymnasium quasi durch die Hintertür ein G9 eingeführt. Von solchen Befürchtungen will sich Kultusminister Spaenle nun aber nicht mehr leiten lassen. Er betonte, dass jeder Schüler, der die Mittelstufe wählen will, dies auch dürfe. „Es gibt keinen Beschluss zu irgendeiner Deckelung.“ Allerdings einen Richtwert – „Pi mal Daumen“, so Spaenle, würden wohl etwa 25 Prozent der Schüler eines Gymnasiums den Testlauf absolvieren. „Es können aber auch fünf Prozent mehr oder weniger sein.“ Solche Vorfestlegungen kritisiert neben der Landtags-Opposition auch der Philologenverband, dessen Chef Schmidt betont: „Ein Grenzwert darf nicht sein.“

Am Mittwoch veröffentlichte Spaenle den Fahrplan für die Versuchsschulen, die ab nächsten Schuljahr zwei Jahre lang die Mittelstufe plus testen sollen:

  • Bis Februar werden die Pilotschulen ausgesucht, etwa 30 bis 40 Gymnasien werden es sein.
  • Ebenfalls ab Februar soll das staatliche Schulinstitut ISB die Stoffverteilungspläne in den Dehnungsfächern Deutsch, Mathematik, Fremdsprache und dem gewählten Zweig entwickeln. Die neue Stoffverteilung ist notwendig, weil die Zahl der Schulstunden gegenüber dem herkömmlichen G8 reduziert ist – auf 30 Stunden (32 bis 34 Stunden sind es im Regel-G8). Damit kommt ein Schüler in der Mittelstufe plus auf insgesamt 120 Unterrichtsstunden – gegenüber 100 auf dem herkömmlichen Weg. „Das wird also kein Sparmodell“, betont man im Ministerium.
  • Im Februar/März werden Schüler und Eltern informiert. Eltern müssen einen Antrag stellen, gegebenenfalls gibt es ein „Auswahlverfahren“ über Klassenkonferenzen. Außerdem soll es dann ein Stundenplanmuster geben – die Eltern wird besonders interessieren, ob in der Mittelstufe plus Nachmittagsunterricht vermieden wird. Wegen der geringen Stundenzahl (30) scheint das möglich.

Einer, der sich auch um den Schulversuch beworben hat, ist Heinz-Peter Meidinger, Leiter eines Deggendorfer Gymnasiums und scharfer Kritiker des G8. Er prophezeit, sofern nicht doch noch Beschränkungen kommen, einen großen Zulauf für die Mittelstufe plus. „Ich kann mir vorstellen, dass eine Mehrheit der Schüler in Bayern das wählt.“

Dirk Walter

Rubriklistenbild: © dpa

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