Bruder und Vater sind verschollen

München-Marathon-Siegerin: So hat sie den Schmerz besiegt

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Julia Viellehner gewann den München Marathon.

München - Julia Viellehner läuft seit Jahren Marathons. Den diesjährigen Wettkampf in München gewann sie sogar. In der tz erzählt sie, was ihr Vater und ihr Bruder damit zu tun haben.

Bis Kilometer 15 schweifen die Gedanken noch um die Kollegen auf Hawaii, die sich dort zeitgleich beim Ironman quälen. Dann sind es die Freunde, die daheim am Computer ihre Zeit live mitverfolgen. Ein letzter Ansporn wartet schließlich bei Kilometer 33: Mamas lautstarke Anfeuerungsrufe. „Und irgendwann denkst du einfach gar nichts mehr“, sagt Julia Viellehner (30), die Siegerin beim diesjährigen München-Marathon. Auch nicht an ihren Bruder Raphael (27) und Papa Johann (58), die Ende vergangenen Jahres bei einer Bergtour in Neuseeland vermutlich ums Leben gekommen sind. Beide gelten seither als vermisst.

Jetzt sitzt Julia Viellehner zusammen mit ihrem Freund und Trainer Thomas Stecher (46) am Küchentisch und spricht mit der tz über den Wettkampf ihres Lebens. Nicht nur über die 42,195 Kilometer quer durch München. Vielmehr über zehn Monate voller Trauer, kleiner Lichtblicke, riesiger Rückschläge und die Erkenntnis, dass sie den Tod zwar nie verstehen wird, aber akzeptieren muss.

Nach dem Zieleinlauf im Olympiastadion kommen die Erinnerungen schnell wieder zurück. Julia trifft die ehemaligen Trainingskollegen ihres Bruders von der LG Passau und denkt sofort an die Strecken, die sie mit Raphael gemeinsam gelaufen ist. An die Gipfeltouren mit der ganzen Familie, die Urlaube in den Bergen – und an das letzte Weihnachten. „Wir haben schon am 21. Dezember gefeiert, weil Papa und Raphael zwei Tage später abgeflogen sind“, erinnert sich Julia. „Es lief eigentlich so harmonisch ab wie noch nie. Vielleicht hatten wir ja alle schon eine leise Vorahnung.“

Eine SMS vom Vater - das letzte Lebenszeichen

Johan Viellehner beim Klettern.

Johann Viellehner schreibt seiner Tochter kurz nach der Ankunft in Neuseeland noch eine SMS – sein letztes Lebenszeichen. Selbst nach dem ersten Anruf der Nationalpark-Ranger, dass Johann und Raphael am Abend nicht in der Hütte angekommen seien, bricht daheim in Winhöring (Kreis Altötting) noch keine Panik aus. „Papa war schon im Kaukasus eingeschneit und hatte auch am Kilimandscharo mal eine brenzlige Situation. Wir konnten den Ernst der Lage nicht erkennen“, sagt Julia. Tatsächlich befinden sich die Retter am Mount Cook im Wettlauf mit der Zeit und dem schlechten Wetter. Es vergehen weitere zwei Tage und Nächte – bis am Silvesterabend der nächste Anruf vom anderen Ende der Welt kommt. Die Lage sei hoffnungslos.

Was erst nicht wahr sein durfte, ist jetzt bittere Realität. „Wir haben viel geredet und uns an die schönen Momente erinnert, die wir zusammen erlebt haben. Trotzdem hatte ich immer das Gefühl, sie könnten ja doch noch mal zurückkommen. Es hat Wochen gedauert, bis ich das alles realisiert habe“, sagt Julia und krallt sich an ihrem Gürtel fest. Der war in dem Paket, das erst ein halbes Jahr später aus Neuseeland zurückkam. Ohne Raphael, ohne Papa. „Wir können gut damit leben, wenn man sie nie findet. Da wo sie jetzt liegen, ist es bestimmt schöner als auf dem Winhöringer Friedhof.“

Johann Viellehner hätte gewollt, dass Julia ihr Leben im wahrsten Sinne weiterläuft. Deshalb reist sie schon wenige Tage nach dem Unglück zum Training nach Fuerteventura. „Ich wusste, dass sich enge Freunde um meine Mutter kümmern. Und mir hat das gutgetan. Ich habe viel trainiert und geweint. Auch jetzt noch: Wenn mir danach ist, dann weine ich. Egal wo ich bin.“

Das Leben muss weiter laufen

Julia Viellehner und ihr Freund.

Viel Zeit für die Trauer bleibt zunächst jedoch nicht. Der Job im Fitnessstudio, das Training, die großen Ziele vor Augen. „Ich habe in den ersten Wochen danach zu viel gearbeitet, aber nichts verarbeitet“, sagt Julia heute. Also zieht sie die Reißleine und nimmt sich eine berufliche Auszeit – das haben sich auch Papa und Raphael immer für ihre Bergtouren gewünscht. „Die freie Zeit im Sommer war wichtig für mich. Ich bin oft stundenlang mit dem Rad gefahren, da ist in meinem Kopf viel abgelaufen.“ Julia nimmt schließlich Anlauf für den Hamburg-Marathon, doch eine Sehnenentzündung wird immer schlimmer. Sie muss den Start absagen. In München lässt sie sich von nichts mehr stoppen, schließlich hat sie hier auch ihren allerersten Wettkampf zusammen mit Raphael und Papa absolviert: „Die Zeit war nicht so entscheidend. Wichtig war für meinen Kopf, den reinen Marathon abgeschlossen zu haben.“ Nach 2:40:26 Stunden ist sie im Ziel.

Jetzt hat sich Julia Viellehner neue Ziele gesteckt. Nächstes Jahr will sie im Triathlon zum ersten Mal als Profi an den Start gehen. „Dazu muss ich vor allem mental topfit sein. Und tatsächlich werden die Momente auch immer weniger, dass die Emotionen hochkommen“, beschreibt sie. Julia Viellehner malt sich gerade ihre Zielankunft bei der Lang-Distanz im August 2016 in Regensburg aus. Wie sie möglicherweise Glückwünsche entgegennimmt, dann auf ihr Handy starrt – und vergeblich auf eine Nachricht wartet. „Papa hat sich nach jedem Wettkampf gemeldet. Er war einfach immer für mich da.“

Sebastian Arbinger

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