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Für ihren behinderten Sohn

Mutter kämpft mit Hungerstreik gegen die Allianz

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Mutter und Sohn Bernert: Die beiden warten seit Jahren auf eine Entschädigung für einen Behandlungsfehler. Die Versicherung des Arztes wehrt sich vor Gericht.

Immenstadt - Nach 22 Jahren Rechtsstreit protestiert eine verzweifelte Mutter jetzt mit einem Hungerstreik gegen die Allianz-Versicherung. Sie fordert umfassende Entschädigung für ihren behinderten Sohn.

Oft kommt sich Claudia Bernert vor wie in einem Albtraum, der sich ständig wiederholt. „Wie gefangen in einem schlechten Film. Und dabei will ich doch nur Gerechtigkeit“, sagt die Frau aus Immenstadt leise. Sanft legt sie bei diesen Worten einen Arm um ihren Sohn. Daniel lächelt. Der 29-Jährige ist schwerbehindert, seit ein Arzt, eine Hebamme und eine Krankenschwester bei seiner Geburt schwere Fehler machten. Und seitdem klagt Claudia Bernert auf Schadensersatz. 28 verdammte Jahre lang. Mehrfach gaben die Gerichte der Mutter Recht, aber immer wieder ging der Fall in die nächste Instanz. Warum? Weil die Allianz (sie ist der Versicherer von Arzt und Hebamme) die geforderte Summe nicht bezahlen will. Aber Claudia Bernet kämpft weiter: „Bis dieser schreckliche Film irgendwann endet.“

Die Geschichte von Daniel – sie beginnt am 14. Oktober 1984: Claudia Bernert liegt schwanger im Klinikum Immenstadt. Gegen ein Uhr nachts platzt plötzlich ihre Fruchtblase, grünes Wasser tritt aus. Ein Indiz dafür, dass es ihrem Kind möglicherweise nicht gut geht. „Ich wusste, da stimmt was nicht“, erzählt sie der tz. Doch es gibt keine besondere Überwachung. Im Gegenteil: Der verantwortliche Arzt verlässt die Klinik. Auch die Hebamme wartet nur ab. Neun Stunden später kommt Daniel auf die Welt: Sauerstoffmangel – Hirnschäden!

Monatliche Pflege für Daniel kostet gut 4000 Euro

„Es lief alles falsch“, sagt Claudia Bernert heute. Liebevoll blickt sie ihren Sohn an. Daniel (29) sitzt im Rollstuhl, kann nur mühsam sprechen. Kurz nach seiner Geburt sagten Spezialisten, dass er für immer bettlägerig sein werde. „Doch wir gingen mit ihm zum Logopäden, zu Physiotherapeuten, damit sich sein Zustand bessert.“ Mit Erfolg. Claudia Bernert ist keine Frau, die aufgibt.

Und so beginnt sie ihren Kampf: Die ersten acht Jahre versucht sich die Familie, mit der Versicherung des Arztes und der Klinik außergerichtlich zu einigen. Die monatliche Pflege kostet gut 4000 Euro (eine Rundumversorgung würde sich gar auf 10.000 Euro im Monat belaufen), die Angebote der Versicherung sind den Bernerts zu niedrig. Also wird Klage eingereicht. Nach drei Jahren kommt das erste Urteil: Die Bernerts seien im Recht, ihnen stehe voller Schadenersatz zu, so das Landgericht Kempten. „Erst atmeten wir auf – wir wussten ja nicht, dass nun alles erst richtig beginnt.“

"Wir wollen Schadenersatz. Für die Behinderung – nicht für die Versorgung"

Denn die Gegenseite geht in Berufung. Das Argument ist: die Behinderung Daniels sei schicksalhaft. Heißt in anderen Worten: Er wäre auf jeden Fall mit Hirnschäden auf die Welt gekommen. „Das war ein Schlag für uns.“ Dann dauert es wieder neun Jahre, bis das Oberlandesgericht München zu einer Entscheidung kommt: Ja, die Bernerts sind im Recht. Basta. Doch die Gegenseite legt Beschwerde ein. „Es ging wieder weiter.“

Die Frage in diesem Fall ist immer dieselbe: Wie viel Geld steht Daniel zu? Es ist nicht so, dass die Allianz bisher keinen Cent bezahlt hat: 440.000 Euro überwiesen sie (zusammen mit der Versicherungskammer Bayern) an die Familie. Dazu kam ein Angebot für einen Vergleich: 1,8 Millionen Euro sollte an den Bezirk Schwaben überwiesen werden, damit dieser die jahrelange Pflege Daniels finanzieren kann. Doch Claudia Bernert lehnte ab: „Die Pflege des Kindes müssen die ja eh bezahlen, weil er ja nicht behindert wäre, wenn damals nicht Fehler gemacht worden wären.“ Ihr geht es darum, dass ihr Sohn nie Geld verdienen, nie für sich selbst sorgen kann. „Dafür wollen wir Schadenersatz. Für die Behinderung – nicht für die Versorgung. Mir geht es hier um Moral, um Gerechtigkeit.“ Es geht um Schmerzensgeld, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Forderung: gut eine Millionen Euro, dazu eine monatliche Rentenzahlung von 3325 Euro. Übrigens: Das Gericht in Kempten hat genau dies alles schon vor Jahren abgesegnet.

Allianz-Vorsitzender: "Hebamme, Arzt und Krankenhaus tragen nur eine Teilschuld"

Doch der endgültige Rückschlag für Daniel und seine Mama kommt Ende Mai dieses Jahres: Der Bundesgerichtshof entscheidet, dass doch ein großer Teil der Behinderung nicht an Behandlungsfehlern bei der Geburt liegt. Mit seinem Spruch bestätigte der BGH das Urteil des Oberlandesgerichts München vom März 2013. Damals kam man erstmals zur Entscheidung, dass die Hirnschäden nicht auf Behandlungsfehler im Krankenhaus zurückzuführen seien. Der Grund: Plötzlich tauchte ein neues Gutachten auf – initiiert von der Allianz. Heißt: Die Versicherung des verantwortlichen Arztes sowie der Hebamme und Krankenschwester haften somit nur für die Versäumnisse nach der Geburt. Und: Ihr Anteil an der Schädigung liege bei 20 Prozent. „Mir zog es den Boden weg“, sagt Claudia Bernert der tz.

Die verzweifelte Mutter hat sich nun entschieden, das Schicksal ihres Sohnes sozusagen in die Welt hinauszuschreien.“ Ab Montag will sie jeden Tag vor der Münchner Allianz-Filiale in der Königinstraße stehen und in Hungerstreik treten. „Die sollen endlich reagieren“, sagt sie. „Und ich hoffe, dass mir Menschen zur Seite stehen.“ Die Allianz bedauert übrigens in einer Presseerklärung die Länge des Rechtsstreits: „Das Schicksal Daniel Bernerts geht mir als Familienvater nahe“, sagt der Vorstandsvorsitzende Dr. Alexander Vollert. Aber zum einen habe man ja schon eine Summe von 440.000 Euro bezahlt, zum anderen sei der Vergleich von der Familie abgelehnt worden. Und: „Die Behinderung von Daniel ist zum größten Teil auf eine schicksalhafte vorgeburtliche Schädigung zurückzuführen. Hebamme, Arzt und Krankenhaus tragen nur eine Teilschuld, für die sie bzw. die beteiligten Versicherer haften.“ Claudia Bernert denkt bei diesen Worten wieder dasselbe: „Oh Gott, der Film, er beginnt wieder von vorne…“

Age

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