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Neue Corona-Verordnung sorgt für Bürgertest-Chaos: Wer nun zahlen muss und wer nicht

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Von: Katrin Woitsch

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Neue Testverordnung: In seiner Gilchinger Apotheke muss Stefan Hartmann viele Fragen beantworten, auf die er selbst keine Antwort hat
Neue Testverordnung: In seiner Gilchinger Apotheke muss Stefan Hartmann viele Fragen beantworten, auf die er selbst keine Antwort hat. © Andrea Jaksch

Eine neue Corona-Testverordnung ist in Kraft getreten. Das Chaos ist groß: Weder Apotheker noch Testzentrumsbetreiber wissen, wie sie die neuen Regeln auslegen sollen.

Gilching/München – Stefan Hartmann hat die halbe Nacht über dem Papier gebrütet, das das Bundesgesundheitsministerium am Mittwoch veröffentlicht hatte. Wenige Stunden später sperrte er seine Apotheke in Gilching im Kreis Starnberg auf – und ahnte bereits, dass ihm ein chaotischer Tag bevorsteht. Die neue Corona-Testverordnung ist Donnerstag in Kraft getreten. Wenige Stunden, nachdem die Details bekannt wurden.

Künftig haben nur noch einige Personengruppen Anspruch auf einen kostenlosen Test (siehe Grafik unten). Wieder andere müssen drei Euro zuzahlen. Und wer in keine der beiden Gruppen fällt, muss die kompletten Kosten für den Test tragen. Das waren bisher 11,50 Euro, die Testzentren konnten die Summe über die Kassenärztliche Vereinigung abrechnen. Nachdem der Bund die Tests nun nicht mehr finanziert, geht das nicht mehr. Je nach Aufwand legen die Betreiber der Zentren einen Betrag fest. „Vermutlich wird es auf eine niedrige zweistellige Summe rauslaufen“, glaubt Hartmann. Er und seine Kollegen werden künftig viel erklären und diskutieren müssen. Aber das ist noch nicht mal seine größte Sorge. „Wer sich testen lassen will und Anspruch auf einen kostenfreien und vergünstigten Test hat, muss diesen Anspruch belegen.“ Aber das ist in den meisten Fällen nicht einfach.

Bayern: Neue Corona-Testverordnung sorgt für viele Fragezeichen

Schon nach einem halben Tag mit neuer Verordnung, die Karl Lauterbach (SPD) verkündete, hat Hartmann etliche Beispiele. In der Früh kam ein älteres Ehepaar. Ihr Sohn war mit ihnen im Urlaub, nun hat er Corona, wohnt aber nicht mehr zu Hause. „Beide müssen den Test zahlen.“ Zweites Beispiel: Jemand möchte eine Veranstaltung besuchen, für die es eine Testnachweis-Pflicht gibt. „Selbst eine Eintrittskarte reicht nicht aus, weil sie nicht personalisiert ist“, erklärt Hartmann. Den Apothekern stellen sich etliche Fragen. Die Behörden haben intensive Kontrollen angekündigt. Doch wie die Kunden in den Testzentren ihren Anspruch belegen können, weiß niemand.

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Wer muss zahlen und wer nicht: Mit dieser Grafik versucht Apotheker Hartmann, den Überblick zu behalten. Die 20 Euro sind ein Beispiel-Betrag. Die Summe für Selbstzahler wird wohl im niedrigen zweistelligen Bereich liegen
Wer muss zahlen und wer nicht: Mit dieser Grafik versucht Apotheker Hartmann, den Überblick zu behalten. Die 20 Euro sind ein Beispiel-Betrag. Die Summe für Selbstzahler wird wohl im niedrigen zweistelligen Bereich liegen. © FKN

Corona-Test: Neue Ablaufregeln - Apotheker fürchten Einbußen und Bürokratie

Das Bundesgesundheitsministerium schreibt, ein Besuch im Krankenhaus oder Pflegeheim müsse „der Teststelle gegenüber glaubhaft gemacht werden“. Auch von Online-Formularen, die in den Einrichtungen abgestempelt werden müssen, ist die Rede. „Wer einen Anruf vom Pflegeheim bekommt, dass es einem Angehörigen schlecht geht, der hat sicher keine Zeit, erst ein Formular auszudrucken, es abstempeln zu lassen, ins Testzentrum und dann wieder zum Heim zu fahren.“ Hartmann fürchtet, dass sich viele Menschen bald gar nicht mehr testen lassen.

Und als Vorsitzender der Deutschen Apothekerkooperationen ahnt er auch, dass sich für viele Apotheken das Testen nicht mehr rentieren wird. Zumal mit der neuen Verordnung auch die Materialbeteiligung und der Honoraranteil pro Test um je einen Euro gekürzt wurde. Der Bund habe über Nacht ein Bürokratie-Monster geschaffen, schimpft er. „Viele Apotheker werden das Testangebot einstellen. Und wenn die Infrastruktur erst mal runtergefahren ist, fährt sie keiner mehr hoch – auch nicht, wenn im Herbst wieder dringend Testzentren gebraucht werden.“

Derweil könnte München doch noch eine Absage der Wiesn 2022 blühen.

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