"So etwas trägt man ein Leben lang mit sich herum"

Wie die Retter von Bad Aibling den Einsatz verarbeiten

München/Seeshaupt - Vor gut vier Wochen passierte das Zugunglück von Bad Aibling. Viele Helfer müssen ihren Einsatz noch verarbeiten. Einige finden Halt in der Gruppe, anderen helfen Profis. 

Am Anfang quälten ihn die Bilder, immer wieder. „Wenn ich einen Meridian-Zug gesehen habe oder wenn ein Helikopter am Himmel kreiste, kam die Gänsehaut“, sagt Michael Ebert. Der 27-Jährige von der Freiwilligen Feuerwehr Großkarolinenfeld, Kreis Rosenheim, war beim Zugunglück von Bad Aibling im Einsatz. Er hat Opfer geborgen, sich um Verletzte gekümmert. Er hat funktioniert, als es darauf ankam. Aber als die Stromaggregate aus waren, als der letzte Hubschrauber abgedreht war, dann kam die Stille. Und mit ihr die Gedanken an das, was an diesem 9. Februar eigentlich passiert ist. „Tote und Verletzte haben wir schon viele gesehen“, sagt Ebert. Aber die aufgespießten Züge, der zerborstene Stahl – „da merkt man erst, wie hilflos man ist“.

Jetzt, am Montagabend, steht Michael Ebert mit vielen Kameraden in der Münchner Residenz. Die Politik sagt Dankeschön, noch einmal. Aber man hat auch das Gefühl, es tut den Helfern gut, zusammen zu sein. Zusammen mit Menschen, die dasselbe erlebt haben wie sie.

Manche stecken es besser weg als andere. Etliche Leichenteile mussten sie aus den Trümmern bergen. 

Gut vier Wochen ist das schwere Zugunglück her. Elf Menschen starben, ausgelöst wurde das Drama durch einen fatalen Fehler des Fahrdienstleiters. Gegen den 39-Jährigen ermitteln Polizei und Staatsanwaltschaft, Auskunft zum aktuellen Stand geben die Behörden derzeit nicht – der Fall sei zu komplex. Aber irgendwann wird es ein Gerichtsverfahren geben, irgendwann wird der juristische Teil der Tragödie abgeschlossen sein. Der Schmerz der Angehörigen bleibt – und die Belastung für hunderte Helfer. „In dieser Brutalität war der Einsatz eine große Belastung“, sagt Leonhard Stärk, Landesgeschäftsführer vom Bayerischen Roten Kreuz (BRK).

BRK-Helferin bereitet Retter auf die körperlichen und psychischen Folgen vor

Iris Schessl ist die Helferin für dieHelfer. Sie koordiniert in Oberbayern für das BRK die Kriseninterventionsteams und Mitarbeiter der „Stressbearbeitung nach belastenden Einsätzen“.

Iris Schessl weiß, wie lange man an einem solchen Einsatz zu kauen hat. Sie ist für das BRK in Oberbayern zuständig für den „Fachdienst der Psychosozialen Notfallversorgung“ – also für die Betreuung von Helfern und auch von Angehörigen. Sie wurde am Faschingsdienstag um kurz nach halb neun alarmiert. Die 48-Jährige aus Seeshaupt, Kreis Weilheim-Schongau, machte sich auf den Weg nach Bad Aibling, baute im Feuerwehrhaus mit ihren Kollegen eine Sammelstelle auf: „Dort konnte jeder nach seinem Einsatz vorbeikommen.“ Und erzählen, wenn er wollte. Wenn er nicht reden wollte, hat Iris Schessl ihm erklärt, was in den nächsten Tagen mit ihm passieren wird. Dass es normal ist, zu zittern. Nachts schweißgebadet aufzuwachen. Oder immer wieder die Bilder zu sehen. „Jeder“, sagt sie, „reagiert auf seine Weise.“ Aber es sei wichtig zu wissen: Da passiert etwas.

Soweit die akute Hilfe vor Ort. Es folgten einige Gesprächsrunden, an denen jeder vom BRK teilnehmen konnte. Jetzt, einen Monat nach dem Einsatz, der für viele der größte war, den sie je erlebt haben, sagt Iris Schessl: „Die Belastung sollte langsam nachlassen.“ Auch wenn die Erinnerung bleibt. Sie sagt, vielen gibt die Gruppe Halt. Vielen half der Gottesdienst in Bad Aibling kurz nach dem Unglück, oder der in der Frauenkirche am Montag. „Eine Art Abschluss“, sagt Iris Schessl. Und vielen gibt ein Zeichen wie der Empfang in der Residenz auch Kraft. „Jedem Helfer tut ein ,Danke‘ gut“, sagt sie.

