Landrat wagt einen Erklärungsversuch für hohe Inzidenzwerte

Berchtesgaden bleibt Oberbayerns Corona-Hochburg: Warum sinken die Zahlen dort nicht?

Ein Willkommens-Plakat hängt über eine Straße in Berchtesgaden
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Willkommen in Berchtesgaden – über dieses Plakat können viele Bürger nur den Kopf schütteln. Trotz Lockdown findet dort die Rennrodel-Weltmeisterschaft statt.

Die Menschen im Berchtesgadener Land leben seit Mitte Oktober im Lockdown. Länger als alle anderen. Und trotzdem sind dort die Inzidenzwerte am höchsten in ganz Oberbayern. Landrat Bernhard Kern wagt einen Erklärungsversuch dafür.

  • Trotz Lockdowns seit Oktober sinken die Inzidenzwerte in Berchtesgaden nicht
  • Landrat Kern gibt auch den Bürgern die Schuld dafür
  • Stattfindende Rennrodel-Weltmeisterschaft sorgt für massive Kritik bei Berchtesgadenern

Der Abschied vom selbstbestimmten Leben begann für Andrea Eder (Name geändert) Mitte Oktober. Ihre Reinigungsfirma florierte. Dann rief Landrat Bernhard Kern den Lockdown aus – weil die Infektionszahlen im Berchtesgadener Land über eine Inzidenz von 200 geschnellt waren. Seitdem muss sie sich an etliche Vorgaben halten, finanzielle Hilfen hat sie noch nicht bekommen. „Mich macht das psychisch fertig“, sagt sie. Denn wie lange der Lockdown noch weitergeht, ist völlig ungewiss.

Obwohl Berchtesgaden schon zwei Wochen vor dem Rest von Bayern alles runtergefahren hat, sind die Inzidenzwerte nirgendwo im Freistaat so hoch wie dort. Während sich viele Landkreise wieder einer Inzidenz von 35 nähern, lag der Wert im Berchtesgadener Land vor wenigen Tagen noch deutlich über 200. Gestern ist er erst mal merklich gefallen – auf 148. Das ist ungefähr der Wert, bei dem der Lockdown im Oktober begonnen hatte.

Berchtesgaden ist schon lange eine Geisterstadt, etliche Hotels sind seit Wochen dicht. Und viele Geschäftsleute so verzweifelt wie Andrea Eder. Hannes Lichtmannegger aus Ramsau betreibt das Hotel Rehlegg, er hat viel Geld in das Haus investiert. Doch alle Hygienekonzepte und Vorkehrungen haben nichts geholfen. Die erzwungene Schließung hat ihn viel Geld gekostet, die Umsatzausfälle bewegen sich im sechsstelligen Bereich, erzählt er.

Die Inzidenzwerte für Berchtesgaden seit Beginn des lokalen Lockdowns Mitte Oktober

Der lokale Lockdown sollte eigentlich nur 14 Tage gelten. Tausende Urlaubsgäste mussten damals von einen auf den anderen Tag abreisen. Doch als zwei Wochen später ganz Bayern in den Lockdown ging, waren die Inzidenzwerte in Berchtesgaden über 300 geschossen. Anfang Januar lagen sie trotz aller Maßnahmen sogar bei knapp 350.

Landrat Bernhard Kern wagt einen Erklärungsversuch: „Die Grenznähe kann mit ein Grund sein, da auch andere grenznahe Regionen mit hohen Infektionszahlen zu kämpfen haben“, sagt er. Allerdings keiner so sehr wie Berchtesgaden. Wahrscheinlich leben einige ihr Leben so weiter wie vor der Pandemie, hatte Kern einmal vermutet. Andere seien vielleicht nachlässig geworden mit den Hygienemaßnahmen. Für solche Aussagen wurde der Landrat hart kritisiert. Auch Unternehmerin Andrea Eder ist sauer. „Ich fühle mich im Regen stehen gelassen“, schimpft sie. „Der Kurs, den das Landratsamt fährt, ist falsch.“

Den eigenen Wählern die Schuld in die Schuhe zu schieben, schlägt dem Fass den Boden aus.

ein Gemeinderat, der anonym bleiben möchte

Die Behörde hat damit aufgehört, im Detail auf Infektionsherde einzugehen. Kern hatte  ursprünglich das Gegenteil angekündigt: einen transparenten Weg. „Die Arbeit zur Bewältigung des Ausbruchsgeschehen hat Priorität und wird durch die gehäuften Nachfragen unnötig erschwert“, betonte er – und lobte die Arbeit im Krisenstab: „Das engagierte Zusammenwirken stimmt mich zuversichtlich, dass wir die Pandemie gemeinsam erfolgreich bekämpfen können.“ Die Realität ist: Seit langem ist die Stelle des Leiters im Gesundheitsamt unbesetzt, es gab falsch übermittelte Zahlen, die Kontaktverfolgung lief nicht immer optimal. Darüber verliert Bernhard Kern kein Wort.

In der Lokalpolitik regt sich mittlerweile Widerstand: Ein Berchtesgadener Gemeinderat bezeichnet die Aussagen und Entscheidungen des Landrats als „befremdlich“ – die Hals-über-Kopf-Abreisen tausender Gäste zum Beispiel. „Den eigenen Wählern die Schuld in die Schuhe zu schieben, schlägt dem Fass den Boden aus“, schimpft der Gemeinderat. Nun hat der Landkreis auch die Einreisesperre für Tagesausflügler wieder aufgehoben.

Nicht nachvollziehen können viele Bürger, dass seit gestern am Königssee wieder Hochbetrieb herrscht. Zumindest an der Eiskunstbahn. Dort findet die 50. FIL-Rennrodel-Weltmeisterschaft statt. Mit Sportlern aus aller Welt. Die Berchtesgadener müssen ihr Leben seit Monaten runterfahren – nun kommt die Welt zu Gast. Obwohl Zuschauer nicht erlaubt sind und es ein strenges Hygienekonzept gibt, sorgt das für massive Kritik bei den Bürgern. „Ich verstehe, dass es Bedenken gibt“, sagt Kern. Die Sportler würden sich aber mit ihren Betreuern isolieren. Viele Bürger können trotzdem nur den Kopf schütteln, wenn sie das Plakat sehen, das seit einigen Tagen am Ortseingang hängt. „Herzlich Willkommen in Berchtesgaden“, steht darauf.

Kilian Pfeiffer

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