Wie man trotz Schrecken den Mut behält

Zurück im Leben: Vier Geschichten von Leid und Zuversicht

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Sonja Exl mit ihrem Retter – Schlagersänger Michael Herz. Der Unfallfahrer hat sich übrigens nie bei ihr entschuldigt.

München - Die Osterzeit ist auch eine besinnliche Zeit. Hier erzählen vier Bayern, wie sie große Rückschläge im Privatleben erlitten und es geschafft haben, trotz aller Schrecken den Mut zu behalten.

Nein – man muss kein Christ sein, um mit dem Osterfest zu tun zu haben. Und es muss auch nicht immer um den Hasen und die süßen Eier gehen … Wenn wir mal einen kurzen Moment versuchen, die Hektik auszublenden und nachzudenken über das, was wirklich wichtig ist im Leben: Dann kommen wir auf Mut, auf Zuversicht, auf Vertrauen. Diese Eigenschaften zeichnen die vier Menschen aus, die wir Ihnen hier vorstellen möchten. Vier Bayern, die großes Leid erlebt haben, die geliebte Menschen verloren haben, die selbst mit dem Tod gerungen oder um ihre Existenz gebangt ­haben. Vier Leute, die trotzdem nicht aufgegeben haben, die gekämpft haben – und die jetzt wieder voll im Leben stehen. Das heißt nicht, dass sie unbeschwert wären. Das Leben hinterlässt ja seine Spuren … Aber: Diese Menschen haben gelernt, wie man mit diesen Spuren umgehen kann. Hier erzählen sie uns ihre ganz persönlichen Geschichten vom Wieder-Aufstehen. In diesem Sinne wünschen wir Ihnen, liebe tz-Leser, frohe Ostern!

Der tapfere Kampf der Sonja Exl (50)

Es ist Allerheiligen 2013: Sonja Exl ist mit ihrem kleinen Peugeot auf der A3 bei Deggendorf unterwegs. Ihr kleiner Hund Bella – ein süßer Yorkshire-Mischling – liegt gemütlich auf der Rückbank. Dann passiert es: Plötzlich kracht ein Auto von hinten in Sonjas Wagen, sie wird regelrecht nach vorne katapultiert – gut 100 Meter weit. Bis sie ungebremst in die Leitplanke knallt. Die 50-Jährige hängt bewusstlos über dem Lenkrad, als ihr Oberkörper zu brennen beginnt …

Der Moment, der Sonja Exls Leben für immer veränderte – gut 18 Monate ist er nun her. „Heute geht es mir wieder einigermaßen gut“, sagt die Fürstenzellerin der tz lächelnd – trotz der vielen Brandnarben in ihrem Gesicht. „Ich habe das Schlimmste hinter mir.“ Das Schlimmste – damit meint Sonja unter anderem die 20 Operationen: Zig Hauttransplantationen, ihr erster Halswirbel war bei dem Unfall gebrochen, ihre Milz angerissen. Knapp vier Wochen lag sie nach dem Unfall im künstlichen Koma. „Jetzt kann ich wieder gehen, sogar ein Auto habe ich mir wieder zugelegt“, erzählt die die ehemalige Reinigungskraft. Noch immer geht sie zur Reha – fast täglich.

Nein, Sonja Exl hat sich den Lebensmut nie nehmen lassen – hat immer für ihr Leben gekämpft. Denn als sie bewusstlos in dem brennenden Auto sitzt, kommt ihr ein Engel zur Hilfe. Sein Name Michael Herz. Der Schlagersänger ist im selben Moment auf der A3 unterwegs, nur auf der Gegenfahrbahn. Er sieht, wie das Auto der Niederbayerin in Flammen aufgeht. „Da habe ich wie automatisch reagiert“, erzählt Herz der tz. Er stoppt seinen Wagen, klettert über die Mittelleitplanke und zieht Sonja aus dem Feuer. „Ich wollte nur helfen.“