800 waren eingeladen für Montagabend, viele sind gekommen. Feuerwehrler Michael Ebert hört mit seinen Kameraden Ministerpräsident Horst Seehofer zu, wie er alle Helfer als „rettende Engel in der Not“ bezeichnet. Neben Ebert steht Sebastian Hauenstein. Mit erst 20 Jahren hat er dieselben Bilder gesehen wie sein Kamerad. „Ich denke noch oft daran“, sagt er. „Aber das Reden hilft.“ Kurz nach dem Einsatz haben sich auch die Großkarolinenfelder Kameraden getroffen und über ihre Eindrücke gesprochen. Ebert sagt: „Mit jedem Gespräch wird es besser.“ Er rückt seine Feuerwehrmütze zurecht. Das Leben geht weiter.

Feuerwehrmann aus Bad Aibling: "Keinen Verletzten genau angeschaut"

Auch die Bad Aiblinger Feuerwehr ist in die Residenz gekommen. „Man entwickelt Mechanismen, um das Leid nicht zu sehr an sich ranzulassen“, sagt einer, der schon seit Jahrzehnten dabei ist. Sein Kamerad, ebenfalls Feuerwehr-Urgestein, war einer der ersten am Unfallort. „Ich weiß nicht, wie viele ich rausgezogen habe“, sagt der und blickt in die wuselnde Helfermenge im Kaisersaal. Doch seine Augen finden keinen Halt. Der leere Blick hat ihm auch im Einsatz geholfen. „Ich habe keinen der Verletzten genau angeschaut.“ Distanz schaffen, selbst wenn die Opfer so nahe sind.

Michael Ebert und Sebastian Hauenstein von der Feuerwehr waren beim Zugunglück im Einsatz – und am Montagabend beim Empfang in der Münchner Residenz. 

Krisenbetreuerin Iris Schessl sagt, dass sich junge Einsatzkräfte oft leichter tun, Hilfe zur Verarbeitung anzunehmen. Sie sehen das weniger als Zeichen von Schwäche als die Generation, bei der es noch hieß: Ein richtiger Mann weint nicht. Aber auch bei den alten Hasen gilt die Regel: Reden hilft. „Wenn einer nichts sagt, ist das ein schlechtes Zeichen“, sagt einer der Bad Aiblinger. Aber oft helfe nur das Gespräch mit den Kameraden. „Nur sie können das verstehen.“ Nicht die Familie. Nicht die Freunde. „Meine Frau hat mich nach dem Einsatz gefragt, was passiert ist“, sagt sein Kamerad. Er wusste nicht, was er ihr antworten soll. „Nur ein paar Brocken hinzuwerfen – das bringt doch nichts.“ Auch das Reden hat seine Grenzen.

Iris Schessl nennt das Prinzip: „Kollege hilft Kollegen“. Sie als ehemalige Rettungsdienstlerin hilft Rettungsdienstlern. Um einen Feuerwehrler muss sich ein Feuerwehrler kümmern. „Nur ein Kollege war schon mal in einer ähnlichen Situation“, sagt Schessl. Und manche brauchen die Hilfe erst, wenn sie glauben, sie sind schon über den Berg. „Jeder Einsatz ist wie ein Tröpferl“, erklärt sie. „Irgendwann läuft das Fass über.“ Bei einem gewaltigen Einsatz macht es manchmal „schwapp“. Und manche bringt eine Kleinigkeit aus dem Gleichgewicht.

Helfer: "So etwas trägt man ein Leben lang mit sich herum"

So wie den Feuerwehrmann aus Bad Aibling. Eigentlich dachte er, er habe den Einsatz gut weggesteckt. Aber als er am Abend nach dem Unglück noch einmal zu einem kleinen Einsatz ausrückte, traf er zwei Frauen, die am Marienplatz Kerzen für die Opfer anzündeten. Sie dankten ihm für seinen Einsatz. „Das hat mich aus der Bahn geworfen“, sagt er.

Nicht nur bei Menschen, die direkt am Zug mitanpackten, bleibt das Unglück im Kopf. Ernst Schütz, 40, koordinierte als Einsatzleiter die Kräfte der Malteser. Er sagt, „so etwas trägt man ein Leben lang mit sich herum“. Man könne die Bilder zwar zeitweise ausblenden. „Aber irgendwann kommt ein Einsatz, bei dem sie wieder hochkommen.“ Dann beginne die Aufarbeitung von vorne. Trotzdem: „Der Alltag kommt wieder.“ Und so lernt man zwangsläufig, mit dem Erlebten umzugehen. Abschalten lernen – „das ist das Allerwichtigste“, meint auch Thomas Schwaighofer vom Samariterbund Tirol in der Residenz. Der 29-Jährige sagt: „Man muss lernen, Feierabend zu machen.“ Dienstschluss auch im Kopf. Da müsse jeder seine Methode finden.

Schweres Zugunglück bei Bad Aibling - Die Bilder

Iris Schessl hat sich nach dem Einsatz in Bad Aibling auf ihr Pferd gesetzt. „Das ist gut für meine Psychohygiene“, sagt die Ehrenamtliche. Die Nachbetreuung von Einsatzkräften erfahre immer mehr Akzeptanz. Und das sei wichtig. „Wir schicken unsere Leute ins Rennen“, sagt sie. „Wir müssen sie auch gesund wieder rausbringen.“

Rubriklistenbild: © dpa

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