Affing und Gebenhofen

Nach dem Tornado: Die tz berichtet aus dem Trümmerfeld

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Helfer arbeiten in Gebenhofen, einem Ortsteil der Gemeinde Affing an beschädigten Wohnhäusern.

Affing - Es wird noch Monate brauchen, bis die schlimmsten Wunden verheilt sind, die der Tornado in Affing und Gebenhofen gerissen hat. Die tz war auf vor Ort auf einem Rundgang.

Es ist ein gespenstischer Anblick, der sich am Freitagfrüh, kurz vor neun Uhr, im Affinger Neubaugebiet Auf der Höh bietet. Wo am Donnerstag noch alles durcheinanderwuselte und jeder anpackte, wo und wie er konnte, ist nun niemand zu sehen. Ein paar Autowracks sind zum Abholen bereitgestellt, die Schuttcontainer sind randvoll, die Dächer notdürftig mit Planen geflickt, fast alle Bewohner haben auswärts übernachtet. Hier hat am Mittwochabend der Tornado gewütet und diese kleine heile Welt regelrecht aus den Fugen gehoben.

Ein Paketbote fährt vor und gibt ein Packerl ab. Ein Stück Normalität kehrt zurück. Aus dem benachbarten Gebenhofen, durch das sich ebenfalls eine Schneise der Verwüstung zieht, dringt der Lärm von Motorsägen, Baggern und schweren Lkw. Das Aufräumen hat noch lange kein Ende – im Gegenteil. Es hat hier erst begonnen. Neben den Baufahrzeugen reihen sich schon die Kleintransporter der Fachbetriebe auf, Zimmerleute, Elektriker, Gerüstbauer, Dachdecker. Sie sind teilweise von weit her gekommen und wollen helfen. Gut dran ist, wer von seiner Versicherung schon grünes Licht bekommen hat: Da kann es gleich losgehen.

Seit Freitagfrüh ist das Großschadensereignis, wie es im Amtsdeutsch heißt, offiziell für beendet erklärt worden.

Auto schon verschrottet

Das war unser Auto auf diesem Foto von den Tornadoschäden. Heute früh ist es zum Verschrotten abgeholt worden. Das Haus ist unbewohnbar. Als unser Dach weggeflogen ist, waren die Kinder zum Glück nicht in ihrem Zimmer im Obergeschoss. Man realisiert es jetzt erst so langsam, was da eigentlich passiert ist, und es wird immer schlimmer.

Heike Steinherr (36) und Michael Funk (41) aus Affing

Die Leute wollen jetzt reden

Unsere Aufgabe ist es, da zu sein. Wir hören den Menschen zu. Am Donnerstag waren alle noch mit der Sicherung der Häuser beschäftigt, aber ich gehe davon aus, dass jetzt der Gesprächsbedarf steigt. Momentan sind 13 Leute im Einsatz. Mit unserem Team von der Psychosozialen Notfallversorgung sind wir noch bis mindestens Sonntag hier.

Notfall-Seelsorger Dr. Edgar Krumpen

Jeder muss jedem helfen

Ich habe das am Donnerstag im Fernsehen gesehen und den Aufruf im Internet gelesen. Da bin ich am Freitagfrüh in Waiblingen losgefahren und biete jetzt hier meine Hilfe an. Ich habe mehrere Dachdeckerkolonnen, die können sofort herkommen. Dafür stellen wir eben die anderen Baustellen zurück. Wir hatten vor zwei Jahren im Raum Stuttgart einen ähnlichen Tornado, da muss jeder jedem helfen.

Dachdecker Harald Emich (54)

Überwältigende Solidarität

Seit Mittwochabend ist die Welt eine andere für uns. Aber die Solidarität ist überwältigend. Die Leute kommen und fragen, wo kann ich helfen. Die Motivation ist auch am zweiten Tag ungebrochen und ich bedanke mich aufs Herzlichste bei allen. Menschen helfen Menschen – das erleben wir jetzt hier in Affing. Die Dächer sind dicht, die Stromversorgung funktioniert fast überall wieder. Nun müssen wir von der Gemeinde den weiteren Hilfebedarf koordinieren.

Bürgermeister Markus Winklhofer, Affing

Juni sollte Einzug sein

Am Mittwoch hätte hier der Innenputz rein sollen, Ende Juni wollte die Familie einziehen. Jetzt muss der Statiker prüfen, ob nicht alles bis zur Decke des Erdgeschosses abgerissen werden muss. Im Obergeschoss haben wir Reste einer Photovoltaikanlage gefunden, die stammt vermutlich aus dem Nachbarort. Das Haus, in dem der Bauherr mit seiner Familie jetzt noch wohnt, ist ebenfalls beschädigt. Ich weiß nicht, wie die das durchstehen.

