Neues Schulprofil: Eltern enttäuscht, Politiker begeistert

München - Mehr förderbedürftige Kinder an Regelschulen unterrichten: Das will Bayern mit dem neuen Schulprofil “Inklusion“ erreichen. Politiker sind begeistert, Elternvertreter sind enttäuscht, die Lehrer machen das Beste daraus.

23 Lehrerstunden pro Woche zusätzlich: Über diese Zuwendung des bayerischen Kultusministeriums an ihre Schule darf sich Johanna Marek freuen. Dass es aber im bayerischen Bildungssystem nichts umsonst gibt, weiß Marek, Rektorin der Grundschule an der Schrobenhausener Straße, nur zu genau. Das zusätzliche Personal hat ihre Schule als eine der 41 Schulen in Bayern mit dem neuen Schulprofil “Inklusion“ bekommen.

Gute Noten ohne Pauken? Schleimen will gelernt sein

Wer in der Schule gute Noten haben will, muss nicht unbedingt besonders schlau sein. Wichtig ist auch: Der Draht zum Lehrer muss stimmen. Wir geben euch wichtige Tipps, wie Ihr Eure mündlichen Noten ganz ohne tägliches Pauken aufpolieren könnt. © dpa
Melde dich, auch wenn du gar keine Ahnung hast. Beim Melden gilt: Der Finger darf erst nach oben, wenn sich mindestens sechs Leute bereits gemeldet haben. Sonst ist das Risiko zu groß. Solltest du doch drankommen, w iederhole einfach, was bereits der Vorgänger gesagt hat. © dpa
An deiner Schule wird gestreikt? Nichts wie ab mit dir ins Klassenzimmer. Dort kannst du dich mit deinem Lehrer über die Unreife deiner Mitschüler austauschen oder über den Sinn einer Demonstration diskutieren. Wichtig: Den Mitschülern später erzählen, dass du Brechreiz hattest und den Schulstreik leider auf dem Klo verbringen musstest. © dpa
Dein Lehrer wird auf „Spick mich“ fertig gemacht? Starte kurz vor der Stunde eine Diskussion über die Aussagen deiner Mitschüler auf dem Portal. Betone, dass der Unterricht von ihm doch gar nicht sooo schlecht sei. Nicht vergessen: Die Tür zum Klassenzimmer sollte offen stehen, sonst bekommt der Lehrer im Gang von deiner Aktion nichts mit. © dpa
Dein Lehrer hat ein besonderes Hobby? Dann kannst du beim Schulausflug mit einem Vorschlag Punkte sammeln. „Ach Herr X, der Besuch einer Orchideenzuchtstation wäre doch fantastisch.“ Die Kunst dabei: Was beim Lehrer glaubhaft ankommen muss, sollte von deinen Mitschülern als echter Brüller wahrgenommen werden. © dpa
Stelle blöde Fragen. Nichts ist so wirkungsvoll und zeigt dein geheucheltes Interesse besser. Voraussetzung ist, dass du dem Unterricht zumindest teilweise folgst. Bitte den Lehrer nie mit zu schwierigen Fragen überfordern. Offenbarst du sein Unwissen, wird er dir das nie verzeihen. © dpa
Zeige deinem Lehrer, dass sein Job nicht völlig sinnlos ist. Sage gelegentlich etwas Kluges. Das meiste steht in deinem Schulbuch. Einfach ablesen. © dpa
Wisch die Tafel. Dabei solltest du immer den letztmöglichen Moment abwarten. Der Lehrer muss dein Engagement ja auch bemerken. Auch hier gilt: Tue Gutes und rede darüber. „Also nächste Woche kann wirklich mal jemand anderes die Tafel wischen.“ © dpa
Frage deinen Lehrer nach der Stunde nach Lektüretipps. Das Problem dabei: Du musst nach ein paar Wochen zumindest in die Werke reingelesen haben. © dpa
Nutze die modernen Medien: „Herr Lehrer, steht dazu auch ein Beitrag im Internet?“ © dpa
Zeige ökologisches Bewusstsein. Besonders bei Biologielehrern ist es wichtig, sich als weltoffener Mensch mit einem Verständnis für Klimapolitik und gesunder Ernährung zu präsentieren. Bestes Beispiel: Den Mc Donalds um die Ecke meiden und sein eigenes Vollkornbrot mitbringen. © dpa
Rede über deine außerschulischen Engagements.  Nichts zieht so gut, wie im richtigen Moment einfließen zu lassen, dass du am Wochenende auf einer politisch korrekten Demo warst. Auch hilfreich bei der Image-Pflege: „Herr Lehrer, was würde eigentlich gegen eine einheitliche Schulkleidung sprechen?“ © dpa
Schaue gespannt auf das Gesicht deines Lehrers. Nichts ist so wichtig wie die Optik. Selbst wenn der Unterricht zum Sterben langweilig ist, musst du interessiert schauen. Denke dabei einfach an etwas Schönes und schenke der Lehrkraft in regelmäßigen Abständen ein Lächeln. © dpa

Bei der Aufgabe, Kinder mit besonderem Förderbedarf in den Schulalltag einzubinden, schmelzen die 23 zusätzlichen Stunden aber schnell dahin. Stemmen kann die Münchner Grundschule mit 262 Kindern die Aufgabe laut Marek nur durch das Engagement ihrer Lehrer für einen inklusiven Unterricht: “Für alle Lehrer hier ist das jeden Tag eine Höchstleistung. Das Kollegium hatte sich aber einstimmig für eine Bewerbung um das Inklusionsprofil ausgesprochen.“ Hinter dem Begriff des inklusiven Unterrichts steht die Idee, dass behinderte Kinder und Schüler mit besonderem Förderbedarf in Regelschulen unterrichtet werden, anstatt auf eine Förderschule zu gehen.

