Am Montag beginnt der Prozess

Tod von Franziska (12): Ein Dorf findet keinen Frieden

Möckenlohe steht noch immer unter Schock: In dem kleinen Ort im Landkreis Eichstätt wird immer noch um die 12-jährige Franziska getrauert. Jetzt beginnt der Prozess.

München - Sie wurde entführt, sexuell missbraucht und erschlagen: Franziska (12) durchlebte in Möckenlohe ein Martyrium – stundenlang. Der mutmaßliche Täter steht nun vor Gericht, er ist geständig. Doch eine Frage bleibt: Warum?

Möckenlohe ist ein stiller Ort. Die Menschen hier sprechen leise. Und wenn der Name „Franziska“ fällt, dann verstummen sie oft ganz. Weil sie das Unfassbare nicht fassen können – schon gar nicht in Worte. Ein Mädchen, 12 Jahre alt, wird verfolgt, es wird vom Rad gezerrt, vergewaltigt, umgebracht. Die Leiche – achtlos in einen Badeweiher geworfen. Das Mädchen heißt Franziska.

Rund ein Jahr ist das nun her. Das 600-Seelendorf im Kreis Eichstätt findet keinen Frieden. „Das grausige Verbrechen beschäftigt die Menschen weiterhin“, sagt der Bürgermeister. Er sagt auch: „Durch den Prozess wird das noch verstärkt.“

Der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter beginnt an diesem Montag am Landgericht in Ingolstadt. Mehr als 100 Zeugen sind geladen, knapp 20 Sachverständige werden aussagen. Das Urteil soll erst Ende Mai fallen. Der mutmaßliche Täter, Stefan B., 27, sitzt seit Monaten in Haft. Zwischendurch war er im Krankenhaus, weil ihn ein Mithäftling niedergestochen hatte. Vielleicht wollte er ihn umbringen – mutmaßliche Kindsmörder rangieren in der Knasthierarchie ganz unten.

Stefan B. soll selbst Vater sein

Der Prozess wurde um drei Wochen verschoben, das Gericht hielt sich bedeckt, gab jüngst den neuen Termin bekannt. Montag also. Stefan B. hat schon ein Teilgeständnis abgelegt. Die Ermittler gehen davon aus, dass Franziska ein Zufallsopfer war. Aber: Warum bringt ein Mann, der angeblich selbst Vater ist, auf bestialische Weise ein anderes Kind um?

Die Menschen in Möckenlohe suchen nach Antworten. Sie finden keine. „Das kann man nicht begreifen“, sagt eine ältere Frau. „Da tut einem das Herz weh.“ Ein Mord ist für ein Dorf „eine brutale Desillusionierung“, erklärt Psychologin Felicitas Heyne. Möckenlohe sei bisher „die reinste Idylle“ gewesen, hier war die Welt noch in Ordnung. Doch jetzt ist alles anders. „Ein kleiner Ort kann ein solches Verbrechen nie vergessen“, sagt Heyne – schon gar nicht, wenn der Täter aus der Nähe stammt. „Denn dann ist eine Wiederholung jederzeit denkbar.“

Stefan B. ist kein Fremder: Er ist in Egweil aufgewachsen, nur zwei Dörfer von Möckenlohe entfernt. Aggressiv sei er schon immer gewesen, erzählen zwei Frauen, die ihn von früher kennen – im Schulbus habe niemand neben ihm sitzen wollen.

Stefan B. gilt als Einzelgänger, als „Freak“, als einer, der ständig vorm Computer abhängt. Später wird er straffällig, versagt im Job, bleibt ohne Ausbildung, begeistert sich für rechtes Gedankengut. Ein Verlierer. Aber dass dieser Verlierer mal einen Menschen tötet? Das hätte niemand gedacht. Ein Trugschluss. Am 15. Februar 2014, einem Samstag, legt sich Stefan B. offenbar auf die Lauer, wartet auf ein Opfer. Er hat einen grünen Toyota geklaut und falsche Nummernschilder anmontiert.

Zur selben Zeit trifft Franziska O. ihre Freundinnen in Nassenfels, nur wenige Kilometer von Möckenlohe entfernt – Franziska ist mit dem Rad da, wie so oft. Die Mädchen haben sich an der „Skate-Anlage“ verabredet, einem beliebten Treffpunkt. Schon zu diesem Zeitpunkt fühlen sie sich beobachtet.

Franziska schreibt noch eine SMS an eine Freundin

Am Nachmittag radelt Franziska heim – obwohl sie ursprünglich bei einer Freundin übernachten wollte. Stefan B. heftet sich an ihre Fersen. Franziska merkt etwas, schreibt zwischendurch eine SMS an eine Freundin. In der Kurznachricht steht, dass sie von einem grünen Auto verfolgt werde. Ein Hilferuf – der fatalerweise ungehört bleibt. Die Freundin reagiert zunächst nicht, auch die Eltern vermissen ihre einzige Tochter nicht, weil sie denken, die schlafe woanders. Die SMS ist das letzte Lebenszeichen von Franziska. Ihr Handy ist offenbar bis heute verschwunden.

Am Tag darauf, ein Sonntag, läuft die Maschinerie an: Die Eltern, Bianca und Josef O., melden das Mädchen als vermisst. Die Polizei durchkämmt die Gegend. Die Beamten suchen nach dem Kind – und nach einem grünen Wagen, denn inzwischen ist der Inhalt von Franziskas letzter SMS bekannt.

Wenige Stunden später, am Nachmittag, entdecken Angler einen leblosen Körper in einem Badeweiher bei Neuburg. Die tote Franziska. Die Beamten gehen von einem Gewaltverbrechen aus, die Verletzungen sind eindeutig. Der Täter muss brutal vorgegangen sein. Einige Beamte bitten darum, abgelöst zu werden. Das Verbrechen, die Qualen des Mädchens kurz vor seinem Tod – unerträglich.

Die Polizei fasst Stefan B. nach einer wilden Verfolgungsjagd

Die Suche nach dem Täter läuft derweil auf Hochtouren. Bald wird Stefan B. gefasst – nach einer wilden Verfolgungsjagd. Er soll eine Polizeikontrolle durchbrochen haben und mit Tempo 200 auf der Landstraße davon gerast sein. Die Beamten können ihn stoppen, er wird verhaftet, verhört, er gesteht.

Die Menschen in Möckenlohe stehen unter Schock – und nehmen Abschied von Franziska. Die Trauerfeier dauert eineinhalb Stunden, die Eltern des Mädchens weinen ununterbrochen in der Kirche. Danach gehen sie heim – ihr Haus liegt nur wenige Schritte von Kirche und Friedhof entfernt. „In unserem Herzen stirbst Du nie“, hatten sie in Franziskas Todesanzeige geschrieben. Einen Monat darauf bedanken sie sich bei allen, die sie unterstützt haben – mit einer Anzeige. Öffentlich sprechen wollen sie nicht, können sie nicht.

Demnächst werden sie es müssen. Denn sie sind als Zeugen geladen. Sie werden also den Gerichtssaal betreten, werden dem mutmaßlichen Mörder ihrer Tochter in die Augen blicken. Stefan B. wird auf der Anklagebank sitzen. Doch er wird ihnen keine Antwort geben können. Wie auch? Diese Tat ist unerklärlich.  

Barbara Nazarewska, Mitarbeit: M. Dollinger

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