Richterin übt heftige Kritik

Freispruch für Frauenarzt - aber es bleiben Zweifel

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Urteilsverkündung im Mordfall Brigitte B.: Michael B. wird freigesprochen.

Erding - Nach 410 Tagen im Gefängnis ist Frauenarzt Michael B. freigesprochen worden. Von seiner Unschuld am Tod seiner Ehefrau ist die Richterin allerdings nicht überzeugt. Sie übte heftige Kritik - auch an der Kripo.

Es ist 9.02 Uhr, als Gisela Geppert ihren letzten großen Prozess als Vorsitzende Richterin der Schwurgerichtskammer am Landgericht Landshut mit drei Sätzen beendet: „Herr Michael B. wird freigesprochen. Der Haftbefehl des Amtsgerichts Erding vom 5. Dezember 2013 wird aufgehoben. Herr B. wird für die Zeit in der Untersuchungshaft auf Kosten der Staatskasse entschädigt.“

Ein Raunen geht durch den Saal, zwei junge Frauen in der dritten Reihe der Besucherstühle beginnen zu weinen und vergraben ihre Gesichter in den Händen. Es sind die Töchter des Beschuldigten. Später laufen sie zu ihrem Vater und umarmen ihn.

Der Gynäkologe selbst, der wie an den 17 vorangegangenen Verhandlungstagen im edlen Zwirn und mit Krawatte erscheint, holt tief Luft. Denn diese Worte bedeuten für ihn die Freiheit nach 14 Monaten im Gefängnis. Seine Anwälte klopfen ihm auf den Rücken. Danach verfolgt der Arzt die Begründung der Richterin fast ohne Regung.

"Wir sind weder von seiner Schuld noch von seiner Unschuld überzeugt"

Gut 30 Minuten braucht Gisela Gep­pert, die demnächst in Pension geht, um deutlich zu machen, dass es ein Freispruch zweiter Klasse ist. „Wir sind weder von seiner Schuld noch von seiner Unschuld überzeugt.“ Sie versichert, dass es viele Indizien gebe, die für B. als Täter sprechen. Allerdings macht sie auch deutlich: Kein Hinweis sei ausreichend, um dem Frauenarzt die Bluttat im Bad des Wohnhauses nachweisen zu können. Deswegen könne die Kammer nicht anders, als B. freizusprechen. Mit rund 10.000 Euro Haftentschädigung kann B. rechnen.

Wenige Minuten nach dem Richterspruch hat es B. eilig. Er wendet sich an die Justizbeamten und fragt, wie er an seine persönlichen Dinge aus dem Gefängnis komme und wie die Entlassung vollzogen werde. Per Unterschrift bekommt B. die Freiheit zurück – nach 410 Tagen.

Geppert beginnt die Urteilsbegründung mit dem Hinweis, dass der Beweis der Unschuld für einen Freispruch nicht erforderlich sei. Die Kammer kam allerdings zu dem Schluss, dass es mit der vom Angeklagten beschworenen Harmonie nicht so weit her gewesen sein könne. Brigitte B. sei sehr dominant gewesen, habe die Kontrolle über die Finanzen gehabt. Ein Gutachter habe den Arzt zwar als nicht übermäßig aggressiv kennen gelernt, „aber so ein Ausraster kann jedem passieren“, meinte die Richterin.

Kritik am Vorgehen der Kripo nach Auffinden der Leiche

Die Hauptkritik übt die Kammer am Vorgehen der Kripo nach Auffinden der Leiche (siehe unten). Unter anderem habe sich B. sehr lange alleine am Tatort aufhalten können. Die Blutspuren, die an ihm, an Handschuhen und am Fahrrad gesichert wurden, können laut Gep­pert von der Tat herrühren, aber auch vom Reinigen des blutverschmierten Bades. Brigitte B. habe zu Nasenbluten geneigt. Zudem habe ihr der Arzt immer wieder Blut abgenommen, um die alkoholbedingt stark erhöhten Leberwerte messen zu lassen. Es kann laut Gericht sogar sein, dass die Frau selbst ältere Blutspuren etwa nach Nasenbluten entfernt habe.

Die Vertreter der Kinder von Brigitte B. als Nebenkläger und die Staatsanwaltschaft werden in Revision gehen. Und der Frauenarzt? Noch ist völlig offen, ob er in sein Reihenhaus in Erding zurückkehrt. An seiner Arztpraxis in Erding hängt immer noch sein Schild.

H. Moritz

Die Kritik der Richterin

Es waren deutliche Worte, die die Vorsitzende Richterin Gisela Geppert nach dem Freispruch an die Adresse der Ermittler richtete. Herr B. sei tatverdächtig, doch könnten andere Täter nicht ausgeschlossen werden: „In erster Linie, weil nicht alle wesentlichen Spuren am Tatort und an der Leiche festgestellt und gesichert wurden.“ Darüber hinaus seien die ersten Vernehmungen des Arztes als Zeuge unvollständig protokolliert worden. Seine zweite Vernehmung am 5. Dezember sei nicht verwertbar, weil er da schon längst als Beschuldigter behandelt, aber nicht entsprechend belehrt worden sei. Weitere Fehler seien bei den Ermittlungen am Tatort gemacht worden. Die Beamten hätten eher Spurenvernichtung betrieben. So sei die Leiche bewegt worden und habe dabei geblutet. Zur Temperaturmessung sei ein Fleischthermometer benutzt worden („Es bedrückt uns, dass die Polizei so schlecht ausgestattet ist“), Spuren im Gesicht der Leiche seien nicht gesichert worden, mehrere DNA-Spuren fremder Männer an der Leiche seien nicht geklärt. Ebenso wenig sei das Alibi des Bruders der 60-Jährigen, der als Täter nicht auszuschließen sei, „wasserdicht“ abgeklärt worden. Die Gesamtschau der Indizien habe darum für eine Verurteilung nicht ausgereicht.

Chronologie des Dramas

Im Frühjahr 2012 lassen sich Michael B. und seine Frau Brigitte in Erding nieder. Der Gynäkologe war zuvor in Bremen und Osnabrück tätig. Am 4. Dezember 2013 schickt Brigitte B. um 12.37 Uhr noch eine SMS an eine Freundin – das letzte Lebenszeichen der 60-Jährigen. Um 19.15 Uhr bittet Michael B., der für die Zeit zwischen 13.30 und 19 Uhr ein Alibi hat (er war in seiner Praxis), seinen Nachbarn, den Rettungsdienst sowie einen Notarzt zu verständigen. Seine Frau dürfte aber schon früher gestorben sein.

Die Leiche wies nach Angaben der Gerichtsmedizin exakt 30 Faustschläge, zwei Rippenbrüche und rund 100 Blutergüsse auf. An dem Reihenhaus wurden keine Einbruchsspuren entdeckt.

Da die Fahrt vom Haus des Ehepaares zur Praxis mit dem Fahrrad rund 15 Minuten dauert und der Todeskampf der Frau nach Angaben des Gerichtsmediziners rund 15 bis 20 Minuten gedauert haben dürfte, bleiben nach Ansicht der Anklage Zeitfenster, für die Michael B. kein stichhaltiges Alibi hat. Den genauen Todeszeitpunkt konnte der Gerichtsmediziner indes nicht benennen.

Die Kripo Erding ging anfangs von einem Unfall aus, einem Sturz im Badezimmer. Alles, was B. in dieser Zeit sagte, konnte nicht gegen ihn verwendet werden

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