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„Ich finde keine Worte“: Pflegefachkraft packt über Situation an bayerischer Klinik aus

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Von: Katarina Amtmann

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 Intensivstation im Klinikum
Die Situation in Bayerns Krankenhäusern spitzt sich zu. Eine Pflegefachkraft aus Franken berichtet (Symbolbild). © IMAGO / Leonhard Simon

Viel Arbeit, wenig Personal. Die Situation an Bayerns Krankenhäusern sei nicht nur angespannt, „es brennt lichterloh“, so eine Pflegefachkraft.

München – Die Pandemie hat eine Berufsgruppe besonders in den Fokus gerückt: die Pflegekräfte. Doch diese fühlen sich in der anhaltenden Corona-Krise immer mehr alleingelassen. Es gibt viel Arbeit, viel Verantwortung und zu wenig Personal. „Ich finde keine Worte“, sagt eine Pflegefachkraft aus Franken zur aktuellen Situation an ihrer Klinik im Gespräch mit tz.de. Sie will anonym bleiben.

Pflegepersonal wird verheizt – „Es ist nicht angespannt, es brennt lichterloh“

„Pflegepersonal wird verheizt,“ sagt sie. Immer wieder würde es heißen, die Lage sei angespannt. „Es ist nicht angespannt, es brennt lichterloh“, findet sie klare Worte.

Sie liebt ihren Job – das wird in dem Gespräch deutlich. „Ich häng an dem Haus, ich häng an den Leuten, wir machen großartige Medizin.“ Ihr blute deshalb das Herz, wenn Kollegen kündigen.

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„Die sehen kein Land“ - Notaufnahmen abgemeldet

Und das kommt immer öfter vor. Zu wenig Wertschätzung, zu wenig Gehalt, dafür anstrengende Arbeitsbedingungen und viel Verantwortung. In Nürnberg seien regelmäßig die Notaufnahmen abgemeldet, „die sehen kein Land“, berichtet sie von den dortigen Kliniken. Auf dem Portal Ivena könne das auch jeder selbst nachsehen. „Das könnten auch ein Herr Lauterbach oder ein Herr Holetschek tun. Aber es interessiert niemanden“, wird sie deutlich.

Viele Mitarbeiter würden in die Zeitarbeit gehen: mehr Geld, ein Firmenauto, spontan Urlaub nehmen – das sind dort die Vorteile, für die Dienstplanung sei das aber eine Herausforderung. Die Zeitarbeit würde sie nicht verbieten wollen, aber die Löhne für die Pfleger müssten erhöht werden, „sonst laufen ihnen alle davon.“

Krankenhäuser in Bayern: Fränkische Pflegerin frustriert über Corona-Politik

Auch die Corona-Politik lässt sie verzweifeln. Es gebe keinen Plan mehr für das Virus und man bekomme auch kein Geld mehr für Corona-Patienten, dabei sei die Arbeit die gleiche wie vergangenes Jahr. Und „die Welle rollt jetzt erst an.“

Es gebe mehr Infekte, weil niemand mehr Maske trage, das Norovirus komme und die Grippe „startet jetzt auch schon“. Diese Leute müsse man ebenfalls isolieren. „Das Norovirus kann ich nicht zum Herzinfarkt legen.“

„Es ist eigentlich noch viel dramatischer. Menschen sterben, ganz einfach"

Die Situation ist aber nicht nur für die Pflegekräfte und Ärzte schwierig, sondern auch für die Patienten. Dass ein Herzinfarkt-Patient als Notfall in jedem Fall gut versorgt wird, scheint ein Irrglaube zu sein. Es müsse nämlich erstmal ein Krankenhaus gefunden werden, das einen Herzkatheter habe und „Zeit ist Muskel“, warnt die Pflegefachkraft.

Die letzte Winterwelle hat uns so richtig gekillt, uns sind die Leute gestorben wie Fliegen

Fränkische Pflegefachkraft im Gespräch mit tz.de

„Es ist eigentlich noch viel dramatischer. Menschen sterben, ganz einfach“, schildert sie die Situation. Wenn jemand eine Lungenembolie habe, brauche man jemanden, der sich drum kümmern und den Monitor überwachen könne, nennt sie ein weiteres Beispiel. Wenn man dafür niemanden habe, komme der Patient eventuell auf die Normalstation. Das habe es schon gegeben, gibt sie zu, erklärt aber ohne Umschweife: Es könne so oder so ausgehen. Ihr Haus versuche zwar, solche Fälle in einer anderen Klinik unterzubringen, aber „verleg die mal“, sagt sie. Viele Häuser hätten schlicht keine Kapazitäten mehr.

