Feuerwehrmann totgeschlagen

Nach Augsburg und München: Woher kommt plötzlich diese Gewalt? Expertin gibt Antworten

Nach den schlimmen Gewalttaten an einem Feuerwehrmann und einem Polizisten stellt sich die Frage: Woher kommt plötzlich diese Gewalt? Sabine Nützel (Diplom-Psychologin) gibt Antworten.

  • In Augsburg wurde ein Feuerwehrmann getötet und in München ein Polizist niedergestochen
  • Wieso nehmen solche Gewalttaten in letzter Zeit zu?
  • Ein Interview mit Sabine Nützel (Diplom-Psychologin)

München/Augsburg - Drei Tage nach dem Gewaltexzess in Augsburg ist am Montag ein Polizist in München von einem Passanten niedergestochen worden. 

Woher kommt diese Gewalt? Das Interview mit Sabine Nützel, Diplom-Psychologin und Leiterin des Fachdienstes Kinder, Jugend und Familie der Caritas Berchtesgadener Land.

Warum laufen manche Kinder aus dem Ruder?

Sabine Nützel, Diplom-Psychologin und Leiterin des Fachdienstes Kinder, Jugend und Familie der Caritas Berchtesgadener Land.

Sabine Nützel: Das können individuelle Gründe des Kindes sein, familiäre Probleme oder Einflüsse Gleichaltrigen, mit denen die Kinder Kontakt haben. Gerade in der Pubertät nehmen Jugendliche viel von Gleichaltrigen an und weniger von den Eltern. Begünstigend wirken auch das inflationäre Zeigen und Konsumieren von Gewalt im Internet und der unrealistische Umgang miteinander in sozialen Netzwerken. Wenn Kinder mit 14 Jahren erstmals vor Gericht landen, ist vorher oft schon vieles passiert. Häufig waren sie schulisch auffällig, besonders unruhig, sozial schwierig und nicht integriert. Vieles deutet sich vorher an.

München/Augsburg: Woher kommt plötzlich diese Gewalt? Expertin gibt Antworten

Sind Kinder aus sozial schwachen Familien besonders gefährdet?

Nützel: Es gibt Kinder aus sozial schwachen wie auch aus gutbürgerlichen Familien, die Probleme haben. Es gibt gut behütete Kinder, die auf die schiefe Bahn geraten und nicht gut behütete, die dadurch eher selbstständiger werden. Man muss den Einzelfall betrachten. Übrigens fallen heute viel weniger Kinder durchs Raster als früher. Die Zahl schwerer Gewalttaten hat abgenommen. Durch die ausführliche Berichterstattung über schreckliche Einzelfälle in den Medien entsteht aber der Eindruck, die Gewalt nehme zu. Es gibt viele Hilfemaßnahmen wie Erziehungsberatungsstellen, Jugendsozialarbeit an Schulen, soziale Projekte, präventive Maßnahmen. Das hat Wirkung gezeigt. Klar ist aber auch: Es gibt immer einen kleinen Prozentsatz, wo all das nicht greift, wo Kinder trotzdem aus dem Ruder laufen. Hier muss man versuchen, die negativen Folgen möglichst klein zu halten.

Sind die Probleme bei Familien mit Migrationshintergrund größer?

Nützel: Bei Jugendlichen spielt die Vorbildstruktur eine Rolle. Wenn in Familien Gewalt ein Mittel der Kommunikation ist, tendieren Kinder dazu, das auch zu ihrem Mittel der Kommunikation zu machen. Richtig ist, dass Familien mit Migrationshintergrund oft andere Erziehungsstile pflegen, zu denen vielleicht auch Schläge als zählen. Unsere Aufgabe ist, diesen Familien deutlich zu signalisieren, dass Gewalt eine Straftat ist – innerhalb und außerhalb der Familie.

Gewalt in Augsburg und München: „Das sind nur wenige, aber damit müssen wir uns beschäftigen“

Wo sehen Sie Lücken im Hilfenetz?

Nützel: Bei Jugendlichen, die gerade aus der Schule raus sind und nicht in ein „normales“ Leben finden. Nach dem Gesetz sind sie junge Erwachsene, die Eltern haben keinen Zugriff mehr und keiner sagt ihnen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Solange sie nicht straffällig werden, fallen sie gesellschaftlich vielleicht nicht auf, aber es geht ihnen nicht gut. Das sind nur wenige, aber damit müssen wir uns beschäftigen. 

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Im Dezember starb ein Feuerwehrmann nach einer Auseinandersetzung mit Jugendlichen am Augsburger Königsplatz. Ein Gericht hat nun einen Antrag der Verteidiger abgeschmettert.

Rubriklistenbild: © dpa / Stefan Puchner

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