Bauleiter Robert Schneider (42)

Kaum ein Auge zugetan

In der letzten Nacht habe ich zwei, drei Stunden bei Freunden geschlafen. Alle Baufirmen, die ich jetzt brauche, haben zugesagt. Die legen sofort los, wenn ich das O.K. von der Versicherung habe. Wir haben mehrere Wohnungen angeboten bekommen, aber spätestens Weihnachten wollen wir wieder in unserem Haus sein. Mein Zehnjähriger hat heute Hausaufgaben in Mathematik auf, der meckert. Aber es ist wichtig, dass die Kinder schnell zurück zur Normalität kommen. Mein achtjähriger Sohn hat gefragt: Papa, was machen wir, wenn so ein Sturm wieder kommt? Ich konnte ihm keine Antwort geben.

Klaus Weber (45), Sturmgeschädigter aus Affing

Statt Feiern im Einsatz

Die Sofortmaßnahmen sind jetzt abgeschlossen, seit Freitagfrüh ist das Großschadensereignis beendet und wir ziehen uns sukzessive zurück. Hier hat jeder zusammengeholfen, und das ist ein schönes Gefühl. Jetzt helfen wir, indem wir zum Beispiel Handwerker vermitteln. Hier melden sich Firmen aus ganz Süddeutschland. Es war auch ein Bus voller Feuerwehrler da, die eigentlich einen Vatertagsausflug machen wollten und sich spontan entschlossen haben, hierher zu kommen und zu helfen. Wir bleiben so lange hier, bis jeder die Hilfe bekommen hat, die er braucht.

Kreisbrandrat Ben Bockemühl (35)

Spendenkonto

Für die Opfer der Sturmschäden wurde bei der Sparkasse Aichach-Schrobenhausen ein Spendenkonto eingerichtet. Verwendungszweck Tornadohilfe Affing,

IBAN DE26 7205 1210 0000 0001 11, SWIFT-BIC BYLADEM1AIC

Meteorologe: Tornados sind kaum vorhersehbar

Was ist nur mit dem Wetter los? Plötzlich treten anscheinend immer mehr Tornados bei uns auf. Diplom-Meteorologe Dominik Jung vom Wetterportal wetter.net beantwortet dazu die wichtigsten Fragen:

Wie entsteht ein Tornado?

Dieser Tornado verwüstete die gesamte Innenstadt von Bützow (Mecklenburg-Vorpommern).

Dominik Jung: Heftige Gewitter sind immer eine gute Ausganglage für die Bildung eines Tornados. So war das auch am Mittwochabend in Schwaben. In der Gewitterwolke steigt warme Luft spiralförmig nach oben. Dabei werden Drehbewegungen immer schneller – wie bei einem Eiskunstläufer, der eine Pirouette dreht. Schließlich wird an der Unterseite der Gewitterwolke eine Art Schlauch sichtbar. Bekommt dieser Bodenkontakt, dann wird es gefährlich, denn: Der Tornado kann schwere Schäden anrichten, besonders dann, wenn er über bewohntem Gebiet tobt. Durch den Sog reißt er alles nach oben, was ihm in den Weg kommt. Wird er schwächer, dann fällt alles nach unten.

Sind Tornados in Deutschland normal?

Jung: Jedes Jahr gibt es in Deutschland weit mehr als 100 Verdachtsfälle, davon werden im Schnitt 50 bis 60 als Tornados bestätigt. Tornados gab es zudem schon immer in Deutschland. Nur sind sie nicht so bewusst wahrgenommen worden wie in der technisch weit fortgeschrittenen Neuzeit. Heutzutage hat jeder ein Smartphone zum fotografieren. In Sekunden können Beobachtungen ausgetauscht und publik gemacht werden. Und Deutschland ist durchaus Tornado-Land.

Wurde im Vorfeld genügend gewarnt?

Jung: Staatliche wie auch etliche private Wetterdienste haben in diesem Fall rechtzeitig vor schweren Unwettern gewarnt. Es wurde auch die Bildung von Tornados aufgezeigt. Doch eine räumliche und zeitnahe Warnung vor Tornados ist meteorologisch nicht möglich. Selbst auf aktuellen Radarbildern kann man lediglich erkennen, dass es aufgrund der Strukturen einen Tornado geben könnte. Hat sich der Tornado erst einmal gebildet, dann hat er oft nur eine Lebensdauer von wenigen Minuten.

Volker Pfau

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