Pflege-Notstand in Bayern: „Nicht machbar“

Außerdem sind die Mitarbeiter schon lange an ihre Grenzen gekommen: „Die letzte Winterwelle hat uns so richtig gekillt, uns sind die Leute gestorben wie Fliegen“, berichtet sie. Jeden Tag habe es eine Kellerfahrt gegeben. „Das macht was mit dir“, erklärt sie, wenn man zum Beispiel 33-jährige Familienväter in den Keller fahren müsse. Sowas würde man nicht nochmal überstehen – auch emotional.

Wiesn-Bedienung auf TikTok: „Schlag ins Gesicht“ für Pfleger

War es in einer solch angespannten Situation richtig, das Oktoberfest stattfinden zu lassen? „Ich kann es verstehen, dass gerade junge Leute - die haben unglaublich auch verzichtet - dass man wieder Fete machen will, ist legitim.“ Sie hätte sich aber gewünscht, dass die Besucherzahl ein bisschen eingeschränkt geworden oder ein deutlicherer Appell gekommen wäre, sich zu testen.

Für die Wiesn-Bedienung, die auf TikTok damit geprahlt hat, mehrere Tage krank im Festzelt gearbeitet zu haben und für ihr Video über 100.000 Likes bekommen hat, hat sie dagegen kein Verständnis. Das sei ein „Schlag ins Gesicht“ gewesen.

Corona laufen lassen oder Pflegejob attraktiv machen? Kritik an Lauterbach

Sie ist der Meinung, dass man lernen müsse, mit Corona zu leben. Man müsse aber auch ein bisschen umsichtig sein in Bezug auf das Gesundheitssystem. Entweder man lasse es laufen, mit allen Konsequenzen, „und dann sterben Leute und zwar viele.“ Oder man müsse den Job attraktiver machen: eine 35-Stunden-Woche, ein höheres Gehalt, nach 35 Jahren abschlagsfrei mit 63 in Rente gehen, mehr Urlaub, ein leichter Wiedereinstieg für Mütter, mehr Mitspracherecht für Kollegen, so ihre Vorschläge in Richtung Politik.

Gesundheitsminister Karl Lauterbach hat sie allerdings auf Twitter blockiert. „Ich kann es nicht ertragen“, sagt sie. Überall werde gestreikt – unter anderem in der Berliner Charité und in NRW – doch ändere sich nichts. „Mit welcher Ignoranz er uns begegnet, ist bewundernswert.“

Pflegenotstand in Bayern: Was muss passieren?

Pflegenotstand: Fränkische Pflegerin äußert Wunsch an Markus Söder

Und Markus Söder? Sie würde sich wünschen, dass der CSU-Chef mal in eine Notaufnahme gehe. Er solle sich das für zwei Stunden anschauen, „ohne Presse und Publicity“ und ohne die Klinikleitung. Denn weder Lauterbach, Lindner noch Söder werden jemals ein Wartezimmer von innen sehen, um die Situation mitzubekommen, ist sie sich sicher.

Sollte sich nichts in der Pflege ändern, denkt sie auch an eine Kündigung. Doch den Beruf verlassen würde sie nicht, sondern in die Zeitarbeit wechseln. Denn sie liebe ihren Beruf und sei gut darin, doch in der Zeitarbeit könnte sie sich wenigstens „das Elend ordentlich bezahlen lassen.“

„Der Mensch ist halt auch wichtig“: Pflegefachkraft mit eindringlichem Appell

Alles sei wichtig, Gaspreise und Krieg zum Beispiel, sagt sie am Ende des Interviews. „Aber der Mensch ist halt auch wichtig“, besonders der kranke Mensch. Es könne immer etwas sein: mit einem selbst, mit den Eltern, Kindern oder Freunden. „Da willst du ja auch, dass sich jemand gut um dich kümmert und sich auch mal eine Minute Zeit nimmt, wenn du grad Angst hast“, sagt sie. „Da muss halt eine Lösung her, am besten gestern.“ (kam)

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