10 Stunden Todeskampf im Starnberger See

Musste das sein?

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Viele tz-Leser fragten, ob es wirklich nötig war, dass Christian Held und Klaus Lidl den Waller töteten

Starnberg - Über 20, vielleicht sogar 40 Jahre lang zog er als unangefochtener König durch den Starnberger See – er war kein geliebter Herrscher, sondern einer, vor dem man besser reißaus nahm.

Der 1,92 Meter lange und 47 Kilo schwere Riesenwaller verließ in der Dämmerung sein Sandbett, wo er den Tag verdöst hatte und ging Nacht für Nacht auf die Jagd: Mit seinen Barteln lockte er Fische an, die auf saftige Würmer hofften, aber gierig verschlungen wurden.

Am Donnerstag vor zwei Wochen schnappte der Riesenräuber zum letzten Mal zu und eigentlich war er da noch satt: Die dicke Ente im Bauch war gerade erst halbverdaut, doch für den anstehenden Winter und die Ruhe im tiefen Wasser braucht der Riesenfisch jede Reserve und daher biss er gierig in den Köderfisch, der vorbeiglitt und hing bei Christian Held an der Angel.

Der tz-Bericht über den 10-stündigen Kampf des größten Räubers unserer Seen und dem Fischer empörte viele Leser: „Ich spüre eine unbändige Wut“, schrieb Maria Oswald. Robert Both nennt den Fischfang eine „unglaubliche, barbarische Tierquälerei“. Viele Tierfreunde riefen in der Redaktion an und fragten: „Musste das sein?“ Und: „Hätte man den Fisch nicht einfach wieder freilassen können?“

Inke Drossé, Fachreferentin beim Deutschen Tierschutzbund, kann das Entsetzen gut nachvollziehen: „Bei so einem langen Kampf, der doch mit erheblichem Leiden verbunden ist, hätte man als Fischer vielleicht versuchen können, so ein einmaliges Tier zu retten.“

Lorenz Lidl stutzt auf die Frage, ob er Mitleid mit dem Riesenwaller gehabt habe: „Dann hätte ich diesen Beruf nicht ergreifen können“, sagt der Fischwirtschaftsmeister von der Fischereigenossenschaft Würmsee, der dabei war, als der Fisch aus dem See geschleppt wurde.

Wenn man Fische essen wolle, müsse einem auch klar sein, dass sie gefangen und getötet werden. „Der Waller“, so verspricht er, „wird bis zum letzten Gramm verwertet.“ Zehn Kilo habe er schon an das Restaurant Andechser Hof verkauft: „Die Gäste waren begeistert von dem leckeren Fleisch.“

Laut dem Tierschutzgesetz dürfen einem Tier nur ausnahmsweise und aus einem vernünftigen Grund Schmerzen zugefügt werden. Aus Spaß, Fische zu fangen, um sie anschließend nach einem Erinnerungsfoto wieder ins Wasser zu werfen, ist in Deutschland verboten. Der Verzehr von Fleisch ist laut Gesetz ein vernünftiger Grund. Jeder Angler muss einen Fischkundenachweis erwerben und lernen, wie Tiere möglichst schonend gefangen, betäubt und getötet werden.

Lediglich zu kleine Fische, die das Mindestmaß noch nicht erreicht haben, müssen wieder ins Wasser gesetzt werden. Prof. Kurt Schreckenbach vom Verband Deutscher Sportfischer erklärt: „Fischen soll die Möglichkeit gegeben werden, einmal in ihrem Leben zu laichen.“ Alle größeren Tiere müssten jedoch, wenn sie an der Angel hängen, auch herausgezogen werden.

Unvereinbar mit dem Tierschutzgesetz ist es nämlich, die Angelschnur zu kappen: Der Fisch kann sich nicht allein vom Haken befreien, die Angelschnur verheddert sich womöglich unter Wasser. Der Fisch würde zum langsamen und qualvollen Tod verurteilt. Waller sind sehr scheu und da sie in größeren Tiefen jagen, sieht man sie kaum. Trotzdem seien sie nicht selten, so Lorenz Lidl: „Jedes Jahr setzen wir 150 bis 200 junge, etwa zwei Jahre alte Waller in den See.“ Gefangen werden sie dagegen nur selten – und dann eher aus Zufall.

Hätte der Waller gerettet werden können? Lorenz Lidl meint: „Nein.“ Der Dreifachhaken reißt eine große Wunde, die nur schwer oder womöglich auch gar nicht geheilt wäre. Inke Drossé vom Tierschutzbund meint, es wäre bestimmt sehr schwierig, aber einen Versuch wert gewesen. Vergessen werden die Fischer den Riesenwaller nicht: Sein Kopf des wird präpariert und bekommt einen Ehrenplatz im heimischen Wohnzimmer.

So empfinden Fische Schmerz & Stress

Professor Rudolf Hoffmann von der Klinik für Zoologie, Fischereibiologie und Fischkrankheiten der LMU München antwortet auf die Frage: „Wie empfinden Fische Schmerz?“:

„Schmerz ist nicht messbar, nicht einmal beim Menschen. Was als Schmerz empfunden wird, hängt immer auch von der Situation ab. Mittlerweile gibt es fundierte Untersuchungen, die zeigen, dass Fische im Prinzip ähnliche Reaktionen auf Schmerz zeigen wie höhere Wirbeltiere. Sie verfügen über Schmerzrezeptoren, die chemischen Prozesse auf Schmerzreize sind gleich. Die Verarbeitung der Reize erfolgt jedoch in anderen Bereichen des Gehirns. Immer noch z. B. in den Vereinigten Staaten von Amerika verbreitet ist die Auffassung, Fische könnten keinen Schmerz spüren, weil sie kein Großhirn haben. Ich denke jedoch, das ist zu kurz gesprungen. Wir können nicht wissen, was der Waller fühlte und wir können uns da auch nicht reindenken. Möglich ist, dass die ungeheure Stress-Situation und die Anstrengung, unbedingt freikommen zu wollen, den akuten Schmerz der Angelhaken übertönt hat. Wie gesagt, möglicherweise ist das so. Überzeugt bin ich davon, dass der Fisch keine Todesangst hatte. Tiere können nicht, so wie wir, in die Zukunft denken. Sie wissen nicht, dass sie sterben müssen, und haben daher auch keine Angst vor dem Tod.“

Quelle: tz

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