Das tat er. Sonja Exl weiß, dass sie ihrem Schutzengel das Leben verdankt. Dass sie so noch Zeit mit ihren Kindern verbringen kann, schöne Momente erleben darf – trotz der Narben. „An den Verbrennungen kann ich nichts ändern“, sagt die tapfere Frau. „Es muss ja irgendwie weitergehen – und ich setze mir Ziele, die mir Normalität zurückgeben.“ Einen neuen Hund will sie sich bald zulegen. Sonja Exl liebt Tiere, und ihre Bella überlebte damals den Unfall nicht. Der Hund lag mit gebrochenem Genick auf dem Autoboden. „Nein, Bella hatte nicht so viel Glück wie ich.“

Armin Geier

Hilde Gergs Drama

Mit ihrem zweiten Ehemann Marcus Hirschbiel ­erwartet Hilde Gerg im Sommer ein Baby.

Ein Berggasthof auf 1498 Metern. Hilde Gergs (39) Kindheit verlief ruhig und idyllisch. Zur Schule fuhr sie acht Jahre lang auf Ski, später machte die Lenggrieserin den Sport zu ihrem Beruf. 1994 gewann sie als Juniorin den Weltmeistertitel im Super-G, vier Jahre später wurde Gerg in Nagano Slalom­olympiasiegerin. Den Kurs für den Goldlauf steckte DSV-Techniktrainer Wolfgang Graßl, ihr späterer Ehemann. Erfolgreich, verheiratet, zwei Kinder – Gerg führte ein gutes Leben. Bis das Schicksal eingriff. Am 12. April riss eine Ruptur der Hauptschlagader Wolfgang aus dem Leben. Gerg war Witwe und musste sich plötzlich alleine um Anna und Wolfgang jr., damals drei und ein Jahr alt, kümmern.

„Sich ins Leben zurückkämpfen, ist eine Floskel“, sagt Gerg der tz. „Aber ich musste lernen, meine neuen Lebensbedingungen anzunehmen.“ Ihre Kinder waren Hilfe, aber auch Herausforderung: „Natürlich helfen Kinder, weil durch sie der Alltag geplant ist und viel Freude ins Leben kommt. Aber als alleinerziehende Mutter muss man viel organisieren, das war nie mein Traum.“ Es dauerte, bis sich Gerg darauf einstellen konnte, aber es gelang. Auch zum Tod hat sie seitdem eine klare Einstellung. „Ich bin der Meinung, dass der Tod in unserer Kultur viel zu negativ gesehen wird. Jeder Mensch, der auf die Welt kommt, wird irgendwann sterben.“

Knapp drei Jahre nach dem Verlust lernte die ehemalige Skifahrerin eine neue Liebe kennen. Im September 2013 kam Gerg wegen Schulterproblemen in die Praxis von Physiotherapeut Marcus Hirschbiel (41). Die beiden waren sich sympathisch, diskutierten viel, auch über Gergs Gesundheitsmanagement-Studium. Mittlerweile sind sie verheiratet und erwarten ihr erstes gemeinsames Baby, Gerg ist im sechsten Monat schwanger. Ob Junge oder Mädchen, sie lassen sich überraschen. Die Vorfreude auf das neue Familienmitglied ist bei allen sehr groß. „Ich wollte immer drei Kinder. Es ist schön, dass aus einer neuen Liebe noch einmal ein Kind entsteht, mal sehen, wie es wird.“

Auch Hirschbiel hat aus einer früheren Beziehung einen Sohn, er ist genauso alt wie Wolfgang. Windelwechseln ist für ihn kein Fremdwort. Gerg: „Marcus hat einen tollen Umgang mit seinem Sohn. Auch meine Kinder mögen ihn. Er wird das super im Griff haben.“ In Bezug auf den verstorbenen Papa ist der neue Mann an ihrer Seite sehr offen. „Wolfgang ist nicht vergessen, natürlich kommen wir ab und an auf ihn zu sprechen. Das ist kein Tabuthema bei uns, das macht es für die Kinder einfacher, die Situation zu verstehen.“ Bevor sie im Sommer ihr Geschwisterchen begrüßen dürfen, feiert die Familie am Wochenende das Osterfest und ihr neues, gemeinsames Leben. Auch für Anna und Wolfgang wird’s aufregend, schließlich geht’s ums Suchen und Finden der Ostereier. Bei schönem Wetter draußen, sonst drinnen. „Je nach Schneelage“, sagt Gerg.

