Ulvi K. unschuldig?

Fall Peggy wird neu aufgerollt

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Peggys Leiche wurde nie gefunden

Bayreuth - Bis heute wurde die Leiche der kleinen Peggy nicht entdeckt. Doch seit Jahren sitzt ein Mann hinter Gittern, der unschuldig sein könnte. Nun wird der Fall neu aufgerollt.

Erst der Fall Mollath, nun der Fall Peggy – innerhalb kürzester Zeit ist bereits das zweite bayerische Skandal-Urteil aufgehoben worden! Gestern um 13.09 Uhr kam der Paukenschlag aus Bayreuth: Das Landgericht ordnet die Wiederaufnahme des Mordprozesses in Sachen Peggy Knobloch an. Dafür hatte eine Bürgerinitiative um den verurteilten Gastwirtssohn Ulvi K. (35) seit der Verurteilung 2004 gekämpft. Nun sagen zum ersten Mal auch erfahrene Richter: Die Zweifel an der Schuld des behinderten Mannes sind gewichtig!

Aber es sind nicht Aussagen von Zeugen (die Peggy angeblich noch nach ihrem Verschwinden am 7. Mai 2001 gegen 13.15 Uhr gesehen haben wollen), die den Hofer Schuldspruch nun zu Fall brachten. Die 1. Jugendkammer des Landgerichts Bayreuth nennt in ihrem Beschluss zwei andere Gründe: Zum einen die Falschaussage von Peter H. (†53), einem Mit-Patienten von Ulvi K. aus dem Bayreuther Bezirkskrankenhaus. Der hatte im Prozess ausgesagt, Ulvi habe ihm die Tat im Krankenhaus gestanden. „Das war eine Falschaussage“, korrigierte sich der inzwischen an einem Hirntumor verstorbene Zimmermann später. Laut Gericht kann nicht sicher ausgeschlossen werden, dass diese Aussage Einfluss aufs Urteil hatte.

Peter H. hatte in einer eidesstattlichen Versicherung zudem erklärt, ihm seien die belastenden Angaben von der Soko Peggy in den Mund gelegt worden. Im Gegenzug sei ihm versprochen worden, ihn aus der Klapse zu holen. Das wirft ein zweifelhaftes Licht auf die Arbeit der Ermittler – genauso wie Punkt 2 des Wiederaufnahmebeschlusses.

So wusste das Landgericht Hof offenbar nichts von der Tat-Hergangshypothese eines Profilers, mit der Ulvi K. in seinen Vernehmungen 2002 konfrontiert wurde und die seinem (später widerrufenen) Geständnis bis ins Detail ähnelt. Der psychi­atrische Sachverständige schloss im Prozess aber aus, dass ihm der Tatablauf von den Beamten suggeriert worden sei. Ulvi beteuerte immer wieder seine Unschuld: „Ich wollte nur noch meine Ruhe haben.“

Hier sucht die Polizei nach Peggys Leiche

Hier sucht die Polizei nach Peggys Leiche

Im Prozess hatte sich zudem herausgestellt, dass man Ulvi K. mit Blutanhaftungen auf seinem am Tattag getragenen Arbeitsoverall konfrontiert hatte – obwohl dort gar nichts war. Wichtige Aufzeichnungen wollte Soko-Chef Wolfgang Geier weggeworfen haben. Und vermeintlich objektive Beamte, die als Zeugen geladen waren, mussten eingestehen, ihre Aussagen zuvor mit der Behördenleitung abgesprochen zu haben.

Wann der Prozess neu aufgerollt wird, steht noch nicht fest. Ulvi K. bleibt weiter im Bezirkskrankenhaus, wo er wegen sexueller Übergriffe auf Kinder behandelt wird.

Allerdings könnte im Wiederaufnahmeverfahren auch Holger E. (29) aus Halle als Zeuge geladen werden: Der verurteilte Kinderschänder gilt als neuer Hauptverdächtiger!

AGE

Hier sucht die Polizei nach Peggys Leiche

Der Fall Peggy: Eine Chronik der Ereignisse

7. Mai 2001: Die neunjährige Peggy aus dem oberfränkischen Lichtenberg wird letztmalig auf dem Heimweg von der Schule gesehen. Ihre alleinerziehende Mutter gibt noch am Abend eine Vermisstenanzeige auf.

Mai 2001: Wochenlange Suchaktionen - unter anderem mit Tornados der Bundeswehr - bleiben ohne Erfolg.

August 2001: Der geistig behinderter Gastwirtssohn Ulvi K. wird festgenommen. Er gesteht, sich an Peggy und drei weiteren Kindern sexuell vergangen zu haben.

22. Oktober 2002: Die Ermittler präsentieren den 24-jährigen Gastwirtsohn als mutmaßlichen Mörder der spurlos verschwundenen Schülerin.

28. Februar 2003: Die Staatsanwaltschaft Hof erhebt Anklage wegen Mordes.

7. Oktober 2003: Vor dem Landgericht Hof beginnt der Prozess. Nach fünf Verhandlungstagen platzt er wegen fehlerhafter Besetzung der Strafkammer.

11. November 2003: Das Verfahren beginnt erneut.

30. April 2004:  Nach 26 Verhandlungstagen wird Ulvi K. wegen Mordes an Peggy zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt.

17. September 2010: Ein wichtiger Belastungszeuge will nach einem Bericht der „Abendzeitung“ seine Aussage widerrufen und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Ermittlungsbehörden.

19. Juli 2012: Die Staatsanwaltschaft Bayreuth kündigt eigene Prüfungen an.

04. April 2013: Der Anwalt Michael Euler beantragt beim Landgericht Bayreuth die Wiederaufnahme des Falls.

22. April 2013: Die Polizei sucht wieder nach Peggys Leiche. Hinweise führten die Ermittler zu einem Anwesen mitten in Lichtenberg. Knochen in einer Sickergrube stammen nicht von Peggy.

21. November 2013: Ein Mann aus Halle in Sachsen-Anhalt ist ins Visier der Ermittler gerückt. Er war ein enger Freund von Peggys Familie und gilt für die Staatsanwaltschaft mittlerweile als Tatverdächtiger. Sein Elternhaus wird durchsucht.

9. Dezember 2013: Das Landgericht Bayreuth ordnet die Wiederaufnahme des Verfahrens gegen Ulvi K. an. Wann der Prozess neu aufgerollt ist, steht noch nicht fest.

dpa

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