Seit 2007 schon unterrichtet Mareks Grundschule Schüler mit besonderem Förderbedarf und Regelschüler in gemeinsamen Klassen. Das neue Schulprofil, das es seit diesem Schuljahr gibt, weist nun die gesamte Schule offiziell als Ort der Inklusion aus. Zu diesem Zweck arbeiten die Grundschullehrer intensiv mit Lehrern der Förderschule zusammen, die an die Grundschule kommen.

“Die Erfahrungen in den letzten Jahren waren sehr positiv für uns alle. Der Umgang mit behinderten Menschen wird völlig normal, Vorurteile und Gefühle der Befangenheit fallen von einem ab. Es ist eine Bereicherung für beide Seiten und das allgemeine Schulklima“, berichtet Rektorin Marek vom inklusiven Unterricht mit emotional, sozial oder geistig besonders förderbedürftigen Schülern. “Dass förderbedürftige Schüler hier zur Schule gehen, ist heute gar kein Thema mehr. Das gehört bei uns an der Schule dazu.“

Grundlage für das neue Schulprofil ist eine Gesetzesänderung vom Juli 2011, der Landtag hat diese in einer seltenen Einhelligkeit ohne Gegenstimmen angenommen. In der Regel werden pro Profilschule laut Kultusministerium mindestens zehn Schüler mit besonderem Förderbedarf unterrichtet, macht also mehr als 400 Schüler bayernweit.

Das Profil ergänze bestehende Ansätze zur Inklusion wie zum Beispiel Kooperationsklassen oder Partnerklassen, lobt Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU): “Es gibt eine differenzierte Förderlandschaft in Bayern. Das Thema Inklusion haben wir ja ganz neu aufgesetzt innerhalb der letzten Jahre.“ Für das Profil stünden dieses Jahr 100 neue Lehrerstellen bereit, weitere 100 für 2012. Förderschulen werde es in Bayern laut Spaenle aber weiter geben. Aktuell werden dort rund 56 000 Schüler unterrichtet.

Ursula Walther, Sprecherin des Bayerischen Elternverbandes, begrüßt das neue Schulprofil, ihr geht das Gesetz aber nicht weit genug. “Der Landtag war viel zu zögerlich und liegt inhaltlich meilenweit von dem entfernt, was echte Inklusion ist“, sagt sie. “Die UN-Behindertenrechtskonvention versteht Inklusion als das Recht eines jeden Kindes, ganz normal mit anderen Kindern zu lernen. Dieses Recht findet seine Grenzen bei der Frage nach der Finanzierung.“

Viele Regelschulen müssten Anfragen von Eltern mit behinderten Kindern durch die Blume ablehnen, weil das Personal oder die Ausstattung zur Betreuung fehle. “Bayern liegt verglichen mit anderen Bundesländern bei der Inklusion behinderter Kinder auch dieses Schuljahr im letzten Drittel“, sagt Walther.

Schulleiterin Marek wünscht sich ebenfalls, dass inklusiver Unterricht an allen Schulen umgesetzt werden könnte. “Aber das geht nicht so einfach. Bestimmte Gegebenheiten müssen erfüllt sein, sonst ist das nicht machbar.“ Das zeigt sich auch an Mareks Grundschule selbst: Schwer körperlich behinderte Kinder etwa könne man nicht aufnehmen, denn die Schule sei nicht barrierefrei. Teure Bauarbeiten wären nötig. “Da müssten wir aber zuerst die Zustimmung der Stadt haben. Denn die müsste die Baumaßnahmen bezahlen.“

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

Auch interessant

Meistgelesen

Neue Corona-Regeln in Bayern: Söder verspricht wegweisende Lockerung für Kulturveranstaltungen
Neue Corona-Regeln in Bayern: Söder verspricht wegweisende Lockerung für Kulturveranstaltungen
Porschefahrer übersieht Audi: heftiger Zusammenprall - Sportwagen stark beschädigt
Porschefahrer übersieht Audi: heftiger Zusammenprall - Sportwagen stark beschädigt
Wetter-Warnung für Bayern: Erst schwere Gewitter - dann wird‘s ungemütlich
Wetter-Warnung für Bayern: Erst schwere Gewitter - dann wird‘s ungemütlich
Corona: München hofft auf Wiesn-Ersatz - Rosenheim macht schon Nägel mit Köpfen
Corona: München hofft auf Wiesn-Ersatz - Rosenheim macht schon Nägel mit Köpfen

Kommentare