Ulvi K. unschuldig?

Fall Peggy wird neu aufgerollt

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Peggys Leiche wurde nie gefunden

Bayreuth - 2001 verschwand die Schülerin Peggy spurlos. Ein geistig behinderter Mann wurde als ihr Mörder verurteilt. Doch jetzt hat ein Wiederaufnahmeantrag des Verteidigers Erfolg.

Der Fall Peggy wird neu aufgerollt. Zwölf Jahre nach dem Verschwinden der neunjährigen Schülerin hat das Landgericht Bayreuth die Wiederaufnahme des Strafverfahrens gegen den als Mörder verurteilten Ulvi K. angeordnet. Das Gericht bezweifelt inzwischen, dass der geistig behinderte Gastwirtssohn aus dem oberfränkischen Lichtenberg tatsächlich im Jahr 2001 das Kind umgebracht hat. Eine Leiche wurde bis heute nicht gefunden.

Ein Datum für die neue Hauptverhandlung stehe noch nicht fest, sagte Gerichtssprecher Thomas Goger am Montag. Man hoffe aber, in der ersten Hälfte des kommenden Jahres beginnen zu können.

Das Landgericht nannte zwei Wiederaufnahmegründe: Ein inzwischen verstorbener Belastungszeuge habe falsch ausgesagt. Der Mann war zusammen mit Ulvi K. im Bezirkskrankenhaus Bayreuth untergebracht. Er belastete Ulvi und behauptete, er habe ihm den Mord gestanden. 2010 allerdings sagte der Zeuge, er sei von der Polizei auf Ulvi angesetzt worden und habe gelogen. Die Zeugenaussage könnte Auswirkungen auf die Urteilsfindung im Jahr 2004 gehabt haben. Außerdem habe die Aussage auch eine wichtige Rolle für das damals gefertigte psychiatrische Sachverständigengutachten gespielt.

Und: Die Polizei habe schon vor Ulvis Geständnis konstruiert, wie die Tat abgelaufen sein könnte. Der geistig zurückgebliebene Ulvi K. wurde dann mit dieser sogenannten Tathergangshypothese konfrontiert und gestand bei der Polizei den Mord. Später widerrief er mehrmals dieses Geständnis und wiederholte es auch vor Gericht nicht. Das damals urteilende Gericht in Hof habe aber von der Existenz der Tathergangshypothese nichts gewusst, sagen die Bayreuther Kollegen heute.

Hier sucht die Polizei nach Peggys Leiche

Hier sucht die Polizei nach Peggys Leiche

Ulvi K. ist derzeit wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht. An diesem Freitag wird er 36 Jahre alt. Die 2004 gegen ihn verhängte lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes hat er noch nicht angetreten.

Gudrun Rödel, die vor einigen Jahren eine Bürgerinitiative ins Leben gerufen und seitdem für die Wiederaufnahme des Verfahrens gekämpft hatte, zeigte sich erfreut: „Das ist das, was wir seit Jahren wollten“, sagte sie der Nachrichtenagentur dpa. Im neuen Verfahren sehe sie sehr gute Chancen darzulegen, „dass Ulvi das Mädchen nicht umgebracht hat“.

Peggy aus Lichtenberg war im Mai 2001 verschwunden. Große Suchaktionen und etliche Ermittlungsansätze blieben ohne Erfolg. 2004 wurde Ulvi K. verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er Peggy umgebracht hatte, um den sexuellen Missbrauch an ihr zu vertuschen. Doch die Zweifel an seiner Schuld waren trotz des rechtskräftigen Urteils nie verstummt. Im April 2013 reichte der Anwalt Michael Euler den Wiederaufnahmeantrag ein. Vor wenigen Wochen erklärte die Staatsanwaltschaft Bayreuth, sie werde sich einer möglichen Wiederaufnahme nicht verschließen.

Die Anklagebehörde lässt seit 2012 selbst wieder in dem Fall ermitteln. So gab es im April 2013 eine große Suchaktion in Lichtenberg, die aber keine neuen Erkenntnisse brachte. Ins Visier von Kripo und Staatsanwaltschaft geriet zudem ein Mann aus Halle in Sachsen-Anhalt, der zum Zeitpunkt von Peggys Verschwinden ein enger Freund der Familie war.

Er gilt inzwischen als Tatverdächtiger, auch sein Elternhaus ist mittlerweile durchsucht worden. Der Mann selbst sitzt wegen des sexuellen Missbrauchs eines Kindes derzeit in Haft. Unabhängig vom Wiederaufnahmeverfahren gingen die Ermittlungen weiter, teilte die Staatsanwaltschaft Bayreuth mit. Details nannte die Anklagebehörde aber nicht.

Der Fall Peggy: Eine Chronik der Ereignisse

7. Mai 2001: Die neunjährige Peggy aus dem oberfränkischen Lichtenberg wird letztmalig auf dem Heimweg von der Schule gesehen. Ihre alleinerziehende Mutter gibt noch am Abend eine Vermisstenanzeige auf.

Mai 2001: Wochenlange Suchaktionen - unter anderem mit Tornados der Bundeswehr - bleiben ohne Erfolg.

August 2001: Der geistig behinderter Gastwirtssohn Ulvi K. wird festgenommen. Er gesteht, sich an Peggy und drei weiteren Kindern sexuell vergangen zu haben.

22. Oktober 2002: Die Ermittler präsentieren den 24-jährigen Gastwirtsohn als mutmaßlichen Mörder der spurlos verschwundenen Schülerin.

28. Februar 2003: Die Staatsanwaltschaft Hof erhebt Anklage wegen Mordes.

7. Oktober 2003: Vor dem Landgericht Hof beginnt der Prozess. Nach fünf Verhandlungstagen platzt er wegen fehlerhafter Besetzung der Strafkammer.

11. November 2003: Das Verfahren beginnt erneut.

30. April 2004:  Nach 26 Verhandlungstagen wird Ulvi K. wegen Mordes an Peggy zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt.

17. September 2010: Ein wichtiger Belastungszeuge will nach einem Bericht der „Abendzeitung“ seine Aussage widerrufen und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Ermittlungsbehörden.

19. Juli 2012: Die Staatsanwaltschaft Bayreuth kündigt eigene Prüfungen an.

04. April 2013: Der Anwalt Michael Euler beantragt beim Landgericht Bayreuth die Wiederaufnahme des Falls.

22. April 2013: Die Polizei sucht wieder nach Peggys Leiche. Hinweise führten die Ermittler zu einem Anwesen mitten in Lichtenberg. Knochen in einer Sickergrube stammen nicht von Peggy.

21. November 2013: Ein Mann aus Halle in Sachsen-Anhalt ist ins Visier der Ermittler gerückt. Er war ein enger Freund von Peggys Familie und gilt für die Staatsanwaltschaft mittlerweile als Tatverdächtiger. Sein Elternhaus wird durchsucht.

9. Dezember 2013: Das Landgericht Bayreuth ordnet die Wiederaufnahme des Verfahrens gegen Ulvi K. an. Wann der Prozess neu aufgerollt ist, steht noch nicht fest.

dpa

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