tz erklärt, wo Sie aufpassen müssen

Nach Bad Aibling: So gefährlich ist das Smartphone im Verkehr

München - Das Smartphone wird immer häufiger als Ursache für einen Verkehrsunfall ausgemacht. Das zeigte auch das Beispiel in Bad Aibling. Die tz erklärt, was daran gefährlich ist.

Es klingt paradox: Über 90 Prozent der Autofahrer wissen, dass die Benutzung ihres Smartphones während der Fahrt gefährlich ist, aber 77 Prozent tun’s trotzdem! Das ergab eine Umfrage von Mobil in Deutschland – der Autoclub mit Sitz in Laim hatte die Daten von mehr als 2000 Teilnehmern erfasst. Die Ergebnisse sind nach den neuen Details rund um das Bahn-Drama von Bad Aibling aktueller denn je (auch wenn es hier nicht um Züge geht). Die Auswertung bestätigt einen fatalen Irrglauben, den der Verkehrspsychologe Professor Mark Vollrath im Radiosender n-joy so erklärt: „Man glaubt, man kann Auto und Handy gleichzeitig beherrschen In Wirklichkeit berrschen wir es aber nicht.“ Er vergleicht die Gefahr durch die Handynutzung am Steuer mit jener von Alkohol. „Man kommt vielleicht einige Male gut nach Hause, obwohl man betrunken ist, aber irgendwann wird der Unfall passieren.“

Eine Einschätzung, die sich in wissenschaftlichen Untersuchungen erhärtet hat. So steigt das Unfallrisiko durch Handynutzung am Steuer – je nach Studie – mindestens um das Sechsfache, Mobil in Deutschland spricht sogar vom 23-fachen! „Die Smartphonenutzung hat über alle Gesellschafts- und Altersgruppen hinweg massiv zugenommen. Leider gilt dies auch für den Straßenverkehr“, sagt Vizepräsident Ralf Baumeister der tz. „Und zwar nicht nur unter Autofahrern, sondern auch unter Bus- und Lkw-Fahrern.“ Experten schätzen, dass jeder zehnte Unfall in Deutschland durch verbotene Handynutzung verursacht wird. Der Hauptgrund liegt in der Ablenkung. Dabei entuppen sich auch Ausreden wie „Ich hab’ nur ganz kurz draufgeschaut“ als falsch: Wer etwa bei Tempo 100 eine Sekunde auf sein Handy schaut, fährt rund 30 Meter im Blindflug.

Verschärft wird das Problem durch ähnliche Verhaltensmuster bei Fußgängern. Eine Dekra-Analyse ergab, dass bis zu 17 Prozent beim Überqueren der Straße mit dem Handy beschäftigt sind. Auch viele Radler lassen sich vom Smartphone ablenken. Sie riskieren ein Bußgeld von 25 Euro – Autofahrer werden mit 60 Euro und mindestens einem Punkt in Flensburg bestraft. Die Hand am Handy kann freilich nicht nur Geld, sondern auch die Gesundheit und sogar das Leben kosten. Wie leicht ein vermeintliches Kavaliersdelikt zum Killer werden kann, zeigt dieser Vergleich von Verkehrsforscher Vollrath: „Während der Fahrt eine SMS zu schreiben, ist genauso gefährlich wie eine Fahrt mit 1,1 Promille.“

Wozu das Handy genutzt wird

Hand aufs Herz – was machen Sie mit Ihrem Handy am Steuer? Der Autoclub Mobil in Deutschland und der TÜV Süd wollten es genau wissen, im Rahmen ihrer gemeinsamen Kampagne „Be smart! Hände ans Steuer – Augen auf die Straße“ befragten sie über 2000 Autofahrer. Die wichtigste Erkenntnis: Das Handy wird nicht nur zum Telefonieren, sondern noch viel mehr zum besonders heiklen Tippen von Nachrichten (siehe Grafiken unten) genutzt. Welcher Gefahr die Handysünder sich selbst und andere aussetzen, untermauert „Be Smart“ mit Zahlen: So steige das Risiko beim Telefonieren ohne Freisprecher um das Siebenfache, beim Texten sogar um das 23-Fache. In der Umfrage räumte fast jeder Dritte ein, dass er schon mal wegen Ablenkung am Steuer in eine gefährliche Situation gekommen ist.

