Nachhilfe in den Ferien

So floriert das Geschäft mit den guten Noten

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Der Kampf um gute Noten ruht heute auch in den Ferien nicht mehr. Immer mehr Schüler, darunter häufig die Guten, nehmen Nachhilfe. Pädagogen haben Verständnis, doch sollte es in den Ferien nicht nur um Schule gehen.

Immer mehr Schüler bekommen Nachhilfe, und schon lange nicht mehr nur diejenigen mit den schlechteren Noten. Auch Kinder und Jugendliche mit guten Zensuren lassen sich helfen und lernen in der Freizeit mit Profis.

Starnberg/München –  Bei aller berechtigten Kritik ist diese Entwicklung verständlich, sagen Pädagogen.

Nachmittags, in den Ferien und an Wochenenden büffeln – und das nicht alleine, sondern unter fachkundiger Aufsicht: Für viele Kinder und Jugendliche ist das Alltag. Immer mehr Schüler in Bayern bekommen Nachhilfe. So verzeichnet das Nachhilfeinstitut Studienkreis für das zu Ende gegangene Schuljahr einen außergewöhnlichen Zuwachs von etwa zehn Prozent im Vergleich zum Schuljahr davor. Das Institut Kumon verzeichnet sogar einen Anstieg von 21 Prozent in den vergangenen drei Schuljahren. Doch nicht nur der Anstieg ist etwas Neues, auch die Tatsache, dass immer mehr Schüler Nachhilfe nehmen, die das an sich nicht bräuchten: Bei der Schülerhilfe beobachtet Sprecherin Sabine Angelkorte, „dass im Laufe der Jahre mehr gute Schüler zu uns kommen, die freiwillig eine bestmögliche Note in der Abschlussprüfung erreichen möchten“.

Einen Grund hierfür sieht Benedikta Wunder, seit 36 Jahren als Gymnasiallehrerin tätig, in dem stetig steigenden Leistungsdruck. „Immer mehr Kinder besuchen ein Gymnasium und immer mehr Schüler bekommen ein Einser-Abi. Heute kann man mit einer zwei vor dem Komma bei Weitem nicht so viel anfangen wie vor 20 Jahren“, sagt die erfahrene Pädagogin, die am Gymnasium Kempfenhausen (Landkreis Starnberg) Fremdsprachen unterrichtet. In einigen Fällen sei Nachhilfe durchaus sinnvoll: Etwa nach einer Krankheit, bei Leistungseinbrüchen und vor einer Nachprüfung. Eine solche können Schüler mit zwei Fünfen im Zeugnis ablegen, und zwar in der Woche vor Beginn des neuen Schuljahres. „Auf eine Nachprüfung sollten sich Schüler nicht alleine vorbereiten müssen, es gibt gute Nachhilfeinstitute, die da unterstützen“, sagt die 63-Jährige.

Nichts hält sie von Dauernachhilfe das gesamte Schuljahr über. „Oftmals passen die Schüler dann im Unterricht nicht mehr auf“, sagt Wunder. Wichtig sei es, den Kindern selbständiges Lernen und Lernmethoden beizubringen, statt einfach nur auf Nachhilfe zu vertrauen.

In den Ferien Kräfte für das nächste Schuljahr sammeln

Schüler, die das Schuljahr bestanden haben, sollten in den Ferien neue Eindrücke und Kräfte für das nächste Schuljahr sammeln. „Nichts spricht aber gegen ein englisches Buch oder dagegen, die Matheregeln zu wiederholen.“ Wenn allerdings Eltern ihre Kinder zu Feriencamps anmelden, dann liege das häufig daran, dass sie selbst arbeiten müssen und die Kinder gut betreut wissen wollen.

Diesen Eindruck bestätigt Professor Ludwig Haag. Der 64-Jährige lehrt an der Uni Bayreuth Schulpädagogik und sagt: „Anregung in den Ferien muss sein. Wenn sich die Schüler sechs Wochen durchlangweilen, dann kann es sein, dass die messbare Intelligenz um drei Punkte sinkt.“ In den USA, wo die Sommerferien sehr lange sind, wurde deshalb das System der Summerschools entwickelt, damit die Kinder in den freien Wochen sinnvoll beschäftigt sind.

Besser, berufstätige Eltern geben ihr Kind in Nachhilfeinstitute, als sie sich selbst zu überlassen, findet Haag. Ansonsten bestehe die Gefahr, zu viel zu vergessen – vor allem in Mathematik und den Fremdsprachen. Haag, der jahrelang als Lateinlehrer arbeitete, weiß aus der Praxis, dass der Streit ums Lernen die Beziehung zwischen Eltern und Kind vor allem in der Zeit der Pubertät oft sehr belastet. „Wenn das der Fall ist und es jeden Abend darum geht, ob die Hausarbeiten gemacht wurden, dann tun manche Eltern gut daran, das Problem an den Nachhilfelehrer auszulagern, damit es zu Hause nicht nur noch um die Schule geht.“

Vor allem Fremdsprachen sind in den Augen von Haag ein Problem: „Der Stoff ist nirgendwo so geballt wie in Bayern in der gymnasialen Mittelstufe, hier sollte man deutlich entzerren“, kritisiert er. Doch helfe es ja nichts, die Kinder müssen da eben durch. „Sanfter Druck schadet nicht“, beruhigt Haag die Eltern: „Ich habe noch nie erlebt, dass ein Hirn geplatzt ist wegen zu viel Lernens.“ Dass Schüler häufig schlecht zu motivieren sind, selbständig zu üben, sei nichts Neues: „Früher schickte man sie ins Internat, das ist heute ziemlich aus der Mode, und so sind eben die Nachhilfeinstitute im Kommen“, sagt Haag.

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