Im Zillertal von Schneemassen mitgerissen

Oberbayer überlebt Lawinen-Drama

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Jakob M. im Schnee. Gut erkennbar die Flügel vom Rettungsrucksack.

München - Zugeschüttet mit Schnee, kaum Luft zum Atmen, doch dann hört Jakob M. ein Geräusch. Es knarrt – wie wenn jemand gräbt. Für Jakob ist es ein Geräusch, als käme es vom Himmel.

Der 24-jährige Installateur aus Söchtenau (Kreis Rosenheim) war am Sonntagmittag in Hochfügen beim Snowboarden von einer gewaltigen Lawine 150 Meter weit mitgerissen und verschüttet worden. Er lag 1,50 Meter tief, rundum nur eisige Kälte. „Das Abbrechen der Lawine habe ich natürlich gehört, ich habe nach hinten geschaut, und schon ging es dahin“, erzählte Jakob der tz. Seine wie große Schwimmflügel ausschauenden Lawinenairbags machten auf, hielten den jungen Mann einigermaßen oberhalb der dahinrasenden Massen. Doch das alles bekam Jakob gar nicht mit: „Ich habe keine Erinnerung daran, was unmittelbar nach dem Auslösen der Lawine passiert ist.“ Plötzlich war alles um ihn ruhig – und schwarz. Er fühlte noch, dass der Helm und die Brille weg waren. „Den Helm hat’s mir irgendwie runtergerissen.“

Jakob dürfte einem Menschen sein Leben verdanken, den er an diesem Tag erst kennengelernt hatte. Der Mann heißt mit Vornamen Simon und kommt aus Kanada. Sie waren sich oben an der Bergstation des Sessellifts über den Weg gelaufen und marschierten dann zwanzig Minuten weiter Richtung Gipfel des Metzen (2355 Meter, Hochfügen/Zillertal). Die Route über sehr steiles Gelände ist eine gängige Freerider-Abfahrt. „Dreimal sind wir schon runter, ohne dass irgendetwas auf eine Gefahr hingedeutet hätte“, berichtete Jakob am Mittwoch. Umso größer dann der Schock.

Doch sein Spezl hatte wie der Söchtenauer Handwerker ein Lawinensuchgerät dabei. Der Kanadier (31) konnte so den Verschütteten schnell orten und fing sofort mit dem Graben an. Weitere Wintersportler, die das Drama hautnah miterlebt hatten, kamen hinzu. Schließlich sahen sie die Haare des Verschütteten, der nach zehn Minuten endlich wieder Licht sah. Die Minuten waren dem Jakob „ewig“ vorgekommen. Auch die Bergretter waren nun schon vor Ort und schaufelten emsig mit. Der Oberbayer war gerettet und ansprechbar, ein Hubschrauber brachte den an der Schulter verletzten jungen Mann ins Krankenhaus Schwaz. Inzwischen ist er wieder daheim. Seine Stimme klingt noch etwas schwach, die Schulter, die gebrochen ist, schmerzt. Doch Jakob ist auch dankbar. Dass er die Lawine einigermaßen heil überstand, war Mittwoch nicht der einzige Grund zum Feiern – er hatte auch Geburtstag. Seinen richtigen, und nicht, wie man denken könnte, den zweiten.

Markus Christandl

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