Geschichten vom Petersplatz

Papst-Abschied: 30 Löwen-Fans dabei

München - tz-Redakteur David Costanzo war beim Papst-Abschied vor Ort in Rom. Er erzählt Geschichten vom Petersplatz - wo er auch auf Pasinger und 30 Löwen-Fans traf.

So bayerisch war der Petersplatz in Rom selten: Hunderte Pilger schwenkten zwischen den rund 150 000 Gläubigen und Schaulustigen weiß-blaue Fahnen. Als dann nach der letzten Ansprache des bayerischen Papstes die Traunsteiner Blaskapelle „Gott mit dir, du Land der Bayern“ anstimmte, übermannten auch Benedikt XVI. die Heimatgefühle: „Ich danke der Traunsteiner Blaskapelle, dass sie die Bayernhymne so schön gespielt hat“, wandte sich der Papst sichtlich erfreut an seine Landsleute. An dieser Stelle der rund eineinhalbstündigen letzten Generalaudienz gab es für die vielen Pilger aus dem Freistaat kein Halten mehr: Sie schwenkten ihre Fahnen und reckten Gruß-Transparente in die Höhe, als der gerührte Papst seinen Landsleuten „ein herzliches vergelt’s Gott“ zurief und sagte: „Der Herr segne euch und die Kirche in unseren Landen.“

Nur die mit 80 Mann angerückten Gebirgsschützen durften ihrem Ehrenmitglied Joseph Ratzinger kein Salut schießen: Die italienische Polizei erlaubte ihnen das Einführen der Karabiner nicht. Der 85-Jährige Papst genoss das Bad in der Menge sichtlich. Während seiner letzten Generalaudienz fuhr Benedikt in einem seitlich offenen „Papamobil“ über den Petersplatz. Mehrmals hielt er an, um Kinder zu küssen und sie zu segnen. Emotionale Szenen, die selbst einigen Kardinälen Tränen in die Augen trieben …

David Costanzo

Papst Benedikt: Die schönsten Fotos von der Abschiedsaudienz

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„Sehr, sehr dankbar“

Während der Audienz saßen Ministerpräsident Horst Seehofer und seine Frau Karin in der ersten Reihe, danach hatten sie noch ein privates Treffen mit dem scheidenden Pontifex. Bayern und Deutschland seien ihm „sehr, sehr dankbar“, sagte Seehofer zu Benedikt XVI. „Wir sind aber auch traurig.“ Erneut lud er den Papst in die bayerische Heimat ein. „Die Antwort war ein sehr nettes Schmunzeln“, berichtete der Ministerpräsident. Der Papst habe Bayern alles Gute gewünscht und dabei einen „aufgeräumten Eindruck“ gemacht. Ein erneuter Besuch Benedikts gilt als ausgeschlossen.

Diese Männer könnten Papst werden

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Unser Kardinal gut gelaunt

Und er zeigt sich doch: Kardinal Reinhard Marx begrüßt die bayerischen Pilger auf dem Petersplatz. Auf den Straßen für das Papamobil marschiert er ein – schüttelt Hände bei Vertretern des Bistums Passau und seiner eigenen Schäf­chen aus München und Freising und lässt sich fotografieren. Großes Hallo gibt es auch bei Löwen-Fans, er hat ja auch schon ein Spiel gesehen. Mehr als ein Gruß ist dem Erzbischof aber nicht zu entlocken, er hat sich vor der Papstwahl eine Art Schweigegelübde auferlegt. Marx zählt mit seinen 59 Jahren zu den Erst- und Jungwählern im Konklave, er gilt aber als durchaus einflussreich unter den Kardinälen. Immerhin gibt es das Gerücht, dass er am heutigen Donnerstag im Petersdom die Messe für die bayerischen Pilger zelebriert.

