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Plötzlich stand Joline brennend in der Küche

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Joline kann wieder lachen. Vor zwei Jahren wurde ihr ein Feuerzeug zum Verhängnis. Die Narben werden bleiben. © beez

München - Es sind neun Worte, die Heidi W. (39) bis in ihre Träume verfolgen: „Messer, Gabel, Schere, Licht sind für kleine Kinder nicht.“ Sie hatte es ihrer Tochter eingebläut, doch es half nichts.

Immer wieder fragt sich die fünffache Mutter, wie oft sie ihrer jüngsten Tochter den Kinderreim eingebläut hat – und warum Joline trotzdem dieses eine verfluchte Mal nach dem Feuerzeug griff. Eine Antwort, irgendeinen Ausweg aus der Gedankenhölle findet Heidi W. nicht: „Wenn ich doch nur die Zeit zurückdrehen könnte…“

Es geschah auf den Tag genau vor zwei Jahren: Die Mama und ihre vier älteren Kinder schlafen noch, als Joline unbemerkt ihr Bettchen verlässt und in die Küche tappst. Auf dem Tisch liegt ein Feuerzeug. Neugierig nimmt es die Vierjährige in ihre Händchen. Sie drückt es an ihren Bauch, spielt am Zündrad herum. Die Flamme schießt hoch, Jolines T-Shirt fängt Feuer. Binnen Sekunden züngeln die Flammen am Oberkörper hoch bis zu den Haaren. Instinktiv schlägt Joline die Hände vors Gesicht, dadurch bleibt es von Verbrennungen verschont. Aber ihren Bauch und die Arme kann sie nicht schützen.

Inzwischen haben Jolines Schreie die Familie aus dem Schlaf gerissen. Heidi W. sowie ihre Kinder Jacqueline und Kevin stürmen in die Küche. „Dort stand die Joline – brennend. Ich war geschockt, wie benommen“, erinnert sich die Mama. Sie schlagen die Flammen aus, zerren der Kleinen zu Dritt die Kleider vom Körper. Dann reißt die alleinerziehende Mutter den Gefrierschrank auf, stellt ihre Tochter direkt davor, um ihre Wunden zu kühlen. Fast ohnmächtig vor Panik ruft sie einen Bekannten an, der Mann eilt zur Hilfe. Gemeinsam packen sie Joline in eine Decke und rasen in ein nahes Krankenhaus.

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Die Kemptner Ärzte geben Joline starke Schmerzmittel. Kurz darauf wird Joline mit einem Rettungshubschrauber nach München geflogen. Die Mama hetzt mit dem Auto hinterher. „Ich hatte so furchtbare Angst um meine Kleine.“ Im Schwabinger Krankenhauses müssen die Spezialisten geschmolzenes Plastik entfernen, das sich in Jolines Haut gebrannt hat – es stammt vom Mickey-Maus-Aufdruck des T-Shirts. Der Eingriff war der Beginn eines Operationsmarathons, den Joline durchstehen musste. „Wir haben sie insgesamt acht Mal unter Narkose behandelt“, erinnert sich der leitende Oberarzt Dr. Hans Grundhuber. An Jolines Kopf und an ihren Beinen entnahmen die Chirurgen gesunde Hautschichten, um sie an die verbrannten Körperpartien zu transplantieren. „Gott sei Dank sind wir an so gute Ärzte geraten“, betont Heidi W.

Nach acht Wochen durfte Joline die Klinik verlassen. Heute, zwei Jahre nach dem Unfall, kann sie ein relativ normales Leben führen. „Alle zwei Monate fahren wir zur Kontrolle nach München. Außerdem muss Joline regelmäßig zur Krankengymnastik. Sie soll verhindern, dass Joline in Folge der Verbrennungen eine gekrümmte Haltung einnimmt“, erklärt die Mama. Aber auch die beste Medizin kann nichts daran ändern, dass Joline Narben am Bauch und an den Beinen bleiben werden.

Jolines Mama macht sich natürlich Vorwürfe: „Hätte ich doch nur dieses verdammte Feuerzeug nicht auf dem Tisch liegen lassen. Ich würde alles dafür geben, wenn ich den grausigen Unfall ungeschehen machen könnte.“ Während die Mutter bei Joline im Krankenhaus blieb, übernahm die älteste Tochter Jacqueline den Haushalt, kümmerte sich um ihre drei Brüder. Ein familiärer Kraftakt, dem Heidi W. heute auch etwas Positives abgewinnen kann: „Es war toll, wie die Kinder zusammengehalten haben. Ich bin sehr stolz auf sie.“ Und noch viel mehr natürlich auf ihr Nesthäkchen. Trotz des Martyriums, das sie durchgestanden hat, ist Joline ein aufgeschlossenes Kind – ihre Lebensfreude steckt an.

„Wir feiern Weihnachten, so kurz vorm Jahrestag des Unfalls, nicht mehr so fröhlich wie früher“, erzählt Heidi W. Aber über ein Gottesgeschenk freut sich die Mutter unermesslich: „Dass es meiner Joline wieder viel, viel besser geht.“

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„Wenn mehr als zehn Prozent der Hautoberfläche verbrannt sind, können diese Verletzungen für Kinder lebensgefährlich werden“, erläutert Dr. Hans Grundhuber. Der leitende Oberarzt am Schwabinger Krankenhaus ist Spezialist für die Behandlung von Brandverletzungen. In der tz erklärt Dr. Grundhuber, wie man nach einem Unfall richtig handelt:

Die Kleidung vom Körper entfernen.

Die verletzten Körperpartien anschließend sofort kühlen. Am besten mit Leitungswasser – es sollte ungefähr Zimmertemperatur haben. Eine verletzte Hand oder einen Arm kann man beispielsweise ins Waschbecken tauchen. Großflächige Verbrennungen oder Verbrühungen in der Dusche vorsichtig abbrausen. Aber keinesfalls länger als zehn Minuten – sonst besteht gerade bei Kindern die Gefahr einer Unterkühlung. Ihre Körpertemperatur kann relativ schnell unter 35 Grad sinken.

Den Patienten nach der Kühlung warm einpacken. Nur trockene und saubere Tücher verwenden. Keine Salben auftragen.

Die Rettungsleitstelle anrufen (Notruf 110).

Andreas Beez

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