Anpacken, aufbauen!

Nach Tornado: Aufbruchsstimmung in Affing

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Zwei Wochen nach dem verheerenden Tornado in Affing packen die Menschen allesamt mit an.

Affing - Vor zwei Wochen wütete ein verheerender Tornado in Affing. Jetzt herrscht dort Aufbruchsstimmung: Die Menschen packen an und bauen wieder auf.

Es ist ein ganz normaler Abend in einem Wohnhaus in der Schubertstraße in Affing. Jakob und Moritz haben gestritten, wie ein Sechsjähriger mit seinem dreijährigen Bruder eben streitet. Einer hat gebissen, der andere hat geschubst. Der dreijährige Moritz steigt die Treppe hoch zur Wohnung der Oma. Er will ihr die Kampfspuren präsentieren, die ihm sein großer Bruder Jakob verpasst hat. Mutter Cornelia Westphal zuckt die Achseln. „Heute Nachmittag haben sie Tornado gespielt.“

So sehr scheinbar Normalität herrscht, so sehr zeigt diese letzte Bemerkung, dass doch einiges anders ist in dem Dorf, durch das am Abend vor Himmelfahrt ein Tornado tobte. Jakob und Moritz seien mittags durch den Garten gerannt und hätten Äste und Stöcke hin- und hergeworfen. So wie der Wind in jener Nacht alles hin- und hergeworfen hat und dabei auch das Dach vom Haus der Westphals abdeckte. Und der ihren nur wenige Hundert Meter entfernten Neubau, in den sie im Sommer einziehen wollten, zur Bauruine machte. „Das THW wollte das Haus gleich noch in der Nacht mit dem Bagger plattmachen, wegen Einsturzgefahr“, sagt André Westphal.

"Das läuft wunderbarst"

Massive Sturmschäden haben etliche Dutzend Familien in Affing. Aber mit gleich zwei total beschädigten Häusern dürfte die junge Familie ziemlich einzigartig sein. Trotzdem gibt es während des gesamten Gesprächs kein Jammern und Wehklagen über das Schicksal, das so willkürlich zugeschlagen hat. „Für mich ist es fast schon Alltag“, sagt André Westphal. Der 34-Jährige blickt nach vorn. Und kann erleichtert davon reden, dass er jetzt Handwerker koordinieren müsse und die Rechnungen an seine Versicherung schicken kann. Um die Wiederherstellung des Neubaus kümmere sich komplett der Bauträger, der Einzug soll vielleicht schon im Spätsommer sein. „Wir brauchen uns da um nichts zu kümmern“, sagt der Flugzeugmechaniker erleichtert, „wir sind versichert.“

Das sind die drei entscheidenden Worte in diesen Tagen in Affing. Zwar sind wohl die meisten Menschen in den betroffenen Gebieten gegen Sturm- und Hagelschäden versichert, doch Affings Bürgermeister Markus Winklhofer weiß von einigen Bürgern, deren gesamte Existenz bedroht ist. Er ist froh, dass inzwischen Soforthilfe und Unterstützung aus dem Härtefonds gezahlt werden könne. „Es fließt bereits Geld“, sagt er, der Freistaat habe zehn Millionen Euro als Abschlag zur Verfügung gestellt. „Das läuft wunderbarst“, sagt Winkl­hofer erleichtert.

Man merkt ihm an, wie froh er ist, in diesen Tagen auch gute Nachrichten vermelden zu können. Affing blickt nach vorne. „Die Leute bauen die Häuser wieder auf.“ Es herrsche regelrecht Aufbruchstimmung, und nach wie vor sei die Hilfsbereitschaft überwältigend. Markus Winklhofer erzählt von den Kommunionskindern aus dem Allgäu, die alles Geld, das sie zu diesem Fest erhalten haben, an die Tornado-Opfer spendeten. Es waren 4700 Euro. Und er erzählt von einer Frau, die am Vortag mit einigen Kindern im Affinger Rathaus aufgetaucht war. „Die haben in der Nachbarschaft gesammelt und uns 87 Euro gebracht.“

Die Nachbarn sitzen seit dem Tornado jeden Abend zusammen

Das Zurück in den Alltag bedeutet für den Bürgermeister derzeit, die materielle und finanzielle Hilfe zu koordinieren, einen Schlüssel für die gerechte Verteilung der Spenden zu erstellen. Es gelte aber auch, die nächste Gemeinderatssitzung vorzubereiten und an Zukunftsprojekte wie eine Ortsumfahrung oder einen neuen Flächennutzungsplan zu denken. Dabei ist Markus Winklhofer nur zweiter Bürgermeister, ehrenamtlich, der eigentlich als Mediengestalter arbeitet und die Amtsgeschäfte nur führt, weil der erste Bürgermeister seit neun Monaten im Krankenstand ist (und vor wenigen Tagen seinen Rücktritt bekannt gab). „Ich schnaufe durch und weiter geht’s“, sagt Winklhofer. Er wird gebraucht, da müssen persönliche Befindlichkeiten zurückstehen. „Urlaub ziehe ich für mich derzeit nicht in Betracht.“ Die Anerkennung der Affinger ist ihm Motivation genug, „das tut gut und hält mich oben“.

Die Solidarität ist es, die Familie Westphal Kraft gibt. „Die Hilfsbereitschaft untereinander ist gigantisch“, sagt André Westphal. Man helfe sich, packe an. „Und wir sitzen seit dem Tornado jeden Abend mit den Nachbarn zusammen.“ Der Sturm hat sie zusammengeschweißt, gemeinsam verarbeitet man das Erlebte.

Und man tauscht sich aus. Da erzählt dann einer, dass ihm ein Baustoffhändler Dachziegel zum Stückpreis von vier Euro verkaufen wollte. Doch solche schwarzen Schafe scheinen zum Glück selten zu sein. Denn es gibt auch den Glaser, der am Tag nach dem Tornado alle Fenster eines Hauses notdürftig repariert und dafür keinen Cent verlangt hat.

Dass die Seelen-Normalität nicht mit der Baustellen-Normalität Schritt halten kann, dessen sind sich die Beteiligten bewusst. „Ich hoffe, dass die Dorfgemeinschaft gewinnt“, sagt der Bürgermeister. Familie Westphal hofft, dass ihre beiden Buben das Erlebnis gut verkraften. Jakob habe sich erklären lassen, wie ein Tornado entsteht. André Westphal aber weiß: „Bis zur Normalität ist es noch ein Haufen Arbeit.“

Volker Pfau

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