Er tut's im Linienbus

Ein Busfahrer der MVV wurde von einem tz-Leser erwischt.

Handy hinterm Steuer: schon im privaten Pkw ein Unding – aber erst recht im Linienbus! Schauen Sie sich das große Foto an, das ein tz-Leser am Dienstag in der Früh im 830er-Bus von Puchheim nach Lochhausen aufnahm. Der Pendler erzählt: „Der Bus ist eigentlich immer zu spät. Ich wollte mich schon mal beschweren, habe das immer gelassen – aber jetzt musste ich dann doch etwas sagen. Der Fahrer hat sein Handy am Steuer benutzt! Das ist unverantwortlich und gefährlich.“ Das Foto sei während der Fahrt entstanden, der Bus habe sich bewegt und sei mit mehreren Fahrgästen besetzt gewesen.

Vom MVV heißt es auf tz-Anfrage: „Das Telefonieren während der Fahrt ist den Busfahrern streng verboten. Der MVV achtet sehr stark drauf, dass das Verbot eingehalten wird, weil es um die Sicherheit der Fahrgäste geht. Wenn wir einen Verstoß feststellen und nachweisen können, wird das über Vertragsstrafen geahndet. Für die Fahrer und die Fahrgäste zuständig ist immer das Unternehmen, das die Verkehre durchführt.“ Zum konkreten Fall könne man noch nicht mehr sagen – allerdings werde sich der MVV mit dem Unternehmen in Verbindung setzen, um die Sache zu klären.

Es handelt sich um Regionalverkehr Oberbayern. Der zuständige Niederlassungsleiter Jürgen John sagt der tz: „Wir nehmen die Sache sehr ernst.“ Jetzt müsse der Fall geprüft werden. Sicher ist: Bestätigen sich die Vorwürfe, dann wird der Fahrer mit Konsequenzen zu rechnen haben – ganz konkret mit einer Geldstrafe.

Die beliebtesten Handyspiele

Für viele Nutzer ist das Smartphone eine Spielkonsole wie früher der Gameboy: Spiele sind bei den Downloads klare Nummer eins. Das sind derzeit die fünf wichtigsten Sucht-Games:

Minecraft Pocket Edition: Die erfolgreichste Spiele-App der Welt hat ihren schwedischen Erfinder Markus Persson zum Milliardär gemacht. Der Spieler sammelt Rohstoffe und baut eine Klötzchenwelt auf. (iPhone/Android, 6,99 Euro)

Plague Inc.: Hier geht es ausnahmsweise nicht darum, die Welt zu retten. Stattdessen muss der Spieler die Menschheit ausrotten – mit Viren und Bakterien. Die Ausbreitung der Seuchen ist erschreckend realistisch simuliert. (iPhone/Android, 99 Cent)

Rules: Ein vielfach preisgekröntes Puzzle und Denkspiel. Die niedliche Comic-Optik mit Einhörnern, Walen oder Füchsen begeistert Kinder und Erwachsene. Wer einmal angefangen hat, die Figuren zu sortieren, hört so schnell nicht mehr auf. (iPhone, 99 Cent)

Clash Royale: Die dunkle Seite des Spiele-Booms. Zunächst einmal ist das Strategiespiel rund um Könige und Prinzen gratis. Doch vor allem Eltern fürchten Abzock-Downloads innerhalb der App, die bis zu 99,99 Euro kosten. (iPhone/Android, gratis)

Slither.io: Neu und mächtig angesagt. Dieses Spiel bringt quasi das gute alte „Snake“ vom Nokia-Handy aufs Smartphone. Auch hier kriechen Schlangen über den Bildschirm – und sobald sich die Köpfe von zwei Schlangen berühren, explodieren sie. (iPhone/Android, gratis)

Rubriklistenbild: © dpa

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