„Wir bleiben im Gebet verbunden“: Die Ansprache des Papstes

Papst Benedikt XVI. winkt bei seiner letzten Generalaudienz auf den Petersplatz

„Liebe Brüder und Schwestern! (…) Wir wissen, das Wort der Wahrheit des Evangeliums ist die Kraft und das Leben der Kirche. In dieser Gewissheit habe ich vor knapp acht Jahren ja dazu gesagt, das Amt des Nachfolgers Petri anzunehmen. Und der Herr hat mich immer geführt und war mir nahe – in Zeiten der Freude und des Lichts, aber auch in schwierigen Zeiten. Wie Petrus und die Jünger im Boot auf dem See von Galiläa wusste ich, der Herr ist im Boot, ja, es ist sein Boot. Er führt das Schiff der Kirche. (...)

Ferner ist ein Papst nicht allein, wenn er das Schifflein Petri lenkt. So danke ich allen, die mir in der Ausübung des Petrusamtes geholfen haben. Bei den Audienzen, bei den Pastoralreisen und den vielen Begegnungen konnte ich die Zuneigung und Liebe unzähliger Menschen zum Nachfolger Petri spüren. Sie alle schließe ich in mein Gebet ein und ebenso die ganze Welt. Schließlich danke ich euch allen, dass ihr meine Entscheidung, die ich vor dem Herrn zum Wohl der Kirche getroffen habe, mit Respekt und Verständnis aufgenommen habt. Ich werde weiterhin den Weg der Kirche im Gebet begleiten. Ein herzliches „Vergelt’s Gott“ sage ich allen Brüdern und Schwestern deutscher Sprache – euch, liebe Freunde, die ihr zu dieser letzten Generalaudienz meines Pontifikats gekommen seid, und allen zu Hause. Gott leitet die Kirche. Der Herr trägt sie immer, gerade auch in schwierigen Zeiten. Diese Sicht aus dem Glauben wollen wir nie verlieren. Wir dürfen stets gewiss sein, dass der Herr uns nahe ist, uns nicht verlässt und uns stets mit seiner Liebe umfängt. Im Gebet bleiben wir miteinander verbunden. Von Herzen segne ich euch alle.“

Geschichten vom Petersplatz

Sie wollten Benedikt XVI. noch einmal zeigen, dass er in seiner Heimat viele Anhänger hat: Hunderte Pilger aus Bayern, viele in Tracht, wagten sich ins Menschenmeer auf dem Petersplatz, um Abschied zu nehmen vom bayerischen Papst. tz-Reporter David Costanzo war mittendrin – und sprach mit den Pilgern über ihre Gefühle an diesem historischen Tag.

Eine Träne zum Abschied

Sie hat eine Träne verdrückt, als sie seine Stimme gehört hat. „Die ist mir so vertraut“, erzählt Martha Korsiska aus Traunstein. „Aber er hat ja so müde geklungen.“ Die 82-Jährige kennt den Papst schon ganz lange, weil ihr Bruder mit den Ratzingers studiert hat. „Joseph war ein Freund unseres Hauses“, erzählt die Seniorin aus Traunstein, die ihn als junges Mädchen erlebte, sie ist drei Jahre jünger als Joseph Ratzinger. „Aber ein bissl ein Streber war er schon “, verrät sie. „Aber als Papst hat er sich so gut gemacht.“ Mit rund 300 Traunsteinern, der Blaskapelle und den Gebirgsschützen hat sie die Reise in einem der fünf Busse auf sich genommen, hat die Tracht angezogen und hält jetzt ein riesiges Banner der Stadt. „Das ist ein unsagbares Gefühl. Aber ich kann ihm nur gratulieren für den Mut, zurückzutreten.“ So kann sie ihn noch einmal erleben – wahrscheinlich das allerletzte Mal. „Aber ich hoffe sehr, dass er noch einmal nach Bayern kommt.