Mathias Müller

Jochen Schweizer: Nur das Jetzt zählt

Chef, Sportler, extremer Mensch: Jochen Schweizer in seinem Büro hinter dem Ostbahnhof.

Zwei Mal ist er knapp dem Tod entgangen, hätte fast seine Firma verloren.Trotzdem zählt Jochen Schweizer (57) zu den erfolgreichsten deutschen Geschäftsleuten, führt eine Unternehmensgruppe mit 21 Firmen. „Es gab in meinem Leben mehrere Situationen, an denen ich hätte scheitern können, wenn ich es zugelassen hätte“, sagt der Ex-Stuntman. „Aber für mich gab es nie die Option, aufzugeben.“

In den 70ern kentert er beim Kajaken in der Loferschlucht, wird in die Tiefe gerissen und bleibt unter Wasser in einer unterspülten Felswand im Treibholz hängen. Er hat den Tod vor Augen, doch Angst empfindet er nicht. „Nur Bedauern. So ein Gefühl wie: Schade, dass es schon vorbei ist. Ich bin doch noch so jung“, erinnert sich Schweizer. Er wird gerettet und überlebt. Im Mai 1984 das nächste Unglück im Tal der Sesia am Lagio Maggiore. An einem Wasserfall verliert er die Kontrolle über sein Boot: Es taucht senkrecht ins Wasser ein und verkeilt sich im Felsen. „So ein Vertical Pin ist töglich, das wusste ich sofort“, erinnert sich Schweizer. „Und auch, dass mir nicht viel Zeit bleibt.“ Beim Versuch, sich zu retten, bricht er sich beide Beine. „Nie werde ich das peitschenartige Reißen aller Bänder vergessen, als ich aus dem Boot komme.“ Es braucht eine mehrstündige Operation und eine lange Reha, bis er wieder laufen kann.

2003 gerät Schweizer in eine schwere Krise: An seiner Bungee-Anlage in Dortmund reißt ein Seil, ein junger Mann (31) stürzt in den Tod. Schweizers Firma steht kurz vor dem Aus. Seine Berater raten ihm, Konkurs anzumelden. Aber er verkauft seinen gesamten Besitz und riskiert alles, um das Unternehmen wieder in die Spur zu bringen. Mit Erfolg: Heute verkauft er 600 000 Erlebnisse im Jahr, von der Massage bis zum Jetfliegen.

„Letztlich geht es im Leben immer darum, einmal mehr aufzustehen, als man hingefallen ist“, sagt Schweizer, der auch als Motivationsredner Vorträge hält. „Nur dann ist man am Ende der Gewinner.“ Für ihn war immer klar: Aus Fehlern lernt man, aber man wird immer weitergehen. „Wer sich in einer Krise befindet, sollte sich auf seine Stärken besinnen und nicht an den Schwächen arbeiten“, rät der Münchner. Und sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Schweizer etwa ist großer Anhänger von Zen-Mediation und Yoga, schaltet jeden Tag beim Kanufahren ab. „Zwischen Vergangenheit und Zukunft gibt es nur einen Augenblick – der ist das Leben.“

