Oh Gott hilf, wir saufen ab!

Passau kapituliert vor historischem Hochwasser

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Die Bürger Passaus greifen zu allen Mitteln.

Passau - Das fluterprobte Passau kapituliert vor dem größten Hochwasser in der Geschichte der Stadt. Die Menschen sind verzweifelt. Der Strom musste sogar abgeschaltet werden.

Es regnet in Strömen. Bundeswehr- Hubschrauber kreisen über der Altstadt Passaus. Die Rotoren surren laut. Gleichzeitig hastet in der Grabengasse – direkt unterhalb des Doms – eine Frau zu einer Gruppe Feuerwehrmänner. „Habt ihr noch eine Pumpe für mich? Bitte!“, fragt sie verzweifelt. Im Hintergrund heulen wieder Sirenen von Einsatzwagen auf. Seit Stunden geht das nun schon so. Passau versinkt. Und jeder, der sich am Montag in der Dreiflüssestadt aufhielt – er kam sich vor wie in einem Endzeit-Film. Bilder wie im Krieg!

Auch Fritz Mayer kann nur den Kopf schütteln. „So etwas gab es noch nie“, sagt der Wirt des bekannten Stiftskellers. Gut 400 Meter liegt sein Lokal vom Inn entfernt, das Wasser steht trotzdem im Keller. „Die ganzen Kühlaggregate, die Stromversorgung – es wird wohl alles kaputtgehen“, sagt der Gastronom und fährt sich durchs nasse Haar. Genau 12,40 Meter ist der Wasserstand der Donau zu diesem Zeitpunkt im bayerischen Venedig, wie Passau von Tourismus-Agenturen gern genannt wird. Das ist mehr als 1501 und 1954 bei den schlimmsten Flut-Katastrophen, die die Stadt je gesehen hat. Normal ist übrigens ein Pegel von vier bis fünf Metern.

In der Altstadt musste gegen Mittag sogar der Strom abgestellt werden. Etwa 700 Hilfskräfte sind mittlerweile im Einsatz. Wer nicht mehr aus seinem Haus kommt, wird von den Rettern per Wassertaxi abgeholt. Seit Montagmorgen sind 120 Soldaten der Bundeswehr dazugekommen.

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Doch sie sind nicht alleine: Wer am Montag durch das Wasser der Altstadt watete, der merkte schnell: Hier packt jeder an. So meldeten sich Studenten freiwillig, um Pumpen zu schleppen oder Sandsäcke zu füllen. Anwohner, die am Hang des Dombergs in Sicherheit sind, halfen Geschäftsleuten unterhalb, ihre Ladentüren mit Brettern zu schützen. Und Pizzerien und Döner-Stände verschenkten Essen an Helfer, denen der Hunger nach 18 Stunden Dauereinsatz buchstäblich ins Gesicht geschrieben stand. „Wir müssen doch zusammenhalten“, sagt der Inhaber eines Juwelier-Geschäfts. „So etwas können wir nur zusammen überstehen. Und es ist ja noch nicht vorbei.“ Am Abend erreichte die Donau-Flut ihren vermutlich höchsten Pegel, 12,80 Meter. Am Dienstag soll laut Experten das Wasser langsam zurückgehen. Problem: Besonders der Inn drückt massiv ins Stadtinnere. Er fließt schneller als die Donau, ist unberechenbarer. Und auch die Ilz ist meterhoch über die Ufer getreten.

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Ab 13.40 Uhr haben die Passauer kein Trinkwasser mehr, die Leitungen werden abgedreht, das Grundwasser ist verschmutzt. Nur noch das Klinikum wird notversorgt. In vielen Supermärkten herrscht Hochbetrieb – jeder deckt sich noch mit Trinkbarem ein. Auch das Gefängnis in der Theresienstraße musst evakuiert werden. 35 der 60 Gefangenen kommen nach Straubing, 24 in die JVA Landshut, einer kommt einen Tag vor Haft­ende frei.

Im trockenen Industriegebiet sind drei Evakuierungsbereiche eingerichtet worden. „Jeder, der sein Haus verlassen muss, findet hier Zuflucht“, sagt OB Jürgen Dupper. „Wir müssen nun nur hoffen, dass es am Dienstag endlich aufhört. Damit alles irgendwann wieder normal wird.“ Dann blickt er nach oben. Es regnet in Strömen.

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Armin Geier

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