Gemeinderat entscheidet

Muslim soll Oberammergauer Passionsspiele mitleiten

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Abdullah Karaca, in Oberammergau aufgewachsen, soll Zweiter Spielleiter der Passion werden. Er war bereits von 2009 bis 2012 Assistent von Christian Stückl am Volkstheater. In Oberammergau stand er schon als Kind auf der Bühne.

Oberammergau - Die Oberammergauer Passionsspiele 2020 könnten von Abdullah Karaca mitgeleitet werden. Der Gemeinderat der Alpengemeinde entscheidet darüber.

Es ist die erste große und wichtige Entscheidung, die in Zusammenhang mit den Passionsspielen 2020 in Oberammergau getroffen wird: Am Montag, 15. Juni, bestimmt der Gemeinderat in öffentlicher Sitzung (Katholischer Pfarrsaal, 19 Uhr), wem bei der nächsten Passion die Spielleitung übertragen und wie sich das Leitungsteam zusammensetzen soll.

Macht's Christian Stückl nochmal? Und mit welchem Team?

Nun gibt es größere Geheimnisse als diese Personalie, denn Christian Stückl, der schon 1990, 2000 und 2010 „den“ Passion inszenierte, signalisierte bereits vor einem Jahr, dass er wieder bereit sei, sich dieser Aufgabe zu stellen: „Ich würde es wieder machen, weil ich schon noch gewisse Visionen hab’, wie man das Spiel weiterentwickeln kann.“

Der Regisseur und Intendant am Münchner Volkstheater hat seine Vorstellungen vor kurzem bereits hinter verschlossenen Türen dem Gemeinderat dargelegt: „Da waren nicht viel Überraschungen dabei“, betonte Stückl gegenüber dem Tagblatt.

Muslim soll zweiter Spielleiter werden

Eine Ankündigung dürfte indes im Dorf für Gesprächsstoff (oder Zündstoff?) sorgen: Abdullah Karaca, in Oberammergau aufgewachsen, soll Zweiter Spielleiter der Passion werden. Der 26-Jährige, vor zwei Jahren schon als „Entdeckung der Münchner Theaterszene“ gefeiert, war bereits von 2009 bis 2012 Assistent von Christian Stückl am Volkstheater, um anschließend in Hamburg drei Jahre Regie zu studieren. In diesem Herbst schließt der Türke sein Studium ab.

Christian Stückl leitet die Passionsspiele seit 1990.

Stückl hältgroße Stücke auf seinen Stellvertreter: „Ich kenne Abdullah schon, als er noch ein Bub war. Er hat inzwischen die Qualifikation und das Zeug dazu, mir bei der nächsten Passion zu assistieren. Ich traue ihm das absolut zu.“ Indes räumt der Regisseur ein, dass diese Personalie, einen Moslem zum Zweiten Spielleiter bei der Passion zu machen, in seiner Heimatgemeinde auch auf Kritik stoßen dürfte. In der Vergangenheit hatten immer wieder jüdische Verbände vor allem aus den USA Kritik am Spiel vom Leiden, Sterben und der Auferstehung Jesu Christi geübt. Seit einer Überarbeitung der Texte im Jahr 2000 ist die Kritik allerdings weitgehend verstummt. Der an die Juden gerichtete Satz „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ kommt nun nicht mehr vor. Die Worte waren so gedeutet worden, als wäre das jüdische Volk schuld am Tod Jesu, und deshalb auf Protest gestoßen.

Der 1989 geborene Karaca wuchs als Sohn türkischer Eltern in Oberammergau auf. 2009 wurde er Regieassistent am Münchner Volkstheater und arbeitete in weiteren Produktionen mit Stückl zusammen, etwa bei den Salzburger Festspielen in „Jedermann“. In Oberammergau stand er schon als Kind auf der Bühne.

Verhandlungen im Gemeinderat hinter verschlossenen Türen

Bei der Vorstellung jüngst im Gemeinderat verblieben beide Seiten so, dass man sich in der kommenden Woche (11. Juni) noch einmal – in nicht-öffentlicher Runde – treffen sollte, um die Thematik durchzusprechen. Dazu Christian Stückl: „Klar, ich habe meine Vorstellungen und meine Standpunkte. Auf der anderen Seite bin ich aber auch keine unsichere Nummer. Jeder weiß, wie er mit mir dran ist.“ Der neue Vertrag brauche sich, so der Regisseur, nicht groß von dem bei den letzten Passionsspielen unterscheiden.

Stückl will 2020 wieder mit seiner Mannschaft antreten, mit der er seit vielen Jahren zusammenarbeitet: „Mein Team ist klar, und mein Team bleibt mein Team.“ Dies bedeutet, dass Markus Zwink wieder für die Musik und Stefan Hageneier für Bühnenbild und Kostüme verantwortlich wäre. Nicht mit sich reden lassen will der Spielleiter auch hinsichtlich der Bestimmung der Hauptdarsteller durch ihn (und nicht durch den Gemeinderat) sowie bei der Frage Tag- oder Nachtspiel: „Es darf keine Rückkehr zum Tagspiel geben. Es hat sich letztes Mal sehr bewährt, am Abend zu spielen.“ Außerdem will der bisherige (und wohl auch künftige) Spielleiter „frei sein in seiner Entscheidung bei Text, Musik, Bühne und Kostümen“. Der Passion müsse sich auch 2020 weiterentwickeln.

von Ludwig Hutter, mit dpa

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