Sie hängt im Landratsamt

Ist diese Nackte schon Sexismus?

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Kunst oder schon Sexismus? Das kritisierte Bild, das seit Jahren im Landratsamt hängt

Bad Neustadt - Die Sexismusdebatte stellt das Landrats­amt in Bad Neustadt vor eine Frage: Ist die Nackte zwischen Bafög-Stelle und Sozialamt hilf- und wehrlos?

Wann ist es Sexismus, wann einfach nur Kunst? Genau diese Frage stellt sich im Landrats­amt in Bad Neustadt (Kreis Rhön-Grabfeld) – passend zur bundesweiten Sexismusdebatte. Einziges Manko: Ein Mann hat diesmal gar nichts damit zu tun!

Worum es geht? Im Landrats­amt hängt zwischen Bafög-Stelle und Sozialamt seit Jahren ein Kunstwerk. Es zeigt eine nackte Frau. Ist sie hilflos, wehrlos? Dieser Meinung ist Grünen-Politikerin Birgit Zirkelbach. Täglich geht sie an dem Bild vorbei – und findet es fürchterlich. Die Frau wirke ausgeliefert – der Männerwelt, den Blicken. Auch anderen Frauen gehe es laut Zirkelbach so. Doch etwas zu sagen, habe sich niemand getraut. Und so ergriff die Grünen-Politikerin das Wort – und veröffentlichte das Bild auf Facebook mit den Worten „Hab’ heute bei dem zuständigen Entscheidungsträger eingefordert, dass dieses Ärgernis endlich aus dem öffentlichen Gebäude hier im Landkreis entfernt wird.“

Rock ist nicht gleich Sex: Umfrage zum Thema Sexismus

Die Sexismus-Debatte in Deutschland nach Rainer Brüderles Äußerungen ebbt nicht ab. Die tz-Reporter Susa Hartung (Text) und Markus Götzfried (Fotos) haben Münchner nach ihren Erfahrungen befragt: © dpa
Freundinnen wurden belästigt: Mir ist das zum Glück noch nie passiert, aber ich habe zwei Freundinnen, die schon sexuell belästigt wurden. Die eine ist mal im Schlaf von einem sogenannten Freund am Busen betatscht worden. Die andere hatte einen Arbeitskollegen, der ihr mehrmals offensiv gesagt hat, dass er gerne mit ihr schlafen würde. Sie hat sich dann bei ihrem Chef beschwert und der hat ihren Kollegen abgemahnt. Dann hat er auch aufgehört. Hannah Lang (22), Studentin aus München © Götzfried
Auch mir ist es passiert: Auch Männer können Opfer sexueller Belästigung werden, ich bin da das beste Beispiel. Ich hatte mal eine Kollegin, die sich mir immer genähert hat und die offensichtlich mehr wollte als nur ein normales Verhältnis zwischen Kollegen. Sie hat dann auch entsprechende Kommentare gemacht und sich mir richtig angeboten. Das war mir irgendwann wirklich unangenehm. Ich habe ihr dann gesagt, dass ich daran kein Interesse habe, dann hat sie aufgehört. Peter P. (56), Finanzberater aus Leipzig © Götzfried
Männer unter sich: Ich arbeite in der Autobranche und die Männer sind da größtenteils unter sich. Da fallen schon oft Bemerkungen, die unter die Gürtellinie gehen. Die Männer sind daran gewöhnt und meistens sind die Kommentare witzig gemeint. Ich glaube, dass sich da eine Frau sexuell belästigt fühlen könnte. Joshua R. (26), Ökonom aus Stuttgart © Götzfried
Rock ist nicht gleich Sex: Als Frau ist man oft Situationen ausgesetzt, wo man blöd angemacht wird und das Belästigung ist. Zum Beispiel beim Weggehen: Bloß weil man einen kurzen Rock anhat, heißt das noch lange nicht, dass man mit jedem gleich in die Kiste hüpft. Manche Männer verstehen das aber nicht. Da muss man dann wirklich vier- bis fünfmal Nein sagen und richtig böse werden. Das grenzt für schon sehr an sexuelle Belästigung. Ines L. (24), Webdesignerin aus München © Götzfried
Debatte darf nicht ausarten: Aus meinem Bekanntenkreis kenne ich keine Fälle von sexueller Belästigung, aber allgemein ist das schon ein Problem. Frauen sollten in Ruhe arbeiten und leben können, ohne schlüpfrige Kommentare oder Schlimmeres fürchten zu müssen. Aber die Diskussion sollte auch nicht ausarten, nicht, dass man einer Arbeitskollegin irgendwann nicht mal mehr ein Kompliment zu einem schönen Kleid machen kann, ohne dass einem gleich sexuelle Belästigung unterstellt wird. Johannes Kellner (21), Auszubildender aus Weiden © Götzfried
Reaktionen darauf sind geteilt: Ich habe Freundinnen, die in einem kleineren Betrieb arbeiten. Die haben mir erzählt, dass ihre Kollegen schon öfter mal anzügliche Kommentare fallen lassen, die offensichtlich in die sexuelle Richtung gehen. Obwohl sie sich einig sind, dass solche Sprüche nicht in Ordnung sind, gehen sie sehr unterschiedlich damit um. Die eine kontert immer recht blöd, während die andere gar nichts sagt, weil sie sich nicht aufregen will. Maria Huber (31), Masseurin aus Zürich © Götzfried
Kommt ständig vor: In meinem Berufsfeld ist sexuelle Belästigung ein großes Problem. Das fängt schon damit an, dass man bei manchen Tätigkeiten in der Leistengegend eines Mannes massieren muss und sich da dann was regt. Da kann der Mann ja manchmal nichts dafür, aber wenn dann so anzügliche Sprüche kommen wie „Das könnten Sie auch mal privat bei mir Zuhause für mich machen!“ reicht es mir wirklich. Katharina Götz (24), Physiotherapeutin aus Nürnberg © Götzfried

Auf Anfrage im Landratsamt heißt es, es werde ein Gespräch stattfinden, zwischen Landrat und Zirkelbach. Es dürfe aber nicht vergessen werden: Das Bild stammt von einer Frau. Die Künstlerin Steffi Mayer hat es gemalt. „Es ist kein sexistisches Bild, es zeigt viel mehr die Verletzlichkeit der Frau“, so die Kulturreferentin Dr. Astrid Hedrich-Scherpf. Alles halt Ansichtssache …

tz

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