Weiterhin rätselhaft

Nach Freispruch im Fall Peggy: Wer ist der Täter?

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Mario S. (2.v.l.), Vater von Peggy, reicht dem Angeklagten Ulvi K. (r.) im Beisein von dessen Anwälten Jan Astheimer (l.) und Michael Euler nach der Urteilsverkündung die Hand.

Bayreuth - Ulvi K. ist freigesprochen. Doch der Fall, der die Justiz seit 13 Jahren beschäftigt, ist wieder offen: Es gibt nun nicht nur keine Leiche, sondern auch keinen Täter.

Im großen Schwurgerichtssaal des Landgerichts Bayreuth brandet Beifall auf. Einige Zuschauern jubeln lautstark. Der Vorsitzende Richter Michael Eckstein ermahnt sie, jegliche Meinungsäußerungen zu unterlassen. Zuvor hat er jenen Satz gesagt, auf den der Angeklagte Ulvi K. und seine vielen Unterstützer jahrelang gehofft haben: „Der Angeklagte ist freizusprechen.“

Es gebe keinen einzigen Sachbeweis, sagt der Richter, dass der geistig Behinderte vor 13 Jahren die kleine Peggy im oberfränkischen Lichtenberg ermordet habe. Nach dem Richterspruch dreht sich Ulvi K. in Richtung der Zuschauerreihen um. Er sucht nach seinen Eltern. Als er sie entdeckt, blickt er sie freudestrahlend an.

Der Fall Peggy gilt nun wieder als ungelöst. Eine Leiche des Kindes wurde nie gefunden, doch mit dem neuen Urteil fehlt nun auch der Täter. Ulvi K. selbst hatte am Dienstag gesagt: „Ich hab' die Peggy nicht umgebracht. Mein Wunsch ist, dass sie noch lebend gefunden wird.“

Fans von Ulvi K. wollen roten Teppich ausbreiten

Vor dem Bayreuther Justizpalast muss unterdessen Gerichtssprecher Thomas Goger für Ordnung sorgen. Die Fans von Ulvi K. sind außer Rand und Band. Ein Mann will auf den Eingangsstufen des Gerichtsgebäudes einen roten Teppich für Ulvi K. ausbreiten. Goger stoppt ihn. Nur ein paar Meter weiter hat eine andere Gruppe spontan einen Sektempfang organisiert. Eiligst werden ein Tisch und Sektgläser herbeigeschafft. An den Ampelmasten rund um das Landgericht haben die Unterstützer in Windeseile große Plakate angebracht. Darauf steht: „Herzlichen Glückwunsch lieber Ulvi“.

Als die Mutter der seit 7. Mai 2001 spurlos verschwundenen Peggy das Gerichtsgebäude verlässt und die Plakate sieht, bleibt sie erst einmal stehen. Sie holt tief Luft und ringt nach Worten. Dann bedankt sie sich - dafür, dass ihr während des Wiederaufnahmeverfahrens genügend Privatsphäre eingeräumt worden sei. Das Urteil will sie nicht kommentieren.

Am 30. April 2004 war Ulvi K. vom Landgericht Hof als Mörder der neunjährigen Schülerin zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden. Peggys Mutter aus Halle in Sachsen-Anhalt hatte damals erleichtert reagiert. „Ich kann jetzt mit der Sache abschließen“, hatte sie gesagt. Jetzt, nach dem Freispruch zehn Jahre später, sieht sie blass und angespannt aus.

Der Fall bleibt rätselhaft

Seit 2012 wird in dem Fall neu ermittelt. Eine Spur ist besonders heiß und führt zu einem ehemaligen Bekannten von Peggys Familie. Der 29 Jahre alte Mann aus Halle sitzt bereits wegen sexuellen Missbrauchs seiner Tochter im Gefängnis. Er hat mittlerweile zugegeben, auch seine Nichte missbraucht zu haben. Das Mädchen wohnte im selben Haus wie Peggy. Der Missbrauch soll nur kurz vor Peggys Verschwinden stattgefunden haben. In der Haftzelle des Mannes fand die Polizei ein Foto, das Peggy zeigt. Der Verdächtige hat laut Ermittlern kein Alibi.

Die Puzzleteile scheinen also zu passen - doch so war es damals auch bei Ulvi K. Der heute 36-Jährige war in Lichtenberg nicht nur wegen seiner geistigen Behinderung bekannt, sondern weil er sich auch immer wieder vor Kindern entblößte und einige sogar sexuell missbraucht haben soll. Deswegen befindet er sich in einem psychiatrischen Krankenhaus.

Als Peggys Mutter kurz nach dem Verschwinden ihrer Tochter von den Ermittlern nach möglichen Verdächtigen gefragt wurde, nannte sie spontan Ulvi K. Er ging in die Akten der Ermittler als Spur Nummer Zwei ein. Ob sie falsch oder richtig war, beantwortete das Landgericht Bayreuth mit dem Urteil nicht. Denn der Freispruch erfolgte am Mittwoch aus Mangel an Beweisen. Gerichtssprecher Goger: „Die Kammer hat weder die Schuld noch die Unschuld des Angeklagten eindeutig feststellen können.“ Der Fall bleibt rätselhaft.

dpa

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