Prost auf den Papst

Sie können anfangs gar nicht mitsingen – so überrascht sind die Gebirgsschützen, als plötzlich die Bayernhymne ertönt! Mit fast 100 Mann in Montur aus allen 47 Kompanien sind sie zur Stelle. „Wir haben den Papst mit unserer Armee immer begleitet“, sagt Georg Mair (61) aus Murnau. „Das ist uns eine Verpflichtung – vom Anfang zum Ende.“ Landeshauptmann Karl Steininger sitzt auf der Ehrentribüne. Langwaffen und Säbel mussten sie zu Hause lassen, dafür gibt’s selbst gemachten Marillenbrand. Sepp Weingand (67) aus Eschenlohe, Peter Singer (49) aus Bad Tölz, Kathrin Egner (29) aus Garmisch und Leutnant Mair sagen „Prost“!

Den Nerv getroffen

Bewegendes Auswärtsspiel für die Löwen-Fans auf dem Petersplatz – und ein bissl voller als in der Allianz Arena ist es schon! Die Fanbeauftragte hat wieder eine Reise nach Rom für 30 Schlachtenbummler organisiert – schließlich ist der Papst Ehrenmitglied beim TSV 1860 München. Und der Papst-Abschied hat Robert Kinney, Rupert Seitz von den Löwenfreunden Schwarzenbach, die ehemalige Aufsichtsrätin Christina Jodlbauer und ihren Mann Werner (von links) tief bewegt: Die Löwen wurden sogar bei der offiziellen Begrüßung erwähnt! Und mit seiner Ansprache hat Benedikt den Nerv der Fans getroffen – allen kamen die Tränen. Seitz sagt: „Das darf in so einem Moment auch sein.“

Freude an diesem Tag

Zwei Pasinger haben die vielleicht größte Bayern-Fahne unter allen Gläubigen: Die Geschwister Cäcilia (26) und Korbinian Kleber (28) haben die lange Stange zerlegt durch die strengen Sicherheitskontrollen wie am Flughafen geschleust. „Wir haben die Fahne schon zum Weltjugendtag 2005 in Köln selbst gemacht“, erzählt Cäcilia. Ein Jahr später beim Papst-Besuch flatterte sie wieder im Wind. Jetzt sind sie elf Stunden mit ihren Eltern im Auto nach Rom gefahren, auf dem Petersplatz haben sie sich schon um kurz nach sechs Uhr angestellt. „Das soll dem Papst eine Freude bereiten“, sagt Korbinian. „Wir wollen ihm danken. Seine Bedeutung wird in Deutschland leider unterschätzt.“

Viel Ehre dem Ehrenmitglied

Sie tragen ihre Farben in den Vatikan: Die Katholisch Bayerische Studentenverbindung Rhaetia verabschiedet ihr Ehrenmitglied Joseph Ratzinger. „Das war sehr anrührend. Ich bin sehr froh, dass ich persönlich da war. Das ist ganz was anderes“, schwärmt Maximilian Wilhelm (64, links), der stellvertretende Philister­senior der einzigen rein bayerischen Verbindung. Die 450 Mitglieder fechten nicht. Denn Katholiken greifen nicht zur Waffe.

Der Direktor gab schulfrei

Es ist das Motto des Tages: „Vergelt’s Gott“ steht auf den Fahnen der 40 Schüler, Eltern und Lehrer des Studienseminars St. Michael in Traunstein. In dem Internat hat Papst Benedikt als Bub gelebt und so wie die Schüler noch heute das Chiemgau-Gymnasium besucht. Die Schule hat ebenfalls eine große Abordnung entsendet – mit einem riesigen Banner. „Der Schuldirektor hat den Schülern für die Fahrt extra frei gegeben“, erzählt Internats-Erzieher Stefan Ströher (53). Vor der Wahl zum Papst besuchte Joseph Ratzinger die Traunsteiner jedes Jahr für ein paar Tage. „Wir haben immer noch eine große Verbundenheit.“

Rubriklistenbild: © David Costanzo

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