C. Meyer

Angela Wiedl trauert um ihren Engel

Es ist der fürchterlichste Albtraum aller Eltern. Wenn das eigene Kind stirbt, stürzt die Welt ein. Volksmusik-Star ­Angela Wiedl (48) brach es fast das Herz. Mit fünf Jahren, am 13. Juni 2005, stirbt ihr kleiner Sonnenschein ­Angelina an der seltenen Nervenkrankheit ADEM (Akute disseminierte Enzephalomyelitis). Der Tod der Tochter (aus der Ehe mit Walter Schmidt) zieht die Scheidung nach sich, die Karriere pausiert, eine tiefe Lebenskrise folgt. „Ich habe damals heftige Schmerzen am Herzen gespürt, so als ob mir jemand das Organ zudrückt. Der Arzt hat nichts gefunden – es waren einfach richtige Herzschmerzen.“

Angela Wiedl mit ihrem Uwe. Nein, ihr Lächeln ist nicht unbeschwert – es ist wissend, geprägt von den Erfahrungen des Lebens. Dazu gehört Leid, aber auch Dankbarkeit.

Angela Wiedl nimmt in ihrer Verzweiflung, ihrer Wut, ihrer unendlichen Trauer auch professionelle Hilfe einer Psychotherapeutin in Anspruch. Doch nur eines hilft ihrer Seele wirklich: „Mein Glaube. Ich lege mein Leben in Gottes Hand – und wie es kommt, nehm’ ich es an.“ Für das Kraftschöpfen aus dem Glauben hatte Wiedl ein wichtiges Vorbild: „Meine Oma. Sie hatte sechs Kinder, zwei davon sind gestorben, eines mit sechs Jahren. Und sie ist nicht verzweifelt. Sie machte ihr Morgengebet, sie ging in die Kirche, sie hat ihr Leben in Gottes Hand gelegt. Und deshalb war sie auch frohen Herzens.“

Das Gespräch mit Gott sucht Wiedl nicht nur in der Kirche. „Ich kann überall beten. In der Natur ist es für mich besonders schön, und damals bin ich jeden Tag raus.“ Auch, um zu weinen. „Ich habe mir wirklich die Seele aus dem Leibe geweint. Dann habe ich wieder angefangen zu singen, denn auch das befreit die Seele ein Stück weit. Allerdings konnte ich den Applaus nicht ertragen. Sofort nach dem Auftritt bin ich runter von der Bühne und habe wieder geweint.“

Mittlerweile kann sie den Applaus sehr gut ertragen. Für den Volksmusik-Star ist vor knapp drei Jahren noch einmal ihr größter Wunsch in Erfüllung gegangen: Sie ist noch einmal Mama geworden. Gina-Maria kam am 22. Juni 2012 zur Welt. „Ich bin wieder glücklich“, sagt Wiedl heute. „Ich bin sehr froh, dass mein Mann sich entschlossen hat, mit mir noch mal ein Kind zu haben, denn er hat ja schon vier Kinder aus erster Beziehung.“ Ihr Mann, der Frontmann der Volksmusik-Gruppe Schäfer, Uwe Erhardt, hat ihr durch die schwerste Zeit ihres Lebens geholfen. „Es gab ja eine Zeit, da habe ich das Kinderzimmer von Angelina nicht mehr betreten können.“

Heute trägt die kleine Gina-Maria sogar Kleidung ihrer großen Schwester. „Wir führen sie da ganz langsam ran. Wir nehmen sie mit aufs Grab und sagen: ,Da liegt deine große Schwester.‘ Und natürlich sieht sie auch die Fotos von Angelina.“ Wie auch die große Schwester liebt Gina-Maria die Musik, darf bei den Konzerten ihrer Eltern in der ersten Reihe sitzen – am liebsten auf dem Schoß ihres Onkels oder einer Freundin der Mama. „Wir wissen, was das jetzt für eine kostbare Zeit ist. Und die wollen wir intensiv erleben.“

Auch wenn für Angela Wiedl wieder die Sonne scheint: „Der Schmerz bleibt, aber er wird leichter.“ Die Trauer ist der Dankbarkeit gewichen: „Ich bin dankbar, dass ich diese kurze, aber schöne und glückliche Zeit mit meiner Tochter hatte.“

Maria Zsolnay

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