Prügelvorwürfe gegen Glaubensgemeinschaft

"Zwölf Stämme": Polizei bringt 40 Kinder in Sicherheit

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Klosterzimmern liegt einsam bei Deiningen im Nördlinger Ries.

Deiningen - Bei einem Polizeieinsatz sind am Donnerstag alle 40 Kinder aus der Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme" abgeholt worden. Sie sollen misshandelt worden sein.

Wie der Bayerische Rundfunk meldet, hat dies ein Familiengericht wegen Prügelvorwürfen in der Gemeinschaft beschlossen.

Laut einer Sprecherin des Landratsamtes Donau-Ries hatte der Polizeieinsatz gegen 6 Uhr in der Früh begonnen. Alle 40 Kinder und Jugendliche  wurden aus der Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme" in Klosterzimmern bei Deiningen (Landkreis Donau-Ries) geholt, 12 weitere in Wörnitz (Kreis Ansbach).

Auch die Polizei in Augsburg bestätigte gegenüber merkur-online den Einsatz. Es habe sich um einen Unterstützungseinsatz zur Durchsetzung des Beschlusses des Amtsgericht Nördlingen gehandelt. Diese haben den Eltern vorläufig das Sorgerecht entzogen. Das Gelände wurde abgesperrt, alle Kinder wurden aus den Häusern geholt. Etwa 100 Beamte waren an dem Einsatz beteiligt.

"Massiver Verstoß gegen die gewaltfreie Erziehung"

Das Amtsgericht Nördlingen sah das Wohl der Kinder gefährdet. Gerichtsdirektor Helmut Beyschlag berichtete über massive Vorwürfe von ehemaligen Mitgliedern der Gemeinschaft. Es ist von wochenlanger Isolation, von „Herabdrücken des Kopfes“, „Eindämmen des Bewegungsdrangs“ sowie „Festhalten der Gliedmaßen“ die Rede. „Das halte ich schon für relativ schwerwiegend und quälend“, betont der Richter. „Es lag wohl ein massiver Verstoß gegen die gewaltfreie Erziehung vor“, lautet sein Fazit.

Das Jugendamt in Donauwörth beschrieb die Polizeiaktion in Klosterzimmern als relativ emotionslos. Die Kinder hätten sich nicht an ihre Eltern geklammert, als sie mitgenommen werden sollten, beschrieb Jugendamtsleiter Alfred Kanth die Situation. „Darüber habe ich mir schon meine Gedanken gemacht.“ Üblich sei das nicht. Nun sollten die Kinder erstmal zur Ruhe kommen.

Von der Glaubensgemeinschaft war keine konkrete Stellungnahme zu dem vorläufigen Sorgerechtsentzug zu erhalten. „Wir vertrauen auf unseren Gott. Es liegt in seiner Hand“, sagte ein Mitglied der „Zwölf Stämme“ der Nachrichtenagentur dpa.

Die Kinder und Jugendlichen sind nun in der Obhut des Jugendamtes.

Mit der Polizeiaktion wird zunächst auch der Dauerkonflikt um die Schulpflicht der Buben und Mädchen beendet. Die „Zwölf Stämme“ hatten sich stets geweigert, ihre Kinder in staatliche Schulen zu schicken - unter anderem wegen des Sexualkundeunterrichts. 2004 waren mehrere Väter deswegen sogar in Erzwingungshaft gekommen, die von den Behörden verhängten Buß- und Zwangsgelder hatten sich einst auf 150 000 Euro addiert.

Kinder müssen auf "normale" Schule gehen

Um den Streit zu lösen, wurde der Gemeinschaft vom Kultusministerium dann eine sogenannte Ergänzungsschule genehmigt. Die „Zwölf Stämme“ konnten die Schüler in eigener Verantwortung unterrichten, doch zuletzt konnten sie keinen geeigneten Lehrer mehr benennen. Vor den Sommerferien schloss das Ministerium deswegen die Privatschule. Die Glaubensgemeinschaft zeigte sich wenig beeindruckt und stellte einen neuen Antrag auf eine eigene Schule.

Diese Frage ist nun erstmal vom Tisch, auch wenn die Nördlinger Gerichtsentscheidung noch nicht rechtskräftig ist. Geprüft werden müsse der Antrag zwar, sagte Ministeriumssprecher Ludwig Unger. Doch angesichts der neuen Vorwürfe, „hat dieser Antrag derzeit keine Chance auf eine Genehmigung“, betont er. Die Kinder der „Zwölf Stämme“ dürfen nun erstmals seit mehr als einem Jahrzehnt in eine Regelschule gehen: Das Ministerium geht davon aus, dass die Pflegefamilien sie zum Schulstart in der kommenden Woche ganz normal in staatliche Schulen oder anerkannte Privatschulen schicken werden.

Die zwölf Stämme geraten immer wieder in die Kritik. Bei einem Polizeieinsatz im Jahr 2004 sind sieben Familienväter festgenommen und ins Augsburger Gefängnis gebracht worden. Die Gemeinschaft weigert sich seit Jahren aus religiösen Gewissensgründen, ihre Kinder in die staatliche Schule zu schicken,und hatte deswegen verhängte Geldbußen nicht bezahlt.

Stichwort "Zwölf Stämme"

Die Glaubensgemeinschaft „Zwölf Stämme“ sieht sich in der Tradition der Urchristen vor rund 2000 Jahren. Ihre Anhänger folgen den Worten und Werten von Jesus Christus, den sie hebräisch Jahschua nennen. Zu ihren wichtigsten Werten zählen die „Zwölf Stämme“ Liebe, Ehrfurcht vor Gott, Familie und Freundschaft. „Unsere Liebe füreinander durchbricht die Barrieren von Nationalität, Hautfarbe, Kultur und sozialer Herkunft“, heißt es auf der Homepage der in den USA entstandenen Gruppe. Rund 2000 Mitglieder zählt die bibeltreue Gemeinschaft derzeit nach eigenen Schätzungen weltweit. Wie eine Familie leben die Mitglieder unter einem Dach, feiern täglich Andacht, essen meistens auch zusammen. Die Arbeit wird geteilt, der Besitz gehört allen gemeinsam. „Bei uns gibt es daher auch keine Reichen und Armen“, heißt es in der Selbstdarstellung.

weg/dpa

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